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Erik Zabel im Interview : „Niemand kann alleine gewinnen“

  • Aktualisiert am

Zabel: Armstrong kommt hochmotiviert und streitlustig zur Tour Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Radprofi Erik Zabel vor dem Rennen Rund um den Henninger-Turm im F.A.Z.-Interview über Moral, Motivation und Mannschaft, Taktik, Training und Tour.

          6 Min.

          Radprofi Erik Zabel vor dem Rennen Rund um den Henninger-Turm im F.A.Z.-Interview über Moral, Motivation und Mannschaft, Taktik, Training und Tour.

          Wie groß ist Ihr Ehrgeiz für das Henninger-Rennen?

          Ich habe mir noch nie Sorgen machen müssen um meinen Ehrgeiz. Der ist groß. Der Henninger-Turm ist ein sehr wichtiges Rennen für unser Team. Es ist in meinen Augen immer noch das anspruchsvollste deutsche Eintagesrennen. Dann ist es natürlich auch ganz klar eine Prestigefrage zwischen den beiden deutschen Pro-Tour-Teams T-Mobile und Gerolsteiner. Und die kleineren deutschen Mannschaften wie Wiesenhof oder Lamonta wollen auch mitmischen. Ich bin der einzige deutsche Fahrer, der das Rennen bislang zweimal gewinnen konnte, und es ist natürlich immer schön, an einen Ort zu kommen, wo man schon einmal gut gefahren ist. Das gibt automatisch gute Moral und die Motivation, es vielleicht noch mal zu schaffen.

          Ist das Henninger-Rennen für Sie auch eine Empfehlungschance für die Tour de France?

          Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich stelle die Mannschaft für die Tour nicht auf. Das macht die Teamleitung von T-Mobile, Walter Godefroot und Olaf Ludwig, und die hat es schwer genug, den besten Weg zu finden, die neun Fahrer, die den besten Erfolg in Frankreich versprechen.

          Wie sehen Sie Ihre Chancen?

          Man kann noch nichts Konkretes sagen zu diesem Thema.

          Sie wollen keine öffentliche Diskussion über das Thema? Warum so zurückhaltend?

          Weil sich die Situation seit dem vergangenen November, als diese Diskussion hohe Wellen schlug, nicht geändert hat. Die Mannschaft für die Tour wird Ende Juni bekanntgegeben. Bis dahin ist es sicherlich vernünftig, sich nicht groß in den Vordergrund zu stellen.

          Macht es Sinn, als Einzelkämpfer im Sprint in die Tour zu gehen? Auf starke Helfer können Sie wohl kaum hoffen.

          Das hängt von meiner eigenen individuellen Stärke ab. Als ich 2001 kurzfristig erfahren habe, daß mein Helfer Fagnini nicht mit zur Tour darf, habe ich trotzdem drei Etappen und das Grüne Trikot gewonnen. Also ich denke, daß ich diese Frage in der Vergangenheit schon beantwortet habe. Ob ich jetzt noch über die Stärke der Jahre 1996 bis 2001 verfüge, diese Frage kann ich nicht beantworten.

          Die Tour gewinnt der stärkste Fahrer, nicht die stärksten Helfer. Kann das T-Mobile-Team Ullrich überhaupt helfen, Armstrong zu schlagen?

          Niemand kann alleine irgend etwas gewinnen. Es ist existentiell wichtig, daß die Mannschaft gut funktioniert, sonst kann Jan die Einzelwertung nicht gewinnen. Jeder einzelne aus dem Team kann nicht einmal auf einer Etappe glänzen, wenn er nicht die Unterstützung der Mannschaft hat. Das ist ein Naturgesetz des Profiradsports. Ich denke aber, daß auch die Verantwortlichen intelligent genug sind zu wissen, daß, je nachdem, wie die Saison für uns bis jetzt verlaufen ist (nur ein Sieg durch Winokurow, die Redaktion), jeder einzelne Teilerfolg sehr wichtig sein kann. Von wem auch immer. In den vergangenen Jahren ist man mit zweiten und dritten Plätzen speziell von mir sehr kritisch umgegangen - das wären jetzt natürlich schon Erfolge, auf die man stolz sein könnte.

          Was wäre für Sie ein Jahr ohne Tour? Ein Grund aufzuhören?

          Eine gute Frage. Ich kann sie erst beantworten, wenn es mich treffen würde.

          Ihr Verhältnis zu Teamchef Godefroot gilt als sehr gut. Nähmen Sie eine Nichtnominierung persönlich?

          Das würde auf das persönliche Verhältnis zu Walter Godefroot oder Olaf Ludwig keinen Einfluß haben.

          Haben Sie Ihren Fahrstil umgestellt? Bei der Flandern-Rundfahrt hat Ihr offensiver Auftritt viele Beobachter überrascht.

          Ich hatte bei der Flandern-Rundfahrt einen guten Tag erwischt. Er und Mailand- San Remo waren wahrscheinlich meine beiden besten Tage in der bisherigen Saison. Zusätzlich kam die etwas neue Situation für mich, daß ich im Rennen eine freiere Rolle hatte und unsere Kapitäne Wesemann und Klier so gut wie möglich unterstützen sollte. Ich war froh, daß es mir gelungen ist, durch die offensive Fahrweise das Feld ein bißchen aufzubrechen und den Weg für Klier freizumachen. Insofern war ich mit dem Ergebnis und der Fahrweise zufrieden.

          Werden Sie Ihren Stil dauerhaft umstellen?

          Nein, das kann man so nicht sagen. Es kommt immer darauf an, in welcher Situation ich bei welchem Rennen fungieren muß. Wenn zum Beispiel beim Henninger-Turm die Möglichkeit besteht, daß eine Gruppe von zwanzig, dreißig Fahrern zusammen zum Ziel kommt und ich da drin sein sollte, dann muß ich natürlich sehen, daß ich so frisch wie möglich aus dem Taunus auf die Zielrunden komme, um dann noch einen guten Spurt zu fahren. Das heißt dann natürlich auch, daß ich vorher keine verrückten Sachen machen kann, dann sind andere aus der Mannschaft gefordert, entweder ihre Chance zu suchen oder mich so zu unterstützen, daß es im Sprint funktionieren kann. Es hängt also immer von der Kondition ab und von der taktischen Konstellation, die die Mannschaftsleitung für die einzelnen Fahrer vorgibt.

          Wann wird die Renntaktik festgelegt, zum Beispiel für "Rund um den Henninger-Turm"?

          Entweder am Abend vor dem Rennen oder erst am Morgen. Die acht Fahrer kommen zusammen, die Mannschaftsleitung hat zuvor mit den einzelnen Fahrern gesprochen und gefragt, wie sich jeder einschätzt. Dann sitzt die Mannschaftsleitung zusammen, bespricht die mögliche Taktik. Oft ist es auch so, daß man am Morgen in der Mannschaftsbesprechung noch auf neue Sachen eingehen muß. Einer hat schlecht geschlafen, fühlt sich nicht gut. Ein anderer hat über Nacht irgendein Zipperlein bekommen, darauf muß aktuell reagiert werden. Wenn alles klar ist, werden die Aufgaben verteilt.

          Wie ehrlich ist man als Fahrer bei der Selbsteinschätzung vor dem Rennen, wenn es um schlaflose Nächte und andere Zipperlein geht?

          Man muß ehrlich sagen, okay, ich kann diese Aufgabe erfüllen oder ich kann sie nicht erfüllen. Man würde sich selbst nur schaden, wenn man sich besser machen würde, als man ist. Aber es ist auch mir schon passiert, daß ich vor dem Rennen gesagt habe, ich fühle mich gut - und war dann im Sprint schwach. Ähnliches hat jeder andere Kapitän auch schon erlebt.

          Der groß angekündigte Zweikampf in Frankfurt fällt aus: Zabel gegen Hondo, und er fällt dauerhaft aus. Jetzt bleibt der alte Zabel die deutsche Nummer 1 der Sprinter. Was sagen Sie zum Dopingfall Hondo?

          Gar nichts. Ich muß nicht zu allem meinen Senf dazugeben.

          Ein Gegner weniger für Sie, aber auch eine Attraktion weniger für die Zuschauer.

          Man hat bei "Rund um Köln" gesehen, daß dieses Duell aufgebauscht wurde und dazu führte, daß wir, Hondo und ich, uns so sehr in Manndeckung genommen haben, daß die Entscheidung ohne uns stattfand. Das alles war sehr schwierig, gerade bei der Konkurrenz der beiden großen deutschen Teams. Wenn man ehrlich ist, dann gibt es immer die Gefahr, daß eine Denke entsteht, die sagt: Wir können jetzt nicht gewinnen, aber ihr dann auch nicht. Aus dieser Situation heraus haben bei deutschen Rennen die kleineren Mannschaften oft ihren Vorteil gezogen.

          Hatten Sie Kontakt zu Hondo in den letzten Wochen?

          Nein.

          Armstrong hat seinen Rücktritt nach der Tour de France angekündigt: Ein Vorteil oder ein Nachteil für Ullrich?

          Ich kenne Armstrong ganz gut. Eines ist garantiert: Egal, was passiert, er wird immer hochmotiviert und streitlustig in die Tour de France gehen. Egal, was vorher war, und egal, was vorher gesagt und geschrieben wurde.

          Haben Sie eigentlich Ihr Training verändert?

          Ja.

          Inwiefern?

          Darüber rede ich nicht gern. Training betrachte ich als meine Privatsache. Ich verspüre nicht das Bedürfnis, mich zu jedem Thema zu äußern - im Gegensatz zu anderen, die alle Veränderungen, Neuerungen, Verbesserungen mitteilen. Ich kann nur soviel sagen, daß ich erkannt habe, daß ich, was die Quantität des Trainings, den Umfang, betrifft, wenig Luft nach oben habe. Daß ich deshalb versuche, qualitativ das Training noch zu verbessern, zu verfeinern.

          Sie gelten als Trainingsbesessener, und die Schinderei soll Ihnen noch immer Spaß machen?

          Das ist mein Job, den ich sehr gerne mache. Es ist auch meine Passion, und ich war immer der Meinung: Wenn ich zu den Besten der Welt gehören will, dann muß ich auch ein bißchen mehr tun als alle anderen. Ich hatte mal einen klugen Trainer auf der Bahn, der hat gesagt, wenn du sicher sein willst, daß du ein Punktefahren gewinnen kannst, dann mußt du in der Lage sein, einen größeren Gang als die Konkurrenz zu fahren und den flüssig rumzukriegen. Und so ähnlich sehe ich es auch beim Training. Ich verfüge über ein gutes Talent, aber nur mit Talent kommst du nur auf ein gewisses Niveau, der Rest geht nur mit harter Arbeit. Wenn ich besser sein will als die anderen, muß ich auch härter arbeiten.

          Und wo finden Sie dabei den Spaß?

          Grundsätzlich fahre ich lieber Rennen, als daß ich trainiere. Ich hatte im vergangenen Jahr neue Wege beschritten, ohne die Klassiker im April. Ich hatte im Frühjahr mehr Kilometer im Training als die Klassikertruppe mit Rennen und Training zusammen, aber so richtig gezündet hat es nicht. Auf der andere Seite hat es mich runtergezogen, daß ich die Klassiker am Fernseher anschauen mußte: die Flandern-Rundfahrt, Gent-Wewelgem, Paris-Roubaix. Daraus habe ich die Lehre gezogen, das zu tun, was mir Spaß macht, was mich befriedigt. Also bin ich in diesem Jahr wieder Klassiker gefahren.

          Wo liegt der Spaß beim Henninger-Turm?

          Man muß unterscheiden. Es gibt Rennen, die so wichtig sind, bei denen man so unter Druck steht, daß der Spaß erst an zweiter Stelle kommt. Der Henninger-Turm ist so ein Rennen. Ich fahre jetzt, glaube ich, zum 13. Mal als Profi beim Henninger, es ist immer dasselbe Ritual, was schön ist, sind die vielen Zuschauer, das ist für alle ein Erlebnis. Auf der anderen Seite ist es immer so gewesen, daß wir in Frankfurt als Team gezwungen waren, das Rennen zu machen, die Verantwortung zu übernehmen. Die Konkurrenz schaut immer extrem auf uns, und für die Mannschaft ist der Henninger am 1.Mai immer nicht nur ein Tag der Arbeit, sondern ein Tag der sehr harten Arbeit. Das weiß man vorher. Das ist ungefähr so, wie wenn man zum Zahnarzt geht und der bohrt. Man weiß, das tut weh. So ist das beim Henninger-Turm. Man fährt einmal im Jahr hin, und man weiß, es tut weh.

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