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Erik Zabel im Interview : „Ich bin nicht der größte Loser hinter Petacchi“

  • Aktualisiert am

Erik Zabel hat keinen Spaß an der Tour im Fernsehen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Radrennfahrer Erik Zabel vor der an diesem Sonntag beginnenden Saison im F.A.Z.-Sportgespräch über seine Rolle als Neuprofi beim Team Milram, saubere Milch und sein Verhältnis zum italienischen Sprintstar Alessandro Petacchi.

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          Radrennfahrer Erik Zabel vor der an diesem Sonntag mit dem Etappenrennen Paris - Nizza (5. - 12. März) beginnenden ProTour über seine Rolle als Neuprofi beim Team Milram, über saubere Milch und sein Verhältnis zum italienischen Sprintstar.

          Das T-Mobile-Team gilt als eine Art "Traumschiff" im Profiradsport. Wo sind Sie mit dem Wechsel zum Team Milram nun gelandet?

          Ich würde es mit den Anfangsjahren bei T-Mobile beziehungsweise beim Team Telekom vergleichen. Mit den Zeiten, als Walter Godefroot versucht hat, die Mannschaft zu bauen und groß zu machen. Als vielleicht auch die Infrastruktur noch nicht bis ins kleinste Detail perfekt organisiert war. Da sind einige Sachen, die mich daran erinnern. Man muß sagen, daß Telekom sicherlich sehr gute Bedingungen bot. In der neuen Mannschaft ist es vielleicht eher ein bißchen kleiner, wieder ein bißchen familiärer und durch die italienische Note auch sympathischer.

          Alessandro Petacchi (l.) und Erik Zabel
          Alessandro Petacchi (l.) und Erik Zabel : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Sie treten nicht mehr für einen Kommunikationskonzern in die Pedale, sondern für einen Milcherzeuger. Inwieweit berührt Sie das als Radprofi? Spüren Sie womöglich mehr Erdennähe?

          Für mich spielt das schon eine Rolle. Der Sponsor hat auch versucht, den Fahrern klarzumachen, worum es geht, wer unser Sponsor eigentlich ist. Da ist natürlich schon ein Unterschied: Wenn man jetzt bei einem Bauern im Stall ist und die Kuh sieht - oder wenn man mit dem Vorstandsvorsitzenden von T-Mobile zu Abend ißt. Wenn ich zu Hause in Unna bin, weiß ich jetzt natürlich auch genau, welcher Hof sozusagen zu Nordmilch gehört und wer in diesem Sinne mein Sponsor ist.

          Wo müssen Sie, nachdem Sie bei T-Mobile rundum bestens versorgt wurden, beim Team Milram Abstriche machen?

          Ich fliege jetzt vielleicht nicht mit der Lufthansa, sondern mit Air Berlin. Aber das ist ja nicht schlimm. Es ist auch nicht schlimm, wenn man am Sonntag nach dem Rennen nicht sofort nach Hause kommt, sondern erst Montag früh. Es ist wie früher, daß man zum Beispiel nach einem Rennen, das in San Remo endet, ins Auto steigt, nach Bergamo fährt, bei Teammanager Gianluigi Stanga sozusagen im Appartement übernachtet, und der Pfleger kocht extra noch Spaghetti. Das ist eben jetzt der Unterschied. Es ist anders, aber auf eine gewisse Art auch charmant.

          Sie sind 35, ein gestandener Radrennfahrer. Müssen Sie sich als Sportler noch etwas beweisen?

          Ich glaube, nichts mehr. Für mich ist es eigentlich wichtig, glücklich zu sein mit dem, was ich tue. Für mich gibt es im Moment zwei Herausforderungen. Die eine ist: in den nächsten drei Jahren beim Team Milram blendend mit Alessandro Petacchi zu fahren. Das andere ist: Wir haben einen Block von zehn deutschen Rennfahrern, darunter sind eine ganze Menge junge, und da sehe ich die Herausforderung, dem einen oder anderen hilfreich zur Seite zu stehen, den einen oder anderen vielleicht auch zu führen. Ich merke auch, daß Stanga das von mir verlangt. Das sind konkrete Anforderungen, die ich bei T-Mobile nicht hatte. Da mußte ich mich um mich selber kümmern, da mußte ich sehen, daß ich die Plazierungen reinfahre, die von mir verlangt wurden. Mit den anderen Rennfahrern hatte ich so viel nicht zu tun.

          Warum wollten Sie denn unbedingt zurück zur Tour de France?

          Ganz einfach: weil mir das keinen Spaß gemacht hat, die Tour vor dem Fernseher zu verfolgen.

          Fühlten Sie sich dabei wie ausgestoßen?

          Das ist eine gute Frage. Wenn man selber für sich entscheidet, die Tour ist nichts mehr für mich, ist das vielleicht etwas anderes. Aber wenn man sich noch konkurrenzfähig fühlt und man hat die Wahl, wieder die Tour zu fahren, ist es normal, diese Herausforderung anzunehmen.

          Sie stehen nun vor der Rückkehr zur Tour, die Sie mit aller Macht angestrebt haben. Aber Sie können sich nicht sicher sein, Etappensiege zu erringen oder zum siebten Mal das Grüne Trikot zu gewinnen. Beschäftigt Sie die Angst vor einem möglichen Scheitern?

          Für mich ist es relativ einfach, mit dieser Situation umzugehen. Ich habe viele Erfolge, aber auch viele Ehrenplätze. Ich empfinde es teilweise so, daß bei anderen die Ehrenplätze achtbare Leistungen sind, bei mir aber das "nur" Zweiter oder Dritter schnell mal im Kommentar enthalten ist. Daran habe ich mich gewöhnt. Für mich bricht keine Welt mehr zusammen, wenn ich das lese.

          Was wäre Ihnen mehr wert: ein Etappensieg oder das siebte Grüne Trikot?

          Sportlich gesehen ist natürlich ein Grünes Trikot wertvoller. Aber ich nehme es, wie es kommt.

          Sie haben die Saison mit Ihrem neuen Kollegen Petacchi besprochen, auch einen Masterplan erstellt. Glauben Sie, daß im Alltag Reibereien tatsächlich auszuschließen sind? Wie können Sie etwa demnächst bei Mailand-San Remo, das für beide ein prestigeträchtiges Rennen ist, miteinander auskommen?

          Ganz einfach: Einer fährt dann für den anderen. Wenn dann derjenige, der sich sozusagen opfert, am nächsten Tag in der Zeitung als Verlierer dasteht - einfach keine Zeitung kaufen, gar nicht daran denken.

          Das Gespräch führte Rainer Seele.

          Das komplette Interview lesen Sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Samstag, dem 4. März 2006, Seite 34

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