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Erik Pfeifer : Weltmeister in der Gewichtsklasse der Klitschkos

  • -Aktualisiert am

Gegenmodell zu den kommerziellen Verbänden: Pfeifer (links) hat schon früher aufhorchen lassen Bild: Imago

Mit einem Meistergürtel, der erstmals vergeben wurde, ist Erik Pfeifer nicht nur der aktuelle Weltmeister im Superschwergewicht – sondern auch der große Unbekannte im Box-Ring. Wer ist dieser Mann?

          Matthias Steiner ist voll des Lobes für Erik Pfeifer. Man sieht sich, man kennt sich. Vom Nebeneinander im Kraftraum des Heidelberger Olympiastützpunktes Rhein-Neckar. Steiner, der ehemalige Weltmeister und Olympiasieger im Gewichtheben, hat abtrainiert. Smart sieht er aus, die Garderobe ist von gängiger Konfektionsgröße. Man sieht zweimal hin. Doch er ist es tatsächlich. „Ich bin weit weg von der Magersucht“, sagt der einstige Kraftprotz in eigener Sache, ehe er sich Pfeifer, dem aktuellen Boxweltmeister im Superschwergewicht, zuwendet.

          Pfeifer, Erik? Schmelings Sternstunde in der Königsdisziplin des Faustkampfes gegen den Amerikaner Joe Louis liegt mittlerweile gut 78 Jahre zurück und ist vielen dennoch präsent. Erst recht Steiners Kniefall nach dem olympischen Triumph in Peking – mit einem Foto seiner verstorbenen Frau in der Faust. Aber Pfeifer, den Jürgen Kyas, der Präsident des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV), gerade im Foyer des Olympiastützpunktes hochleben lässt? Der Achtundzwanzigjährige ist der große Unbekannte.

          Im Rückblick hat er alles richtig gemacht

          So soll es nicht bleiben. Deshalb haben die Trainingskameraden, die Boxfunktionäre und die Fördergesellschaft des Olympiastützpunktes vergangene Woche einen Empfang organisiert. Das regionale Fernsehen ist dabei, ein Moderator vom ZDF führt die Interviews, und Matthias Steiner hält eine so gekonnte Laudatio, als sei das gesprochene Wort für ihn Beruf und Berufung zugleich. Wer Pfeifer würdigen will, muss ziemlich weit ausholen, erst mal Aufklärung betreiben, was es mit diesem WM-Titel auf sich hat.

          Mit einem Meistergürtel, der erstmals vergeben wurde. Mit dem Segen und den Dollars des olympischen Dachverbandes Aiba. Als Gegenmodell zu jenen kommerziellen Verbänden, die jeweils eigene Ranglisten führen und Weltmeister küren. Deshalb bezeichnet sich die Aiba seit Installierung ihres „Aiba Pro Boxing (APB)“- Ablegers als „einzig legitimierten Verband, den Titel eines Profi-Weltmeisters zu vergeben“.

          „Ich würde auch ohne Geld boxen“, sagt Pfeifer, der große Unbekannte

          Pfeifer hatte schon früher, bei zwei Amateur-Weltmeisterschaften, aufhorchen lassen, als er jeweils Dritter wurde. Mit der Unterschrift unter seinen Aiba-Profivertrag hat er im Rückblick alles richtig gemacht. Mit drei Siegen auf dem Weg zum Finale im Januar im Sarhachi Complex der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. 78:74, 78:74, 78:74 lautete das einstimmige Votum der Punktrichter nach acht Runden gegen den Marokkaner Mohammed Arjaoni. Neben der Kampfbörse kam als Bonus noch die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro hinzu.

          Die Höhe der Börse? Aiba und nationaler Verband halten sich bedeckt, Pfeifer spielt das Thema herunter: „Ich würde auch ohne Geld boxen.“ In den vier Kämpfen dürften sich 100.000 Dollar an Prämien summiert haben. Als Stabsgefreiter der Sportförderkompanie der Bundeswehr, zudem unterstützt von der Sporthilfe, gibt es ein Auskommen mit dem Einkommen. Er habe im Rückblick somit alles richtig gemacht, als er sich gegen ein Angebot des Profiboxstalls Sauerland entschied.

          Wer fordert den Champion heraus?

          Steiner hat Pfeifer noch an Krücken humpelnd in Erinnerung. Im vergangenen März, nach einem Fahrradunfall im Trainingslager des DBV am italienischen Mittelmeer, war die Achillessehne in Gips gelegt worden. Weil sie nicht wie geplant zusammenwuchs, musste sie nochmals operiert werden. Steiner erinnert sich an einen Pfeifer, der „auf einem Stuhl sitzend trainierte“. Unverdrossen, unermüdlich. Mit dem ehemaligen Fliegengewichtler Zoltan Lunka als Übungsleiter an seiner Seite. Ein ungleiches Paar wie einst Laurel und Hardy, als der Film noch schwarz-weiß daherkam. Steiner rühmt Pfeifers Ehrgeiz, seine Coolness; der Trainer den Reifeprozess eines Athleten, der einen beachtlichen Kampfrekord vorzuweisen hat: Von 150 Duellen als Amateur gewann er 130, in der halbprofessionellen World Series of Boxing verließ er den Ring nur einmal als Verlierer.

          In der APB wird das nächste Duell zum Härtetest. In den kommenden Monaten boxen die besten acht Amateure des Planeten, darunter der Europameister und der Weltmeister, um das Recht, Champion Pfeifer im Sommer herauszufordern.

          Superlative für die glorreiche Gegenwart

          Der DBV würde diese Gelegenheit nur allzu gerne nutzen, um seinen Star bei einem „Heimspiel“ zu präsentieren. Dessen Heimat war bis zum siebten Lebensjahr Jekaterinenburg, ehe er mit den Eltern von Russland nach Lohne bei Vechta in Niedersachsen übersiedelte. Inzwischen lebt er in Leimen. Erik Pfeifer war mit zwölf, dreizehn Jahren schon 1,86 Meter groß und 91 Kilogramm schwer. Es war die Phase, in der er endgültig vom Fußball zum Boxen wechselte. Als damaliger Vorsitzender des niedersächsischen Landesverbandes erinnert sich der heutige Frontmann des DBV an die Anfänge des Preisboxers, auch an schwierige Phasen.

          Sobald er von der glorreichen Gegenwart spricht, kommen unweigerlich Superlative ins Spiel. Beim Empfang in Heidelberg hat Kyas dem aktuell überragenden Athleten des Deutschen Boxsport-Verbandes die Goldene Ehrenverdienstnadel des DBV verliehen. Die bisherigen Würdenträger des DBV waren bereits im hohen Alter, ehe sie es zu einer entsprechenden Auszeichnung brachten. „Ihm steht das zu“, rechtfertigt Kyas sein rührendes Bemühen, einen Mann ins Schaufenster zu stellen, der in der Gewichtsklasse der Klitschkos boxt. Und doch in einer anderen, kleinen Welt zu Hause ist.

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