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Unser täglich Buch (5) : Ein ganz großer Wurf

1978 in Dänemark holten die Deutschen den Titel im WM-Finale. Bild: Picture-Alliance

Die Zeiten, in denen sich der Handball, in denen sich der Sport abseits des Fußballs ins kollektive Gedächtnis einbrennen konnte, scheinen vorbei. Ein Buch erinnert an eine Zeit, als das noch anders war.

          Es gibt wohl alles auf der Buchmesse, was zwischen zwei Deckel gepresst werden kann. Dieses Buch nicht. Es ist brandneu, ein paar Tage alt. Und beim ersten Blick auf den Titel verwechselbar. Da ist von einem Mythos die Rede. Haben wir nicht schon genug davon, von den eilig wie oberflächlich beschriebenen Heldentaten der Sportler, vorwiegend des Fußballs, Bilder, Schlagworte, Pathos schon druckfrisch frei Haus geliefert, da der Schlusspfiff kaum verklungen ist? Diesmal hat es fast 40 Jahre gedauert: „Mythos ’78“ erinnert nicht an Argentinien und das 2:3 gegen Österreich, „I wer’ narrisch“, sondern an Dänemark, an den Karnevalssonntag. Der Rheinländer Reiner Calmund, „positiv Bekloppter“ des Fußballs, ließ die Jecken Jecken sein und schaute zur Abwechslung gebannt auf den Handball, auf das Nationalteam, auf den Coup von Kopenhagen im WM-Finale: 20:19 über die Sowjetunion.

          Erik Eggers: „Mythos ’78“. Der Triumph der deutschen Handballer bei der WM 1978. Verlag Eriks Buchregal, 176 Seiten, www.eriksbuchregal.de
          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das war eine Art Wiederauferstehung der Westdeutschen mit ihrem Spiel. Ein ganz großer Wurf, vielleicht die Wiege all dessen, was der bundesdeutsche und dann der deutsche Handball bis heute zu bieten hat an Erfolgserlebnissen und Anerkennung in aller Welt. Autor Erik Eggers verzichtet über 176 Seiten auf eine pathetische Nachzeichnung dieser Erfolgsstory unter Führung des charismatischen Trainers Vlado Stenzel und schafft es mit dem Blick des Historikers, die Entwicklung in den gesellschaftspolitischen Zusammenhang der siebziger Jahre zu stellen.

          Der Kalte Krieg als Treibmittel des Spitzensports, Staatsamateure gegen Studenten, die Professionalisierung im Westen, der kompromisslose Führungsstil eines Kroaten aus der jugoslawischen Schule, Unterordnung und Aufbegehren von Kindern der Nachkriegsdemokratie: „Mythos ’78“ beschreibt spannend hier im Detail und dort mit einem aufklärenden Weitwinkel, was damals in der Bundesrepublik an ungeheuren Sprüngen möglich war und was nun undenkbar scheint im Zeitalter der Superoptimierung. Brand, Hofmann, Spengler, Klühspies ... – der geniale Deckarm, mit dessen Unfall das Team zerbrach, diese Namen klingen in Verbindung mit dem Ereignis so vertraut, dass Wehmut aufkommt: Die Zeiten, in denen sich der Handball, in denen sich der Sport abseits des Fußballs ins kollektive Gedächtnis einbrennen konnte, scheinen vorbei.

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