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Deutsche EM-Bilanz : Keine Experimente bei den Turnern

  • -Aktualisiert am

Alleine Andreas Toba zog bei der EM als Deutscher in ein Finale ein. Bild: AFP

Von Ausbeute kann kaum die Rede sein: Die deutschen Turner vermeiden das Risiko und erleben eine erfolglose EM. Nur einer zieht überhaupt in ein Finale ein. Dabei präsentiert der Bundestrainer seine beste Riege.

          Von Ausbeute kann kaum die Rede sein: Bei der am Sonntag zu Ende gegangenen Turn-Europameisterschaft in Stettin war die beste Plazierung der deutschen Männer der elfte Rang im Mehrkampf von Andreas Toba, mit über sechs Punkten Rückstand auf den neuen Europameister Nikita Nagorni aus Russland. Toba war bei seinem ersten Sechskampf seit drei Jahren und nach vielen Verletzungen völlig zu Recht mit sich „zufrieden“. Er war aber auch der einzige Deutsche, der überhaupt in ein Finale eingezogen war. Cheftrainer Andreas Hirsch sagte, man habe „nicht das Erhoffte erreicht“.

          Nun ist das so eine Sache mit Hoffnungen und Erwartungen bei den deutschen Turnern. Die orientieren sich unweigerlich an den Ergebnissen der Vergangenheit. Bei der Europameisterschaft vor zehn Jahren gab es sieben Finalplazierungen und fünf Medaillen. Derlei Statistiken sind das eine, die Erinnerung an die Weltmeisterschaft in Stuttgart 2007 das andere: Die deutschen Herren gewannen sensationell Bronze in der Teamentscheidung, Fabian Hambüchen wurde Zweiter im Sechskampf und Weltmeister am Reck. Mit diesem Wettkampf, bei dem quasi nebenbei die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 erledigt wurde, erlangte das Turnen in Deutschland neue Popularität. Daran hatte damals das gesamte Team Anteil, das recht offensiv als wild entschlossene, hochmotivierte Truppe auftrat. Philipp Boy sollte später zweimal WM-Zweiter im Mehrkampf werden, Marcel Nguyen Gewinner von zwei Silbermedaillen bei den Olympischen Spielen 2012, Hambüchen schließlich 2016 Olympiasieger am Reck.

          „Es geht um die Weltmeisterschaft, auch hier bei der Europameisterschaft“, brachte Hirsch in Stettin auf den Punkt, worum momentan alles kreist: die Heim-Weltmeisterschaft, wieder in Stuttgart, wieder eine Olympiaqualifikation. Nur wird die dieses Mal nicht nebenbei gelingen. Hirsch trug 2007 die Verantwortung als Cheftrainer, er trägt sie immer noch. Dass der Druck, der auch auf ihm lastet, „nicht so leicht wegzustecken“ ist, gibt er unumwunden zu. Die aktuelle Situation sei „komplett anders“ als vor zwölf Jahren: „Ich hatte eine ganz junge Truppe, das ist ein Riesenunterschied.“ In Stettin präsentierte Hirsch seine momentan beste Riege. Doch weder den Jüngsten, Nick Klessing und Felix Remuta, beide 21, noch den Erfahrenen wie Lukas Dauser, knapp 26, und Nguyen, 31, gelang, was gelingen sollte. Und von wilder Entschlossenheit war hier wenig zu spüren. Gegen die junge internationale Konkurrenz, insbesondere die überragenden Russen, sei schwer anzukommen, erklärt Hirsch mit Blick auf seine Routiniers. Die müssten nun ihre neue Rolle finden, und die Jüngeren müssten „versuchen, sich so zu formieren wie damals“.

          Was das genau bedeutet, ist unklar. Das Ziel des Cheftrainers: die Olympiaqualifikation mit der Mannschaft für Tokio 2020. Die Qualifikationskriterien haben sich geändert, Stuttgart ist die letzte Chance, neun Plätze sind noch zu vergeben. An all die neu geschaffenen Möglichkeiten, die es für die Olympiaqualifikation einzelner Athleten gibt, mag Hirsch überhaupt noch nicht denken. Bei ihm steht der „Teamgedanke“ im Zentrum, er gibt sich überzeugt, dass das „nicht nur eine Utopie“ ist. Nicht zuletzt, da ein Team nicht mehr aus sechs, sondern nur noch aus fünf Turnern besteht, ist die Nominierung eine recht komplexe Rechenaufgabe mit vielen Variablen geworden. Hirsch deutete in Stettin an, dass für ihn „beherrschtes Übungsgut“ die entscheidende Variable sein wird, soll heißen: keine Experimente, kein Risiko. Sichere, im Zweifel einfachere Übungen.

          Toba wird also als Vorbild gelten. Er turnt weder besonders schwierig noch spektakulär, aber sicher. Er sei „dem Andi auch dankbar“, zog Hirsch sein Fazit, denn nun könne er sagen: „Das ist der Weg. Wenn wir davon drei, vier Leute hinkriegen, dann haben wir auch eine Mannschaft zusammen.“ Im Mai geht es eine Woche nach Moskau, ins Trainingslager zur russischen Nationalmannschaft. Man hofft auf positive Eindrücke und wichtige Hinweise. An den Höchstschwierigkeiten der Russen wird man sich nicht versuchen.

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