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Davis Cup : Völlig losgelöste Tennis-Herren

  • -Aktualisiert am

Freudentänzchen: Bestens gelaunt, die Deutschen nach dem Sieg gegen Großbritannien. Bild: Reuters

Das deutsche Team steht erstmals seit 2007 wieder im Halbfinale des Davis Cups. Wie schon bei den Vorrundenspielen gegen Serbien und Österreich kommt es auch gegen die Briten auf das Doppel an.

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          Wenn die Altersklasse Ü 60 losgelöst im Kreise hüpft, dann muss was passiert sein. Klaus Eberhardt, langjähriger Sportdirektor des Deutschen Tennis Bundes (DTB), und Fitnesscoach Carlo Thränhardt drehten sich jedenfalls an einem besonderen Tag mit den jungen Leuten ihrer Mannschaft, die einen großen Sieg feierte. Mit einem 2:1-Erfolg gegen die Briten landeten die deutschen Tennisspieler zum ersten Mal seit 2007 wieder im Halbfinale des Davis Cups, und obwohl der aktuelle Davis Cup ein anderer Wettbewerb als früher ist, wird dieser Tag bei allen, die dabei waren, eine Erinnerung fürs Leben sein.

          Auch Bundestrainer und Kapitän Michael Kohlmann hüpfte mit, fröhlicher Kontrapunkt zu den nervenaufreibenden Stunden, die er vorher auf der deutschen Bank verbracht hatte. Zunächst ein wenig in Sorge bei der glatten Niederlage von Peter Gojowczyk, den er im Innsbrucker Viertelfinale anstelle von Dominic Koepfer aufgestellt hatte, gegen Dan Evans. Doch angesichts der imponierend starken Leistung von Jan-Lennard Struff beim Sieg gegen Cameron Norrie (7:6, 3:6, 6:2), der Nummer zwölf der Weltrangliste, stieg die Zuversicht ziemlich schnell, und den großartigen, aufregenden Rest erledigten Kevin Krawietz und Tim Pütz im Doppel.

          Wie schon bei den Vorrundenspielen gegen Serbien und Österreich kam es auf dieses Doppel an, und es war noch spannender, als das Ergebnis gegen Joe Salisbury und Neal Skupski glauben macht (7:6, 7:6). Zweimal Tiebreak, den ersten gewannen die Deutschen 12:10, und im zweiten ließen sie sich sogar von einem 0:5-Rückstand nicht aus dem Konzept bringen. Mit eindrucksvoller Unterstützung der Teamkollegen, die unter der Leitung von Struff mit Mütze und Maske auf der Bank alles gaben und jeden Punkt bejubelten. Sie schafften es immer wieder, die britischen Rufe zu übertönen – selbst die von Dan Evans, was keine Kleinigkeit war. Freude und Jubel entluden sich nach dem letzten Punkt des Spiels, einem Bilderbuch-Return von Pütz.

          Auf dieses Doppel ist Verlass: Kevin Krawietz (r.) und Tim Pütz
          Auf dieses Doppel ist Verlass: Kevin Krawietz (r.) und Tim Pütz : Bild: dpa

          Er habe keine Ahnung, wie sie das Ding nach dem 0:5-Rückstand rumgerissen hätten, meinte Krawietz hinterher, „aber wir haben uns einfach gesagt: Einen Punkt nach dem anderen spielen, vielleicht haben wir dann noch eine Chance. Und dann haben wir’s geschafft; Tennis ist einfach manchmal ein verrücktes Spiel.“ Da würde auch der Frankfurter Fachmann Tim Pütz nicht widersprechen, der seit seinem Debüt im Davis Cup vor vier Jahren jedes einzelne seiner sieben Doppel gewann, die ersten vier gemeinsam mit Struff und die drei in Innsbruck mit Krawietz.

          Auf dieses Doppel ist Verlass, daran gibt es keinen Zweifel, und das ist im neuen, viel kritisierten Modus des Davis Cups mit nur zwei Einzeln (früher vier) ein doppelt gutes Gefühl, auch für den Kapitän. Am Tag nach dem Sieg gegen die Briten flog die ganze, bestens gelaunte Truppe nach Madrid, wo am Samstag die Halbfinals auf dem Programm stehen. Madrid sei das Minimalziel gewesen, sagt Michael Kohlmann, dessen Vertrag der DTB erst kürzlich verlängert hatte, „aber so, wie wir und in Innsbruck präsentiert haben, können wir uns auch gegen Russland oder Schweden einiges ausrechnen. Ich bin super happy.“

          Die Russen mit Daniil Medwedew, Andrej Rubljow und Aslan Karatsew gelten im letzten Viertelfinale an diesem Donnerstag als Favoriten gegen die Schweden mit den Brüdern Mikael und Elias Ymer und Doppel-Spezialist Robert Lindstedt. Und irgendwie wäre es ja auch passend, wenn die Deutschen in ihrem ersten Halbfinale nach mehr als einem Jahrzehnt wieder gegen die Russen spielen würden. So wie bei den letzten beiden Anläufen 2007 und 1995 in Moskau, die aus unterschiedlichsten Gründen ziemlich präsent sind. 2007 war das Jahr, in dem Alexander Waske und Philipp Petzschner ein heroisches Doppel spielten und trotz einer schweren Verletzung Waskes am Ellbogen gewannen, was am Ende aber nicht genug war, weil Tommy Haas als Nummer eins mit einer schweren Magenverstimmung am letzten Tag nicht mehr antrat.

          Naja, und 1995 der letzte gemeinsame Auftritt von Boris Becker und Michael Stich im Davis Cup auf dem gewässerten Geläuf der Moskauer Olympiahalle, als die beiden nach Siegen zum Auftakt im Doppel in fünf Sätzen verloren, Becker am letzten Tag nicht mehr spielte und Stich das entscheidende Spiel gegen Andrej Tschesnokow 12:14 im fünften Satz verlor. Nach neun vergebenen Matchbällen mit einem Doppelfehler; die Erinnerung daran tut heute noch weh. Die Moskauer Olympiahalle war ein Tollhaus an jenen Tagen im September vor 26 Jahren, mit Emotionen vergleichbarer Art ist am Wochenende in der Madrid Arena ohne Beteiligung der Spanier vermutlich nicht zu rechnen. Im Großen zumindest nicht; im Kleinen bei weiteren Freudentänzen vielleicht schon.

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