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Kricket-WM : Von wegen Baseball auf Valium

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Ben Stokes, zum Mann des Spiels gewählt, sagte: „Ich glaube nicht, dass es im Kricket jemals ein besseres Spiel geben wird als dieses.“ Bild: dpa

England gewinnt zum ersten Mal die Kricket-WM und hofft auf einen Schub. Entgegen seines langweiligen Rufs entfachte das Finale Hochspannung und Begeisterung für das Spiel.

          Kricket hat nicht unbedingt den Ruf, besonders aufregende Spielsituationen zu erzeugen. Begegnungen können bis zu fünf Tage dauern – und selbst dann noch in einem Remis enden. Der amerikanische Schauspieler Robin Williams versuchte sich einmal an einer Einordnung des britischen Volkssports, als er sagte, Kricket sei doch wie Baseball auf Valium. Das Finale der Kricket-Weltmeisterschaft am vergangenen Sonntag aber hat das Potential, die Wahrnehmung des Sports langfristig zu verändern. Der „Guardian“ schrieb vom „großartigsten WM-Finale, verdammt, vielleicht sogar dem großartigsten Spiel im One-Day-Kricket“ überhaupt.

          Womöglich waren die Autoren da noch von ihrer Begeisterung getragen. Denn England hat in London die Auswahl Neuseelands knapp besiegt und ist damit zum ersten Mal überhaupt Weltmeister. Nach knapp neun Stunden Spielzeit und dem Ausfechten des eigentlich zur Herbeiführung einer Entscheidung gedachten zusätzlichen Super Overs – beim Fußball spräche man wohl von der Verlängerung – war die Partie bei einem Gleichstand von 241 zu 241 Punkten aus jeweils 50 Overs sensationell durch die Anzahl der Male entschieden worden, die beide Teams den Spielball während der Partie bis an die Spielfeldbegrenzung oder darüber hinaus geschlagen hatten: sogenannte „Boundaries“. So wurde England zum Weltmeister gekürt, nachdem das Team während der Gruppenphase schon fast ausgeschieden war. Der Engländer Ben Stokes, zum Mann des Spiels gewählt, sagte: „Ich glaube nicht, dass es im Kricket jemals ein besseres Spiel geben wird als dieses.“

          Kricket ist nach Fußball die beliebteste Sportart der Engländer. Aber in den vergangenen Jahren ist das öffentliche Interesse zurückgegangen: Die großen Spiele werden seit 2006 exklusiv im Bezahlfernsehen übertragen, die Intensität der Berichterstattung hat nachgelassen. Bei den Vorrundenspielen der Engländer meldete der Pay-TV-Sender „Sky Sports“ zum Teil Quoten von kaum mehr als einer halben Million Zuschauer. Das Finale machte der Sender frei zugänglich – und prompt sahen, als es gegen Abend auf das Spielende zuging, auf „Sky“ und „Channel Four“ zusammen knapp acht Millionen Menschen zu. Beobachter erhoffen sich nun eine Art Wiederauferstehung des Sports. Der BBC-Kricket-Korrespondent Jonathan Agnew sagte: „Wenn das den Leuten nicht zeigt, was für ein toller Sport Kricket ist, und sie dazu bewegt, sich für das Spiel zu begeistern, dann weiß ich nicht, was sonst.“

          Endlich geht der Titel nach England: Die Kricketspieler bejubeln den Triumph.

          Bei der WM 2015 war England in der Gruppenphase ausgeschieden. Seitdem hat sich einiges verändert, hat man die Konzentration auf One-Day-Kricket erhöht. „Bis hierhin war es eine Reise von vier Jahren, wir haben uns stark weiterentwickelt“, sagte Morgan. Wegen einiger kniffliger Spielsituationen zu Englands Gunsten wurde der in Irland geborene Kapitän gefragt, ob das sprichwörtliche „luck of the Irish“ geholfen habe. Morgan entgegnete: „Wir hatten sogar Allah auf unserer Seite.“ Er habe mit seinem Kollegen Adil Rashid gesprochen, „und der sagte, Allah sei definitiv für uns.“ Die englischen Spieler sind nicht nur in Birmingham oder Sheffield geboren, sondern auch in Barbados oder Durban. „Das versinnbildlicht unser Team“, sagte Morgan. Königin Elisabeth ließ über den königlichen Twitter-Kanal verlautbaren: „Prinz Philip und ich senden unsere wärmsten Glückwünsche an das englische Herren-Kricket-Team.“ Der frühere Fußball-Nationalspieler und heutige Fernsehmoderator Gary Linker schrieb, er habe so ein Spiel noch nie gesehen – und fügte an: „Kricket kommt nach Hause.“

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