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Emotionaler Murray-Auftritt : Ein besseres Leben nach messerscharfen Stichen

  • -Aktualisiert am

Nach der Hüft-OP wieder auf dem Platz: Andy Murray in Schanghai Bild: AFP

Andy Murray dachte ans Karriereende, weil jedes Tennisspiel eine Qual war – jetzt ist er wieder da. Beim Turnier in Schanghai überrascht er fast alle. Wohl auch sich selbst.

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          Die Tür des Fahrstuhls öffnete sich, Andy Murray stieg aus und drehte auf der Stelle um. Falsche Etage. So was passiert Reisenden weltweit in großen Hotels, wo ein Stockwerk dem nächsten gleicht. Als er wieder einstieg, wünschte Murray den Mitreisenden freundlichst einen guten Morgen und näherte sich seinem ersten Spiel beim Schanghai Masters seit drei Jahren, seit seinem letzten von drei Titeln in der chinesischen Metropole. In den vergangenen beiden Jahren fehlte er verletzt, doch diesmal geht es ihm so gut wie lange nicht mehr.

          Vor etwas mehr als zehn Monaten hatte der Schotte vor seinem ersten Spiel bei den Australian Open in Melbourne in einer Pressekonferenz unter Tränen berichtet, die Schmerzen in seiner rechten Hüfte seien seit längerer Zeit so stark, dass nicht nur jedes Spiel eine Qual sei, sondern auch viele Dinge des täglichen Lebens. In dieser Verfassung könne und wolle er nicht weitermachen, eine Operation sei eine Option, aber es könne sein, dass er dennoch zurücktreten werde. Ein paar Tage später wehrte er sich mehr als vier Stunden lang gegen eine Niederlage, mächtig unterstützt von den Zuschauern, die von seiner Ankündigung gehört hatten, und nach dem Spiel wurde ein Video mit Abschiedsbotschaften der Kollegen eingespielt.

          „Ich musste diesen Gedanken akzeptieren“

          Viele seien in diesen Tagen zu ihm gekommen und hätten sich erkundigt, wie schlimm die Sache wirklich sei und ob es tatsächlich das Ende seiner Karriere sein könne, erzählte Murray dieser Tage in Schanghai, und die Anteilnahme an seinem Wohl und Wehe habe ihm sehr gut getan. „Ich habe das damals wirklich sehr gebraucht.“ Als er sich dann am 28. Januar operieren ließ, hatte er eine Vorstellung, was ihn erwarten würde; er hatte sich den Eingriff vorher auf einem Video angesehen. „Ich wusste, dass es ein größerer Eingriff sein wird, und mir war klar, dass es am Ende vielleicht trotzdem nichts bringen würde. Aber falls es dazu kommen würde, musste ich diesen Gedanken akzeptieren, und das habe ich auch getan.“ Es ging nicht nur um die Idee, danach wieder Tennis spielen zu können, sondern in erster Linie um die Aussicht auf ein normales Leben. Auf Spaziergänge. Auf Golfrunden, Spiele mit den beiden Töchtern, auf so normale Dinge wie schmerzfreie Autofahrten und Abendessen ohne die messerscharfen Stiche in der Hüfte.

          Heute sagt Murray: „Ich wünschte, ich hätte die Operation eher machen lassen.“ Schon sechs bis acht Wochen danach sei es ihm wieder richtig gut gegangen, und es sei wirklich ein anderes, besseres Leben. Und es gab auch andere positive Erkenntnisse, mit denen er nicht gerechnet hatte. Er habe sich vor der Operation oft gefragt, wie sein Leben ohne Tennis wohl aussehen würde. „Doch danach war ich so glücklich wie lange nicht mehr. Mir wurde einfach klar, dass es in erster Linie um meine Gesundheit geht, keine Schmerzen mehr zu haben. Ja, Tennis ist ein wichtiger Teil meines Lebens, aber es geht mir auch ohne gut, und das war mir vorher nicht so bewusst.“

          Irgendwann nahm Murray wieder einen Schläger in die Hand und spielte ein wenig, stellte erleichtert fest, dass ihm die Hüfte nichts übel nahm und dachte dann: Warum nicht? Wir werden ja sehen, wo ich mit der ganzen Geschichte landen kann. Die ersten Versuche, zunächst nur im Doppel und im Mixed, unternahm er im Juli auf britischem Rasen, ein paar Wochen später trat er wieder im Einzel an; während die anderen bei den US Open in New York spielten, flog Murray zu einem Challengerturnier nach Mallorca und gewann dort sein erstes Spiel

          Bevor er Ende September wie die Konkurrenz zur Tour nach Asien aufbrach, sprach er mit den Leuten seines Teams darüber, wie die Ziele für die Reise aussehen könnten, und alle fanden, wenn es für sechs Spiele in China reichen würde, könne er zufrieden sein. Zwei machte er in Zhuhai, drei in der vergangenen Woche in Peking, und nach dem 2:6, 6:2, 6:3-Sieg gegen den Argentinier Ignacio Londero am Montag in der ersten Runde in Schanghai ist die Zielvorgabe schon übertroffen. An diesem Dienstag (11.30 Uhr) geht es gegen den Italiener Fabio Fogini weiter.

          Murray sagt, er habe noch keine Ahnung, wie weit der Weg gehen könne, doch er habe das Gefühl, dass es jede Woche ein bisschen besser werde. Die Ärzte hätten ihn nach der Operation darauf vorbereitet, dass es zwölf Monate dauern könne, bis eine drastische Verbesserung zu sehen sei, doch im Moment sei er höchst zufrieden. Er freut sich darüber, mit den Kollegen zu ratschen, mit ihnen zu trainieren und gegen sie zu spielen und wieder einer Struktur folgen zu können, die er seit seiner Teenagerzeit kennt. Alles weitere wird er mit Zuversicht erwarten. Wie auch die Teilnahme an den Australian Open im Januar. Wie die Organisatoren mitteilten, soll Murray in Melbourne dort sein Comeback auf Grand-Slam-Ebene geben.

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