https://www.faz.net/-gtl-6ue5t

EM in Italien : Himmelblaue Fechtwelt

  • -Aktualisiert am

Popstar des Fechtens: Valentina Vezzali jubelt in Catania Bild: dpa

Beim Heimspiel glänzen die italienischen Fechter. Nur einige Teams trüben die Dominanz. Die Deutschen indes müssen um jeden Platz bei Olympia 2012 hart kämpfen.

          3 Min.

          „Il mondo è azzurro.“ Nein, die ganze Welt ist sicherlich nicht himmelblau, wie der „Corriere dello Sport“ in seiner Schlagzeile behauptet. Aber die Fechtwelt - aus italienischer Sicht. Wenn auch in den Mannschaftsentscheidungen der Weltmeisterschaften in Catania ein paar Wolken den Blick trübten, weil andere Nationen kollektiv stärker auftraten, so fühlten sich die Gastgeber in den Tagen von Sizilien doch wie die Herren dieser Welt.

          Auf und neben den Fechtbahnen der Eissporthalle wurden ihre Sieger Valentina Vezzali - die sich ihren sechsten Einzeltitel, den dreizehnten insgesamt, holte -, Andrea Cassara (beide Florett), Aldo Montano (Säbel) und Paolo Pizzo (Degen) gefeiert wie Popstars, und so mancher schaute mit einem neidischen Blick ihrem lauten, fröhlichen Treiben zu.

          Die klassische Fechtnation gibt den Ton an in einem Kreis, der immer größer wird, in dem es immer schwieriger wird, sich durchzusetzen. 113 Verbände hatten gemeldet für die WM, zwischen 106 (Damendegen) und 214 (Herrendegen) Einzelfechter traten in Catania an. Diese Masse sichert einem Mann seine Position: Alisher Usmanow, seit 2008 Präsident des internationalen Fechtverbandes.

          In der Liste der reichsten Männer der Welt wird der umstrittene Russe an Position 35 geführt, er saß im Gefängnis wegen angeblicher Erpressung, macht seine Geschäfte unter anderem mit Gas und erhöhte kürzlich seine Anteile beim englischen Fußballklub Arsenal auf 29 Prozent. Seine 263 Millionen Dollar teure Yacht Dilbar lag vor Catania - der Herr Präsident ließ sich bei seinen Fechtern allerdings nur zur Eröffnungsfeier und zu einer Pressekonferenz blicken. Da verlas er eine Erklärung, Fragen waren nicht gestattet.

          „Sportliches Experimentier- und Aufbaufeld“

          Sportliche könnte er vermutlich ohnehin nicht beantworten. Und da ging es in Catania den meisten Fechtern mehr um wichtige Punkte für die Olympiaqualifikation als um Titel. „Aber es ist eine Weltmeisterschaft, und die kann man von der Bedeutung auch nicht mit Füßen treten. Man darf sie nicht nur als sportliches Experimentier- und Aufbaufeld betrachten“, sagte der Sportdirektor des Deutschen Fechterbundes, Manfred Kaspar. Er weiß: Auch WM-Medaillen zählen bei der Verteilung der Gelder im deutschen Sport.

          Und da fiel Kaspars Ernte nicht gerade üppig aus. Einzig die Florettherren um den viermaligen Weltmeister Peter Joppich und Olympiasieger Benjamin Kleibrink holten mit Platz drei am Sonntag eine Medaille.

          Die Säbelfechter als deutsche Vorzeigetruppe

          Auch Kaspars Degenfechterinnen - er war jahrelang ihr Bundestrainer - enttäuschten mit Platz vier seine Erwartungen; sie wurden am Sonntag Vierte. Die ehemalige Europameisterin Imke Duplitzer stürzte beim Stand von 21:28, musste auf einer Trage aus der Halle gebracht und zur Beobachtung in ein Krankenhaus gebracht werden, erholte sich aber schnell.

          Die Vorzeigetruppe waren die Säbelfechter um den Einzel-Zweiten Nicolas Limbach. Als bisher einziges deutsches Team haben sie die Teilnahme an den Olympischen Spielen sicher. Für die drei anderen Waffen mit Startrecht - Herren-, Damenflorett und Damendegen - geht der Kampf bei Weltcupturnieren weiter. Am 31. März 2012 wird abgerechnet.

          „Wir verstehen uns und nehmen uns den Druck“

          „Wir geben einen Kampf erst auf, wenn zwei von uns verletzt von der Bahn getragen werden“, sagte der Tauberbischofsheimer Säbelfechter Björn Hübner, „das ist ein Prinzip von uns.“ Diese Einstellung und der Zusammenhalt haben das Team weit gebracht. „Mit der Konstellation, dass wir uns wirklich gut verstehen, nehmen wir uns gegenseitig auch Druck“, sagt Limbach.

          Seit Juniorenzeiten sind sie gemeinsam erfolgreich, junge Fechter drängen weiter nach. Deshalb macht Limbach auch die Zeit nach 2012 keine Sorgen. „Die anderen Nationen werden nach London ihren Cut machen, ein Altersumbruch wird stattfinden, und den brauchen wir nicht mehr.“

          „Die Zentralisierung ist ein großer Fortschritt“

          Schon früh praktizierte Bundestrainer Vilmos Szabo auch die Zentralisierung. „Und da geht es nicht um Vereine“, so Limbach. Diese Diskussion wird nach wie vor lebhaft geführt im Verband. „Es gibt ein Stützpunktsystem, die Struktur ist eigentlich fest“, sagt Kaspar. „Nur wie man die interpretiert und lebt, da gibt es unterschiedliche Ansätze.“

          Und unterschwellig oft noch ein Gegeneinander. „Aber generell ist die Zentralisierung der große Fortschritt, und den sollten wir nicht opfern“, sagt Kaspar. „Wir waren auf einem ganz guten Weg, es gibt aber immer wieder Rückschläge - je mehr das in die politische Ebene geht.“ Das heißt für die einzelnen Zentren auch, bei Sponsoren Eindruck zu machen.

          Die Florettdamen müssen um London 2012 bangen

          Vor allem für das größte von ihnen brachte in dieser Hinsicht die WM nicht den gewünschten Erfolg. Tauberbischofsheim, einst führend in der Fechtwelt, ist in den Ergebnislisten nur noch unter „ferner liefen“ zu finden.

          Die Florettdamen, einst das Aushängeschild, müssen nach Platz neun mit der Mannschaft mehr denn je um die London-Qualifikation bangen, auch die Degenherren mit dem für Leipzig startenden Jörg Fiedler und den Tauberbischofsheimern Sven Schmid und Martin Schmitt erfüllten mit Rang sechs nicht die Erwartungen. Für diesen Fechtclub ist die Welt alles andere als himmelblau.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Stuttgarter Neuzugang: Silas Wamangituka kam von Paris FC in die zweite Bundesliga

          VfB-Profi Silas Wamangituka : Ein zweiter „Fall Jatta“?

          Einem Medienbericht zufolge soll der Stuttgarter Königstransfer Silas Wamangituka unter falschem Namen spielen und auch bei seinem Alter falsche Angaben gemacht haben. Gegenüber der F.A.Z. hat der VfB Stuttgart nun Stellung bezogen.

          Neue Häuser : Holz trifft Beton

          Der Baustoff aus dem Wald ist flexibel und ökologisch. Doch manchmal braucht er eine harte Gründung, wie dieser Bau in Brandenburg zeigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.