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EM im Springreiten : Zicken und Angsthasen

  • -Aktualisiert am

Daniel Deußer mit seinem Hengst Tobago Z: Deutschland wieder auf Medaillenkurs gebracht Bild: dpa

Die deutschen Springreiter liegen nach einem nervenaufreibenden zweiten Tag und vor dem Showdown bei der Europameisterschaft auf Platz zwei hinter Belgien. „Gold ist möglich“.

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          „Mannomann.“ Bundestrainer Otto Becker atmete hörbar durch und legte seinem Reiter Daniel Deußer dankbar die Hand auf den Arm. Der hatte gerade die deutsche Springreiter-Equipe zurück ins Medaillenspiel gebracht bei den Europameisterschaften in Rotterdam. Seine Null-Fehler-Runde mit seinem Hengst Tobago Z zum Schluss eines nervenaufreibenden zweiten von drei Wettkampftagen war dringend nötig, um nicht unrettbar hinter die Konkurrenz zurückzufallen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Nach dem gelungenen Zeitspringen zur Eröffnung am Mittwoch, nach der ersten Runde des Nationenpreises am Donnerstag und vor dem Showdown an diesem Freitag liegt die deutsche Equipe auf dem zweiten Platz, nur 1,15 Fehlerpunkte hinter den führenden Belgiern. Es ist also noch alles drin, denn für jeden Abwurf werden im Springreiten vier Fehlerpunkte angekreidet, der belgische Vorsprung wäre durch Zeitüberschreitung um mehr als vier Sekunden aufgebraucht.

          Aber auch die deutschen Reiter können Fehler machen, wie man am Donnerstag sah: Weltmeisterin Simone Blum (Zolling) hatte mit Alice eine Null-Runde vorgelegt, doch sowohl bei Christian Ahlmann (Marl) mit Clintrexo als auch bei Marcus Ehning (Borken) mit Comme il faut fielen je zwei Stangen. „Auch diese beiden sind gut gesprungen“, sagte Becker. Sein Blick auf die Schlussrunde bleibt also zuversichtlich. Allerdings liegen auch die drittplatzierten Briten dicht hinter den Deutschen: 1,19 Punkte. „Gold ist möglich“, sagte der hochzufriedene Deußer.

          Das Interessanteste an einer Reiter-Equipe ist natürlich das Pferde-Quartett. Viele sind Genies mit Anflug von Wahnsinn und die Reiter tun gut daran, sie nicht in eine Schablone zu pressen. Alice etwa, die Fuchsstute von Weltmeisterin Simone Blum, ist so schwierig wie sprunggewaltig. Bei ihr sehen die schweren Championats-Parcours plötzlich ganz leicht aus. Dazu ist sie schnell. Im Zeitspringen am ersten Tag sollte Simone Blum zwar als erste Starterin eine Sicherheitsrunde ohne das letzte Risiko vorlegen. Trotzdem landete sie noch auf Rang 13 von 70 Startern. Am Donnerstag folgte eine souveräne Null-Runde mit höchstens einer kleinen Unsicherheit am letzten Sprung, die aber nicht mit einem Abwurf bestraft wurde. Simone Blum hielt zufrieden inne: „Ich genieße den Moment.“

          Weltmeisterin Simone Blum mit Alice: Null-Runde vorgelegt

          Alice ist sehr eigenwillig. Man könnte auch sagen zickig. Das Interesse von Hengsten – die übrigen drei deutschen Pferde sind allesamt welche – quittiert sie ziemlich hochnäsig. „Die interessieren sie nicht“, sagt Simone Blum. Alice werde höchstens böse. Überhaupt ist ihr Verhältnis zu ihren Artgenossen nicht besonders. Simone Blum startet am liebsten als erste Mannschaftsreiterin, weil dann die Hektik auf dem Abreiteplatz noch nicht so groß ist. In jeder Runde der beiden kann man sehen, wie gut Reiterin und Pferd aufeinander eingespielt sind. Wenn die lebhafte Alice einmal spazieren schaut, hat Simone Blum die Gegenmaßnahme auch schon ergriffen. Ein kongeniales Paar.

          Auch Clintrexo, der junge Schimmelhengst von Christian Ahlmann, hat seine Schwierigkeiten mit dem Abreiteplatz. Wenn der eng ist wie in Rotterdam und viele Pferde unterwegs sind, wird er zum Angsthasen. „Ich versuche deshalb, erst im Parcours richtig zu galoppieren.“ Ahlmann absolviert nur eine minimale Zahl an Probesprüngen. Danach prescht er mit Volldampf in die Arena. Wenn es ernst wird, legt das Pferd seine Ängste ab und attackiert furchtlos die Sprünge. Dann spielt Ahlmann die variable Galoppade des Zangersheider Zuchthengstes aus. Seine Runde im Zeitspringen am Mittwochabend wirkte wie eine elegant gelöste Rechenaufgabe. Am Donnerstag war Clintrexo dann allerdings noch so sehr im Speed-Modus, dass er Schwierigkeiten mit dem Innehalten bei technischen Anforderungen hatte. Die Folge: Zwei Fehler jeweils an Steilsprüngen. „Morgen ist ein neuer Tag“, tröstete sich Ahlmann.

          Das Gegenteil von Clintrexo ist in Tempo-Fragen Tobago Z, der Hengst des Weltranglisten-Dritten Daniel Deußer, ein beherztes, ebenfalls aus Zangersheide stammendes Tier. Seine Galoppade ist kurz und kann nicht beliebig verlängert werden, so dass Deußer sein Pferd nur eingeschränkt beschleunigen kann. Die Stunde des kampfstarken Füchsleins, das noch kleiner aussieht, wenn der baumlange Reiter darauf sitzt, schlägt immer dann, wenn andere die Luft anhalten. In den großen, schweren Parcours, von denen Tobago sich nicht einschüchtern lässt. Am Donnerstag wackelte zwar eine Planke – fiel aber nicht.

          Auch Comme il faut, der Sohn der legendären Stute Ratina Z, ist ein großer Kämpfer. Marcus Ehning, einer der erfahrensten und gefühlvollsten Reiter der Welt, sitzt im Sattel des Braunen. Seine Aufgabe: Seinem Pferd das Selbstvertrauen zu vermitteln, das ihn dazu bringt, immer wieder weit über sich hinauszuwachsen. Die Kombination macht also die Qualität aus, genau wie bei Deußer und Tobago. Ein kleiner Hengst mit großem Herzen und ein Reiter, der an ihn glaubt und ihm zeigt, wie’s geht. Als es losging bei dieser EM für die beiden, hielten die Zuschauer erst einmal die Luft an und Comme il faut auch angesichts zweier Riesensprünge zu Beginn. Doch er ließ sich nicht hängen, spannte sich vor jedem Sprung wie eine Feder und hob ab. Dass ausgerechnet diesen beiden am Donnerstag zwei Fehler an den eher technisch anspruchsvollen Steilsprüngen passierten, überraschte darum alle. An diesem Freitag will Ehning es besser machen.

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