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EM als Olympia-Mission : Die Briten wollen Siege sehen

Wave your flag: Mo Farah Bild: REUTERS

Die britischen Leichtathleten müssen bei der EM in Barcelona erfolgreich sein. Es gilt, die neue Regierung auf den Geschmack sportlichen Erfolgs zu bringen, damit bis London 2012 die Gelder weiter reichlich fließen.

          3 Min.

          „Mean and lean“ sei das britische Team bei den Leichtathletik-Europameisterschaften, verspricht Cheftrainer Charles van Commenee, „gemein und schlank“. Der Schlankste im Team schlug als erster zu: Mo Farah. Mit weniger als sechzig Kilo Gewicht bei 1,75 Meter Länge wurde er am Dienstagabend in aufreizender Leichtigkeit der erste britische Europameister über 10.000 Meter (28:24,99 Minuten).

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der 27 Jahre alte Farah krönte mit der Goldmedaille ein Double, zu dem sein Landsmann Chris Thompson Platz zwei beisteuerte (28:27,33). Mit neun Jahren war er noch das Flüchtlingskind Mohammed, das mit seinen Eltern aus Somalia in den fremden Westen gekommen war. Neun Jahre später vertrat er seine neue Heimat bei der Junioren-Weltmeisterschaft im Querfeldeinlauf in Thun; er wurde Zweiter.

          Am Dienstag bewies er mit der Lässigkeit, mit der er kurz nach der Hälfte des Rennens aus dem Feld an die Spitze lief, mit der Fröhlichkeit, mit der er drei Runden vor Schluss den Spanier Ayad Lamdassem aufforderte, auch mal zu führen, und mit der Spurtkraft, die den Spanier so entkräftete und demoralisierte, dass dieser nur noch als Vierter über die Ziellinie wanken konnte, dass er es auch mit anderen Kalibern, etwa bei Weltmeisterschaften und bei den Olympischen Spielen, aufnehmen könnte.

          Lean production: Mo Farah bringt keine sechzig Kilo auf 1,75 Meter und will auch über 5000 Meter gewinnen

          Der Mann in der Rolle des „mean guy“, des Bösewichts, sprintete dann am Mittwochabend um den Titel: Allerdings kam Dwain Chambers, Europameister von München 2002, Kunde des amerikanischen Dopinglabors Balco, tief gefallen, gesperrt und zurückgekehrt, über 100 Meter nur auf den fünften Platz. Zweifellos eine Enttäuschung, wobei es sehr knapp war und Mark Lewis-Francis mit dem Silberrang in die Bresche sprang - beide liefen übrigens die gleiche Zeit.

          An diesem Donnerstag soll Dreisprung-Weltmeister Phillips Idowu es mit dem neuen französischen Wunderspringer Teddy Tamgho aufnehmen, der bei der Hallen-WM in Doha den Titel mit 17,90 Meter gewann und seine Bestleistung beim Diamond-League-Sportfest von New York auf 17,98 Meter verbesserte. Tamgho war zwar mit 17,37 Meter der beste Dreispringer in der Qualifikation, doch er brauchte zwei Versuche. Idowu sprang nur ein Mal, weil er sich mit 17,10 Meter auf Anhieb qualifizierte. Van Commenee erwartet Gold von ihm.

          Die Briten wollen Siege sehen - spätestens in London 2012

          Acht Titel sollen die britischen Leichtathleten aus Barcelona mit nach Hause bringen, insgesamt mindestens fünfzehn Medaillen. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, zumal der britischen Mannschaft ihre Weltmeisterin und einzige Olympiasiegerin Christine Ohuruogu fehlt, genau wie Marathon-Weltrekordhalterin Paula Radcliffe, Hochspringer Germain Mason, Zweiter in Peking, und Hürdenläuferin Tasha Danves, Dritte bei den Olympischen Spielen. Vier Medaillen in Peking, sechs in Berlin im vergangenen Jahr, darunter die Goldenen der Siebenkämpferin Jessica Ennis und von Idowu – das ist zwar eine deutliche Steigerung, aber längst nicht genug. In zwei Jahren ist London Gastgeber der Olympischen Spiele. Sebastian Coe, der Wunderläufer der achtziger Jahre, sitzt dem Organisationskomitee vor, und die Briten wollen Siege sehen.

          Farah traf genau den richtigen Ton, als er am Dienstagabend sagte: „Ich hoffe, jetzt geht es los für uns und wir können erreichen, was Seb Coe, Steve Ovett und Brendan Foster erreicht haben.“ Premierminister David Cameron hat den Briten Sparmaßnahmen und Jahre des Leidens angekündigt – das Gegenteil dessen, was der britische Sport vor seinen Olympischen Spielen erwartet. Nun gilt es, bei Publikum und Politikern Begehrlichkeiten zu schaffen. Farah wird am Samstag über 5000 Meter um sein zweites Gold kämpfen. 2006 in Göteborg unterlag er im Spurt dem Spanier Jesus Espana.

          Der süße Geschmack sportlichen Erfolgs

          100 Millionen Pfund pro Jahr hatte Gordon Brown von 2006 an den Athleten Großbritanniens für ihre Olympiavorbereitung versprochen. Der Anteil von umgerechnet 180 Millionen Euro für die Leichtathletik komme einer Verstaatlichung gleich, schimpft der ehemalige Hindernisläufer John Bicourt, der heute die Klubs vertritt. Vor allem gehe das Geld nur an Top-Athleten und unfähige Funktionäre. Die Summe entspricht etwa 30 Millionen Euro pro Jahr; dazu kommen Lottomittel von jährlich rund acht Millionen Euro – eine phantastische Summe. Während in London ein Feuerwerk gezündet wird, da es nur noch zwei Jahre bis zur Eröffnung der Spiele sind, befürchten die Sportorganisationen Einschnitte.

          Der Vorsitzende des britischen Verbandes, Ed Warner, warnt davor, die britischen Medaillenaussichten zu ruinieren. Er verstieg sich zu der Maximalforderung: „Es kann ganz sicher überhaupt keine Kürzungen bis 2012 geben. Es kann sie nicht geben, weil wir so dicht davor sind. Alles, was man tut, um zu kürzen, wird riesige Auswirkungen auf unsere Fähigkeit haben, 2012 Medaillen und Erfolge zu liefern.“ Es ist so ernst, dass der Niederländer van Commenee verlangt: „Ich erwarte, dass meine Athleten diesen Wettbewerb genau so angehen wie sie London 2012 angehen.“ Es gilt, die neue Regierung auf den süßen Geschmack sportlichen Erfolgs zu bringen.

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