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Marathon in London : Außerirdische Kenianer

Der Sieger: Für Eliud Kipchoge macht sich der Wechsel auf die Straße bezahlt. Bild: AFP

Eliud Kipchoge und Jemima Sumgong dominieren beim Marathon in London mit guten Zeiten. Anders als der Deutsche Arne Gabius. Und dann gibt es noch einen ganz besonderen Teilnehmer.

          3 Min.

          „Ich hoffe, sie nominieren mich“, sagt der beste Marathonläufer der Welt grinsend über seinen Verband. „Ich wäre glücklich, wenn ich meinen Namen hörte.“ Eliud Kipchoge ist am Sonntag in London den zweitschnellsten Marathon der Bestenliste gelaufen; seine Zeit von 2:03:05 Stunden wäre vor kaum mehr als anderthalb Jahren Weltrekord gewesen. Doch weil sein kenianischer Landsmann Dennis Kimetto im September 2014 in Berlin als erster und einziger Marathonläufer bisher 2:03 Minuten unterbot - acht Sekunden schneller als Kipchoge -, muss sich dieser vorerst damit zufriedengeben, dass er als Erster der Marathons von Rotterdam und Chicago 2014, Sieger von London und Berlin 2015 sowie Erster in London 2016 der größte Favorit auf den Olympiasieg Ende August ist - und hoffen, dass ihn Athletics Kenya in die Mannschaft für Rio aufnimmt.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Doch da kann er sich, obwohl er die Konkurrenz auf der olympischen Distanz meilenweit überragt, nicht sicher sein. Schließlich verweigerte der Verband ihm, der mit achtzehn Jahren in Paris im Spurt gegen Kenenisa Bekele und Hicham El Guerrouj Weltmeister über 5000 Meter wurde, der von den Olympischen Spielen in Athen und in Peking eine Silber- und eine Bronzemedaille zurückgebracht hat und der bei der WM 2007 in Osaka Zweiter wurde, die Nominierung für Olympia in London 2012. Deshalb ging Kipchoge auf die Straße.

          Die Trotzreaktion hat sich als einträglich erwiesen. Der Sieg und der phantastische Streckenrekord am Sonntag brachten dem 31 Jahre alten Kipchoge allein an Prämien vom Veranstalter 180.000 Dollar ein; dazu kommen das üppige Startgeld, mit dem London Jahr für Jahr die stärkste Konkurrenz zusammenstellt, sowie ein Bonus von Sponsor Nike. Der Sportartikelhersteller dürfte schon im vergangenen Jahr mehr als zufrieden mit der Leistung des Läufers gewesen sein, gewann dieser doch, obwohl die Innensohlen seiner nagelneuen Laufschuhe sich lösten und aus den Schuhen quollen, den Berlin-Marathon - und lobte die guten Schuhe, statt über seine Blasen an den Füßen zu klagen. Auch in der Jahreswertung der World Marathon Majors ist der einstige Bauernjunge Kipchoge der Läufer mit den besten Aussichten auf die halbe Million Dollar Preisgeld.

          Prinz Harry beglückwünscht auch Siegerin Jemima Sumgong.
          Prinz Harry beglückwünscht auch Siegerin Jemima Sumgong. : Bild: dpa

          Von den ersten Metern in Blackheath an schienen die Favoriten zu spurten. Die ersten fünf Kilometer absolvierten sie in 14:16 Minuten, fünfzehn brachten sie in 43:17 Minuten hinter sich, und die Hälfte war in 61:24 Minuten erledigt. Da hielt sich von drei Tempomachern nur noch einer an der Spitze, der Kenianer Gideon Kipketer. Er legte ein solches Tempo vor, dass Wilson Kipsang zu ihm aufschloss und zur Gelassenheit mahnte. Es half nichts. Wie Kimetto, wie Weltmeister Ghirmay Ghebreslassie musste auch er abreißen lassen.

          Als Kipketer nach getaner Arbeit kurz vor Kilometer 30 ausscherte (1:27:30 Stunden), waren Kipchoge und Stanley Biwott mit dem Äthiopier Bekele allein an der Spitze - und die beiden Kenianer machten sich sofort daran, diesen abzuhängen. Erst da nahm Kipchoge sein kanariengelbes Stirnband ab, und als er, weniger als 5000 Meter vor dem Ziel, auch noch seine Ärmlinge abstreifte, gab es kein Halten mehr. Allein lief er die Themse entlang und bog zum Buckingham-Palast ab, als es von Big Ben zwölfmal zu Mittag schlug, und im Ziel auf der Mall hatte er 46 Sekunden Vorsprung auf Biwott, 3:31 Minuten auf Bekele. Da hatte Arne Gabius, der deutsche Rekordhalter, bereits aufgegeben.

          #Nilsläuft : Die Hose, die beim Laufen stützt

          Ebenfalls eine Figur mit Geschichte ist die Siegerin Jemima Sumgong (2:22:58 Stunden). Wie sie bei etwa Kilometer 33 im Stolpern von einer Konkurrentin überrannt wurde und mit dem Kopf auf den Asphalt stürzte, wirkte dies wie eine Metapher ihres sportlichen Lebens. 2012 schien sie, Trainingspartnerin der später des Dopings überführten Rita Jeptoo, ebenfalls tief gestürzt, als ihr bei einer Doping-Kontrolle in Boston, wo sie Zweite des Marathons wurde, die Einnahme der Kortison-Substanz Prednisolone nachgewiesen wurde. Zurück ins Rennen brachte sie die Entscheidung des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF nach einem Protest. Die Substanz sei wegen einer Verletzung lokal appliziert worden, was erlaubt ist, und nicht oral verabreicht, was verboten ist erklärte damals Gabriel Dollé, der Leiter der Anti-Doping-Abteilung. Die Läuferin habe dies korrekt und wie vorgeschrieben auf dem Protokoll des Doping-Tests angegeben. Dollé ist heute einer der Beschuldigten im Korruptionsverfahren gegen die einstige Verbandsspitze. London ist der größte Erfolg der 31 Jahre alten Jemima Jelagat Sumgong. Zweite wurde Vorjahressiegerin Tigist Tufa (2:23:03) aus Äthiopien vor Florence Kiplagat (Kenia 2:23:39).

          Sogar ein Astronaut lief mit - nicht zwischen den 34.000 Teilnehmern, sondern auf einem Laufband in der International Space Station. Tim Peake, Pilot der Royal Air Force, gab den Countdown zum Start in Blackheath im Süden von London von seiner Umlaufbahn um die Erde. Für die außerirdischen Leistungen sorgten dennoch Kenianer.

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