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Elisabeth Pähtz im Gespräch : „Ich bin doch keine Intelligenzbestie“

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„Mathematik war mein schlechtestes Fach”: Elisabeth Pähtz Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Elisabeth Pähtz ist Deutschlands beste Schachspielerin. Bald misst sie sich mit den zehn besten Frauen der Welt. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht Pähtz über recht eigenartige Kollegen, Wodka während der WM und Schummeln mit Hape Kerkeling.

          Als „Wunderkind“ wurde Elisabeth Pähtz bezeichnet, als sie mit 14 die deutsche Frauenmeisterschaft gewann und mit 16 jüngste deutsche Großmeisterin wurde. Heute ist die Tochter des letzten DDR-Meisters Thomas Pähtz 22 Jahre alt und hierzulande die beste Schachspielerin. In der Weltrangliste steht die Soldatin der Sportfördergruppe (Elo-Zahl 2457), die bereits mit zehn Jahren in der Frauen- Bundesliga antrat, auf Platz 25. Vom nächsten Freitag an spielt sie im russischen Krasnoturinsk, wo sich die zehn stärksten Frauen der Welt messen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Pähtz über eigenartige Kollegen, Wodka bei der WM und Schummeln mit Hape Kerkeling.

          Sie tragen beim Turnier ein T-Shirt mit schwarzweißem Schachbrettmuster und eine Brille mit schwarzem Rand. Sieht so eine typische Schachspielerin aus?

          So fühle ich mich nicht. Es kann sein, dass ich in bestimmter Hinsicht extremer bin als andere Mädels in meinem Alter. Aber während andere Spielerinnen völlig versteift sind auf Schach, sehe ich alles etwas lockerer. Wenn ich sehe, wie Alexandra Kostenjuk am Brett sitzt und ihren Kopf festhält, dann denke ich nur, mein Gott, ist die verrückt.

          Aber genauso konzentriert und weltabgewandt stellen sich Außenstehende oft Schachprofis vor.

          Schachspieler sind ja auch eigenartig. Einige extreme Fälle sind unfähig, ein normales soziales Leben aufzubauen. Vor allem Männer verlieren den Hang zum Sozialen, weil sie sich zu sehr aufs Schach versteifen. Bei Frauen geht das gar nicht, weil sie irgendwann Familie und Kinder haben wollen. Frauen sind normaler. Aber auch von meinen Freunden ist höchstens eine Handvoll aus dem nichtschachlichen Bereich. Das ist eigentlich traurig, aber aber man fühlt sich in der Schachwelt viel wohler als in der anderen Welt. Ich hatte in der Schule immer ein Problem; ich kam mit den anderen Schülern nicht so klar und die nicht mit mir. Darum war ich froh, wenn ich bei irgendwelchen Turnieren war.

          Was ist so schwierig am Umgang mit Menschen, die nicht Turnierschach spielen?

          Viele denken doch: Ach, Schachspieler, das sind praktisch Gestörte im Kopf. Das ist so ein Klischee. In der Grundausbildung bei der Bundeswehr saßen wir Sportsoldaten mit den normalen Soldaten abends in der Kneipe zusammen. Einer fragte mich: „Ihr habt doch einen Schachspieler bei euch? Ist das nicht der Typ mit der Hornbrille, der immer so schusselig dazwischenplappert?“ Da wurde mir klar, was die Leute von Schachspielern halten. Der Typ mit der Hornbrille war übrigens Sportkletterer.

          Ist vielleicht auch Unsicherheit dabei gegenüber vermeintlich klugen Köpfen?

          Viele denken, sie hätten es immer mit einer Intelligenzbestie zu tun, aber das stimmt ja gar nicht. Ich bin der beste Gegenbeweis. In der Schule war ich Mittelmaß. Mathematik war mein schlechtestes Fach, da war ich froh, dass ich durchs Abitur kam.

          Dabei haben Schachspieler in den Pisa-Studien besser abgeschnitten als andere Schüler.

          Ich habe daran ja nicht teilgenommen. Meine Stärken liegen woanders. Beim Aufnahmetest der Bundeswehr war ich bei der Reaktionsfähigkeit sehr stark und dabei, den Überblick zu bewahren. Das liegt wohl daran, dass wir im Schach sehr wenig Zeit haben und trotzdem den Überblick behalten müssen.

          Erkennen Sie in Ihrer Freizeit, ob Ihnen ein Schachspieler gegenübersitzt?

          Wenn ich mich mit zwei fremden Menschen über ganz allgemeine Dinge unterhalte, erkenne ich mit neunzigprozentiger Sicherheit, wer von beiden Turnierschachspieler ist: durch die Gestik, die Mimik und die Aura, die er ausstrahlt.

          Haben Sie etwas vom Schach fürs Leben gelernt?

          Strategische und taktische Dinge vielleicht. Wenn ich Entscheidungen im Leben treffe, dann treffe ich sie nicht sofort, sondern gehe alle Möglichkeiten im Kopf durch.

          Sie durchdenken also alles ganz logisch, wie beim Schach?

          Im Schach berechne ich nicht alles bis ultimo. Ich mache oft Züge, bei denen ich intuitiv weiß, dass sie gut sein müssten. Der erste Zug kommt aus dem Bauch heraus. Wenn ich nicht sicher bin, prüfe ich das rechnerisch nach.

          Sind Sie im Spiel eine Draufgängerin?

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