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Leichtathletik : Die Davonläuferin will rennen, nicht reden

  • -Aktualisiert am

Reulose Rückkehrerin: Thanou qualifiziert sich in Athen für Birmingham Bild: REUTERS

Ekaterini Thanou ist wieder da. Die Sprinterin gibt zweieinhalb Jahre nach dem Dopingskandal bei Olympia in Athen ihr Comeback. In Griechenland muss sie sich vor Gericht wegen der Vortäuschung eines Unfalls und Meineides verantworten.

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          Ekaterini Thanou ist auf die Deutschen nicht gut zu sprechen. Die hätten sie jahrelang mit ihren gemeinen Dopingvorwürfen verfolgt. Sie wolle endlich ihre Ruhe haben, lässt die griechische Sprinterin durch ein Delegationsmitglied ihres nationalen Leichtathletikverbandes Segas auf Anfrage ausrichten.

          Aber auch mit anderen Ausländern möchte sie sich nicht unterhalten. Jedenfalls nicht vor ihrem internationalen Comeback am Wochenende bei den europäischen Hallenmeisterschaften in Birmingham, wo sie am Samstagmorgen zum ersten Vorlauf über 60 Meter in die Hocke geht. Ekaterini Thanou will hier und heute nur „rennen, nicht reden“.

          Schnell weglaufen, nicht aussagen

          Das ist nichts Neues, so kennt man sie: Schnell weglaufen, nicht aussagen, lautete die Devise, in der sie seinerzeit vollkommen einig war mit ihrem Landsmann Kosta Kenteris – was dem Duo nach einem juristischen Verfolgungsrennen mit einigen vergeblichen Zwischenspurts der notorischen Flüchtlinge eine zweijährige Sperre wegen Dopingverstoßes einbrachte. Und das, obwohl beide bis heute nicht ein einziges Mal positiv getestet worden sind. So weit ließ das berüchtigte Pärchen es nämlich nie kommen.

          Thanou über ihre Vergangenheitsbewältigung: „Ich bin weder glücklich noch unglücklich mit der Zeit”
          Thanou über ihre Vergangenheitsbewältigung: „Ich bin weder glücklich noch unglücklich mit der Zeit” : Bild: AP

          Wo immer die internationalen Dopingfahnder auch auftauchten, die Gesuchten waren schon weg. Wie am Vorabend der Olympischen Spiele 2004 in Athen, als Ekaterini Thanou und Kosta Kenteris Hals über Kopf und, so ein Augenzeuge, „wie aufgescheuchte Tauben“ aus dem Athletendorf flatterten, nachdem die Kontrolleure kurzfristig ihren Besuch angemeldet hatten. Die Eiligen wollten angeblich nur „rasch noch ein paar Sachen von zu Hause holen“. In zwei Stunden seien sie zurück und zu Diensten.

          Die Verdächtigen fliehen auf dem Motorrad

          Denkste! Da diesmal die flotten Beine des Olympiasiegers über 200 Meter von Sydney 2000 nicht flink genug waren, setzte er sich auf sein Motorrad und packte die Olympiazweite über 100 Meter, ebenfalls in Sydney, hintendrauf.

          Stunden später fiel ihnen dann ein, dass sie lieber im südlichen Athener Stadtteil Glyfada ihren einschlägig bekannten und wegen Beihilfe zur Testverweigerung mehrmals bestraften Trainer Christos Tsekos besuchen wollten, unterwegs aber leider, leider mit dem Krad verunglückt seien. Und das alles aus lauter Panik, wie Kenteris der internationalen Presse weismachen wollte: „Es war unverantwortlich, aufs Motorrad zu steigen. Aber ich bin bald verrückt geworden, als ich erfuhr, dass ich einen Dopingtest versäumt haben soll, und ich wollte rasch zurück ins Olympische Dorf.“ Ekaterini nickte bestätigend, und alle Welt schlug sich hohnlachend auf die Schenkel.

          Dubiose Ärzte gewähren Asyl

          Die Verletzungen des Easy Riders und seiner Motorradbraut waren so harmlos, dass seriöse Mediziner konstatierten, sie könnten allenfalls auf der Stelle stehend umgekippt sein. Doch konspirative Ärzte im aufnehmenden KAT-Krankenhaus, das übrigens erheblich weiter vom angeblichen Unfallort entfernt liegt als das nächste Hospital, gewährten den in größte Erklärungsnöte Geratenen für sechs Tage Asyl.

          Danach waren sie, was eine geplante Nachuntersuchung diverser Körpersäfte auf Dopingsubstanzen anging, aus dem Gröbsten raus. Dachten sie. Ihre dreisten Vorgeschichten brachten sie dann doch noch zu Fall: Nur Zufall, dass Trainer Tsekos und Ekaterini Thanou schon 1997 in Dortmund den deutschen Dopingfahnder Klaus Wengoborski feste in die Rippen knufften, um sich den Fluchtweg freizuboxen? Keine böse Absicht, dass Tsekos, Thanou und Kenteris sich kurz vor den Athener Heimspielen in Chicago und Tel Aviv aus dem Staub machten, als sie vor heranreisenden Kontrolleuren gewarnt wurden? Nein, befanden der Internationale Leichtathletik-Verband und der Internationale Sportgerichtshof. Ihr Urteil: verweigerte Kontrolle, zweijährige Sperre.

          Treue Funktionäre

          Nur die Segas-Funktionäre, an der Spitze deren Präsident Wassileios Sevastis, wollten ihren beiden Stars um jeden Preis glauben und hatten sie, allerdings vergeblich, zunächst sogar freigesprochen. Die Segas-Männer bekräftigten ihre unverbrüchliche Treue und haben Ekaterini Thanou auch in ihrer wettkampffreien Zeit nie im Stich gelassen. Der Verband finanzierte ihr Training und ihren neuen Trainer Dimitros Filiandras. Mit vorläufigem Erfolg: Die inzwischen 32 Jahre alte Ekaterini Thanou qualifizierte sich vor zwei Wochen bei den griechischen Hallenmeisterschaften in mäßigen 7,28 Sekunden für die 60 EM-Meter.

          „Ich bin weder glücklich noch unglücklich mit der Zeit. Ich wollte einfach wieder an der Startlinie stehen und den Startschuss hören“, versicherte sie. Was die englischen Zuschauer dazu zu sagen haben, weiß die reulose Rückkehrerin noch nicht. Notfalls kann sie sich ja wieder taub und stumm stellen.

          Aber vielleicht wird Thanou und Kenteris doch noch Hören und Sehen vergehen, wenn sie sich am 24. September vor einem Athener Gericht wegen der Vortäuschung eines Unfalls und Meineides zu verantworten haben. Denn die Schonzeit, die ihnen die griechischen Landsleute während der Sommerspiele in einer lautstarken Volkserhebung gegen die kritischen Ausländer gewährten – die ist auch in der Heimat längst abgelaufen.

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