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Eisschnellauf : Gunda Niemann-Stirnemann beendet Karriere

  • Aktualisiert am

Abschied vom Eis: Gunda Niemann Bild: dpa/dpaweb

Der Abschied auf Raten ist beendet. Gunda Niemann-Stirnemann hat 19 Monate nach ihrem letzten Rennen nun auch öffentlich ihre aktive Karriere beendet. Auschlaggebend waren gesundheitliche Probleme.

          3 Min.

          Die erfolgreichste Eisschnelläuferin aller Zeiten hängt endgültig ihre Schlittschuhe an den Nagel: Gunda Niemann-Stirnemann hat ihre einzigartige Karriere nach 17 Jahren in der Weltspitze und einem letzten mißglückten Comeback-Versuch offiziell beendet.

          „Aufgrund starker Rückenschmerzen ist es mir leider nicht mehr möglich, das angestrebte Comeback anzugehen. Dieser Schritt fiel mir nicht leicht, aber nun freue ich mich auf die kommenden Aufgaben“, sagte die 39jährige, die künftig als Trainerin in ihrer Heimatstadt Erfurt arbeiten will, am Donnerstag in Berlin.

          Endgültige Entscheidung am Mittwoch

          Niemann, die vor 19 Monaten bei der WM in Seoul ihr letztes Rennen bestritten hatte, wollte sich ursprünglich bei den deutschen Meisterschaften am Wochenende in der Hauptstadt noch einmal für die Weltcups qualifizieren und damit die Olympia-Chance wahren. Doch der große Traum, im Februar in Turin zum fünften Mal an Winterspielen teilzunehmen und erst danach in den Ruhestand zu treten, blieb unerfüllt.

          In der vergangenen Woche traten beim Training Schmerzen auf, kurz darauf folgten die ersten Rücktrittsgedanken. Die endgültige Entscheidung fiel am Mittwoch abend. „Danach hatte ich eine schlaflose Nacht“, meinte Niemann-Stirnemann, die bei der Pressekonferenz einen Tag später sehr gefaßt wirkte.

          Ehrgeiz und eiserner Wille

          Damit schloß sich für Niemann-Stirnemann der Kreis in Berlin. Sie verkündete in der Stadt ihren Rücktritt, in der sie am 26. November 1988 ihren ersten Weltcupsieg gefeiert hatte. 97 weitere sollten folgen - ein Rekord für die Ewigkeit.

          „Wunder-Gunda“ dominierte fast nach Belieben. Dabei hatte sie erst 1983 im Alter von 17 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben auf Schlittschuhen gestanden. Der Grund war so einfach wie einleuchtend: „Für Volleyball und Leichtathletik war ich nicht gut genug, beim Radfahren störten die dicken Beine.“
          Nur zwei Jahre später gewann Gunda Kleemann, so ihr Mädchenname, in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) bei der Kinder- und Jugendspartakiade ihre erste Goldmedaille. Und obwohl ihr alles andere als ästhetischer Laufstil den Experten nur ein Kopfschütteln entlockte, verhalfen dem Kraftpaket aus Thüringen Fleiß, Ehrgeiz und eiserner Wille zu einer unvergleichlichen Karriere. „Sie ist ein Vorbild und ein Geschenk für den deutschen Sport“, meinte DESG-Präsident Gerd Heinze.

          „Größte sportliche Tragödie“ in Lillehammer

          19 WM- und 8 EM-Titel sowie 19 Weltrekorde stehen in Niemann-Stirnemanns Bilanz. Doch auch für „Gold-Gunda“ waren Olympische Spiele immer „das Größte“. 1992 in Albertville gewann die Langstrecken-Spezialistin Gold über 3.000 und 5.000 Meter, 1998 stand sie in Nagano nach ihrem Triumph über die 3.000-Meter-Distanz noch einmal auf dem Treppchen ganz oben. Und auch in Turin wird sie als ZDF-Expertin wieder an der Bahn stehen.

          Bei Olympia erlebte die gelernte Textilfachverkäuferin aber auch ihre „größte sportliche Tragödie“. 1994 in Lillehammer stürzte sie als Favoritin im 3.000-Meter-Lauf. Verkrampft und schockiert holte sie zwar Bronze über 1.500 Meter, mußte aber über 5.000 m noch einmal eine bittere Pleite hinnehmen. Claudia Pechstein zeigte der Weltrekordlerin zum ersten Mal die Grenzen auf und gewann die erste ihrer bislang vier Goldmedaillen bei Olympia - zumindest unter den fünf Ringen hat die Berlinerin Pechstein die Erfurterin Niemann-Stirnemann mittlerweile überflügelt.

          Abschied auf Raten

          Die Liste ihrer Ehrentitel ist entsprechend lang. Als einzige Frau der Welt erhielt Niemann-Stirnemann dreimal den „Eis-Oskar“ des Osloer Skoiteclubs, die wichtigste Auszeichnung im Eisschnellauf. Seit 1999 darf sie sich „Eisschnelläuferin des Jahrhunderts“ nennen, und zwei Jahre später benannten die Stadt Erfurt die örtliche Eisschnelllauf-Halle nach ihrer ersten Ehrenbürgerin: Gunda Niemann-Stirnemann.

          Schon in den vergangenen Jahren hatte „Wunder-Gunda“ einen Abschied auf Raten gegeben. Wegen der Geburt ihrer Tochter Victoria im Mai 2002 legte sie eine zweijährige Babypause ein. Ihr Comeback in der Saison 2003/2004 war achtbar, aber nicht glanzvoll. Nach hartnäckigen Rückenproblemen und einer weiteren Saison ohne Rennen wollte sie in diesem Winter noch einmal angreifen. Doch der Körper spielte nicht mehr mit.

          Nun soll der Nachwuchs von ihrer Erfahrung profitieren. Niemann-Stirnemann: „Ich freue mich auf meine Zeit als Trainerin in Erfurt ab April. Aber ich werde auch meine Fans nicht vergessen. Von ihnen werde ich mich in Erfurt mit einer riesigen Gala verabschieden.“

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