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Eiskunstlauf : Chuzpe, Charme und ein stählerner Wille

  • -Aktualisiert am

Dynamik mit weicher Eleganz: Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Sie verströmen bei ihren besten Auftritten auf dem Eis Flair und die Aura des Besonderen. Die Paarlaufmeister Sawtschenko/Szolkowy könnten international Furore machen - wenn die deutsche Paßbehörde mitmacht.

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          Über so viel Gelenkigkeit, Grazie und geballten Ehrgeiz staunt Robin Szolkowy noch immer. Der Partner von Aljona Sawtschenko, der im Frühjahr 2003 schon einmal "drauf und dran war, die Schlittschuhe in den Keller zu stellen", hat mit der 20 Jahre alten Ukrainerin an seiner Seite noch einmal die Kurve gekriegt. Er nimmt seitdem Fahrt auf zu neuen, für ihn zuvor unerreichbar anmutenden Zielen. Deutsche Paarlaufmeister waren Sawtschenko/Szolkowy schon bei ihrem aufsehenerregenden Debüt vor einem Jahr, nun soll am Samstag im Oberstdorfer Bundesleistungszentrum der Deutschen Eislauf-Union (DEU) der zweite nationale Titel dazukommen.

          Ende Januar soll dann Europa und danach die Welt eine laufende Verbindung kennenlernen, die sich vor rund eineinhalb Jahren auf Vermittlung eines russischen Fotografen per E-Mail gesucht und gefunden hat. Moderne Zeiten für eine Disziplin, die hierzulande mal der Schwarm von Millionen war und seit der Hochzeit von Kilius/Bäumler peu à peu aus dem Fokus der Fans verschwand.

          Ein Hauch vorgespielter Harmonie?

          Ob Sawtschenko/Szolkowy, das Paar, das in Chemnitz lebt und trainiert, wenigstens einen Hauch von jener professionell vorgespielten Harmonie zurückbringen kann, die zumindest noch Wötzel/Steuer, die sächsischen Weltmeister von 1997, ausgezeichnet hat? Die beiden internationalen deutschen Meister, sie 20 Jahre alt, blond und dynamisch, er, 25, dunkelhäutig und von weicher Eleganz, verströmen bei ihren besten Auftritten etwas, das ein Großteil ihrer Konkurrenten nicht erlernen kann: Flair und die Aura des Besonderen. Was dem von Ingo Steuer trainierten Paar, das vor ein paar Wochen beim hochklassig besetzten Moskauer Grand-Prix-Wettbewerb Platz drei belegte, noch fehlt, ist die sportliche Extraklasse. Sie arbeiten daran. Der Dreifach-Wurftoeloop sitzt, der Dreifach-Wurfsalchow auch, der schwierigere Dreifach-Wurflutz ist in der Mache, dazu kommen zwei Dreifachtoeloops in der Kür: Dieses Angebot ist vielversprechend. Für eine Medaille bei der Europameisterschaft in Turin oder gar der Weltmeisterschaft in Moskau werden die Programme von Sawtschenko/Szolkowy noch nicht reichen, "aber die zwei wissen, daß sie eine Chance haben", sagt Udo Dönsdorf, der Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union, mit dem Blick auf die Zukunft.

          Dönsdorf gehört zu den Vertrauensmännern der zierlichen Ukrainerin mit dem stählernen Willen. Und deshalb weiß er auch, wie heftig das Heimweh Aljona Sawtschenko zuzeiten überfällt. Wer im nüchternen Chemnitz eine karg möblierte Einzimmerwohnung sein Refugium nennt und neben den dreimal pro Woche nötigen Deutschkursen an der Technischen Universität ausschließlich auf der alten Eisbahn am Küchwald zu Hause ist, wäre gefühllos, triebe ihn nicht die Sehnsucht nach der Familie in Kiew um. Aljona Sawtschenko aber hat sich für Deutschland, für Chemnitz, für Robin Szolkowy entschieden, weil sie ihrem Element verhaftet bleiben wollte, nachdem ihr alter Partner Stanislaw Morosow zu pausbäckig, zu gewichtig geworden war.

          Das gewisse Gefühl für den Schlittschuh

          Mit Morosow hatte die Paarläuferin ohne Lebenspartner im Jahr 2000 die Junioren-Weltmeisterschaft gewonnen. Damals in Oberstdorf wurde Szolkowy Zehnter an der Seite von Claudia Rauschenbach. "Ich wußte, was sie kann und was auf mich zukommt", sagt der Sohn eines Tansaniers und einer Deutschen heute, da auch er auf dem Weg zum Gipfel seiner jahrelang verschütteten Möglichkeiten scheint. Szolkowy, ein gelassener Typ mit Ring im linken Ohr, hat sich unverkrampft von der Power seiner Eisgefährtin mitreißen lassen, so daß Dönsdorf prophezeit: "In der Weltspitze laufen zwei russische und drei chinesische Paare. Wenn alles stimmt, können sie in die Lücke danach stoßen. Sie sehen gut aus, haben das gewisse Gefühl für den Schlittschuh. Dazu laufen sie weich und harmonisch. Dieser Stil hat auch die Chinesen stark gemacht."

          Chinesen und Russen dominieren den Paarlauf

          Chinesen und Russen dominieren den riskanten, von Stürzen und Verletzungen bedrohten Paarlauf inzwischen derart eindeutig, daß Oleg Wasiliew, der Trainer der russischen Weltmeister Totmianina/Marinin, über jeden Transfer aus Moskau oder Sankt Petersburg in Richtung Westen froh ist. Aljona Sawtschenko, sagt der Altmeister, sei eine Kämpferin und Künstlerin, zu der man der DEU nur gratulieren könne. Daß die Russen vor den ebenfalls starken Kunstlauf-Nationen Kanada und Vereinigte Staaten so etwas wie die Exportweltmeister dieses Sports seien, begrüßt Wasiliew aus voller Überzeugung. "Für den Paarlauf wäre es tödlich, wenn es nur noch Russen und Chinesen gäbe." Deshalb wechselt so manche Begabung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion trotz des mitgenommenen Heimwehs gern gen Deutschland, Frankreich oder Österreich. Da die Internationale Eislauf-Union, die mit der Sparte Eiskunstlauf keine Massenbewegung betreut, großzügig bei der Erteilung von grenzüberschreitenden Lizenzen ist, darf auch Aljona Sawtschenko seit dem September 2004 international für Deutschland starten.

          Das gilt aber nicht für die Olympischen Winterspiele. Turin 2006 ist nicht mehr weit entfernt, und deshalb wäre es für die Ukrainerin in Deutschland mit der vorläufig einjährigen Aufenthaltserlaubnis nicht von Nachteil, könnte sie schon in diesem Winter nachhaltig auf sich aufmerksam machen. Ob ihr deshalb gleich die deutsche Staatsbürgerschaft zuteil würde, die sie bräuchte, um bei Olympia starten zu können, ist eine Frage, die die Politik eines Tages beantworten muß. Fürs erste ist Aljona Sawtschenko mit inzwischen beachtlichen Sprachkenntnissen in Deutschland angekommen. Alles weitere will sie Schritt für Schritt mit Chuzpe und Charme erobern. In Europa, der Welt und vis-à-vis den deutschen Paßbehörden.

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