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Eishockey-WM : Kotschnew steht bereit

Der dritte deutsche Torwart Dimitrij Kotschnew: „Ich freue mich” Bild: dpa

Die deutsche Eishockey-Mannschaft misst sich diesen Samstag mit den Russen. In bislang 35 WM-Partien gab es 35 Abreibungen bei 282 Gegentoren. „Ich freue mich darauf“, sagte dennoch Dimitrij Kotschnew, der das Tor hüten darf - oder muss?

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          Ein Blick in die Statistik verheißt viel Gutes, fördert aber auch eine Erkenntnis zutage, die wenig erbaulich klingt: Jeden Gegner, der sich ihr in der zweiten Woche dieser Weltmeisterschaft noch in den Weg stellen wird, hat die deutsche Nationalmannschaft schon einmal bezwungen. Nur Russland nicht. Die Bilanz gegen den Rekordweltmeister und Titelverteidiger gleicht für die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) einem Bild des Schreckens: In 35 WM-Partien maß sie mit der „Sbornaja“ ihre Kräfte - 35-mal kassierte sie eine Abreibung. Nur zweimal machte lediglich ein Treffer den Unterschied aus. Ansonsten spricht allein die Tordifferenz Bände: 41:282 aus Sicht der in diesem Duell meist hoffnungslos überforderten Serienverlierer. Und trotzdem: „Ich freue mich darauf“, sagte Dimitrij Kotschnew, der deutsche Torhüter, der an diesem Samstag im ersten Zwischenrundenspiel gegen Russland (20.15 Uhr) sein Turnierdebüt feiert.

          Seine frohgemute Ungeduld klingt nachvollziehbar. Für ihn kommt der Abend einer besonderen Herausforderung gleich: Es ist sein erster Einsatz bei diesem Championat, und er könnte schwieriger kaum sein. Bislang durfte er zuschauen, wie Dennis Endras und Rob Zepp wechselweise den Vorderleuten den Rücken freihielten - und so ihren Beitrag dazu leisteten, dass sich die Deutschen vom Abstiegskandidaten zum Viertelfinalanwärter gemausert haben. Zumindest zwischen den Pfosten hat das Team des WM-Gastgebers ein echtes Luxusproblem: Bundestrainer Uwe Krupp kann zwischen drei Keepern wechseln, die allesamt die Abwehrkraft gehörig stärken. „Wir haben keine echte Nummer eins, jeder von ihnen ist auf einem hohen Niveau“, begründete der Coach sein bisheriges Konzept, den Wachposten immer wieder neu zu besetzen.

          „An einem Goalie richtet sich eine Mannschaft auf“

          Die Erfolgsquote von Endras ist überzeugend. Er parierte bei den Siegen gegen die Vereinigten Staaten (2:1) und Dänemark (3:1) famos, dennoch muss er immer wieder seinen Platz räumen. Zepp kam gegen Finnland zum Zuge, weil er einst in der skandinavischen Liga Erfahrungen gesammelt hatte, konnte das 0:1 aber trotzdem nicht verhindern. Nun sagt Krupp also: „Der Nächste, bitte!“, und verspricht sich von Moskau-Legionär Kotschnew Glanztaten gegen die ihm bestens vertrauten Russen, die ihre Gruppenspiele souverän für sich entschieden.

          Seine Erfolgsquote ist beachtlich: Deutschlands erster Torwart Dennis Endras

          „An einem Goalie richtet sich eine Mannschaft auf“, sagte auch Rupert Meister, Videoanalyst und Torwarttrainer beim DEB. Er war selbst zwei Jahrzehnte Schlussmann bei sieben Erstligavereinen. Er weiß also, wovon er spricht. Den 28 Jahre alten Kotschnew, 1,84 Meter groß und 80 Kilo schwer, charakterisierte Meister „als spielenden Torhüter, der gut mit der Scheibe umzugehen weiß“.

          Nur drei Gegentore in drei Auftritten

          Angst und bange ist niemandem in Krupps Truppe vor dem übermächtigen Konkurrenten. Ihre solide Arbeit in der eigenen Zone war bislang einer der Trümpfe, nur drei Gegentore in drei Auftritten musste man hinnehmen - nach den Schweizern der zweitbeste Wert aller 16 Nationen. „Wir wissen, was Kotschnew kann“, sagte Kapitän Marcel Goc, „dürfen ihn aber nicht alleine lassen.“ Der in Kasachstan geborene und in Hamburg aufgewachsene Profi hütete schon bei drei Weltmeisterschaften das deutsche Tor. In Iserlohn und Nürnberg machte er sich als nur schwer aus der Ruhe zu bringender Rückhalt einen Namen, ehe er 2008 zu Spartak Moskau wechselte.

          In der Kontinental Hockey League, dem russischen Gegenentwurf zur NHL, zählt er seitdem zu den Stammkräften. Kotschnew ist geschickt im Torraum unterwegs, mit den Schonern rasch auf dem Boden und deckt auch den oberen Bereich mit den Armen gelenkig ab. Sein konstantes Niveau zeigte er schon in der WM-Vorbereitung und versetzte Krupp unlängst ins Schwärmen: „Dimitrij ist überragend in Form.“

          Weißrussland und die Slowakei gilt es zu schlagen

          In die Begegnung mit der sturmstarken Mannschaft um Superstar Alexander Owetschkin, die das dritte WM-Gold in Serie anpeilen, gehen die Deutschen mit gehörigem Respekt. „Ihn zu stoppen ist schwer. Er ist so dominant. Wenn er auf dem Eis ist, passiert jedes Mal etwas“, sagte Goc, der den Hauptdarsteller der Washington Capitals aus NHL hervorragend kennt. „Wir dürfen ihm keine Zeit lassen, seinen Spielwitz auszuspielen.“

          Aber Russland ist auch nicht der Mitbewerber, den es partout zu schlagen gilt, um die nötigen Punkte für das Viertelfinale zu sammeln. Eher machbar könnte die Prüfung gegen Weißrussland (Sonntag, 20.15 Uhr) sein. Auch die Slowaken, gegen die es am Dienstag geht, hat Krupps Belegschaft bei Weltmeisterschaften schon besiegt. Obwohl Kotschnew weiß, dass „heute ein paar mehr Menschen ganz genau hinschauen“, blieb er gelassen: „Ich bereite mich immer gleich vor und versuche, nicht zu verkrampfen“, sagte er. „Es wird ein harter Job, aber wenn ich einen Schuss halte, kann ich den Jungs helfen.“ An Gelegenheiten, sich auszuzeichnen, wird es garantiert nicht mangeln.

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