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Eishockey-WM : Rätselraten nach dem Debakel

Wenn Deutschland spielt, jubeln die anderen Bild: dpa/dpaweb

Wie geblendet von einer WM-Vorbereitung mit achtbaren Ergebnissen, muß sich das deutsche Nationalteam im Ernstfall plötzlich vor den Kleinen fürchten. Der Scheinriese braucht zwei Siege, um den Abstieg zu verhindern.

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          Dem deutschen Eishockey droht der Abstieg, und keiner weiß, warum. Die Spieler wissen es nicht, die Verbandsführung weiß es nicht, und der Bundestrainer rätselt, was mit und in seiner Mannschaft passiert.

          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie geblendet von einer Weltmeisterschaftsvorbereitung mit achtbaren Ergebnissen gegen große Eishockeynationen wie Schweden und die Vereinigten Staaten, muß sich das deutsche Nationalteam im Ernstfall plötzlich vor den Kleinen fürchten. Der Scheinriese wankt zwischen Wien und Innsbruck durch die WM-Relegationsrunde, braucht zwei Siege gegen Österreich, Slowenien und Dänemark, um den Abstieg aus dem Kreis der 16 weltbesten Teams zu verhindern.

          "Wenn die Mannschaft verliert, ist der Trainer das Hauptproblem"

          Überrascht von der Schwäche seiner Spieler, hat es Greg Poss zwar nicht die Sprache verschlagen, aber anscheinend die Ideen. "Es gibt nichts schönzureden", sagte der Bundestrainer nach dem 1:5-Debakel gegen die Schweiz. "Die Mannschaft hat nicht gut gespielt, und ich bin verantwortlich dafür." Diesen Satz wiederholte Poss nach der 14. Niederlage im 19. Länderspiel unter seiner Leitung immer und immer wieder. Auf die gegen ihn gerichteten Sprechchöre deutscher Fans reagierte der Amerikaner vor dem ersten Relegationsrundenspiel am Freitag gegen Österreich so offen wie betroffen: "Wenn die Mannschaft verliert, ist der Trainer das Hauptproblem."

          Poss spricht viel bei seiner ersten WM als Chefcoach, doch am Donnerstag hat es geklungen, als ob er selbst seine Arbeit in Frage stellte. Daß es untereinander am Verständnis haperte, deutete Jochen Hecht nach der dritten Niederlage im dritten WM-Spiel an. "So wie wir gespielt haben, hat uns der Trainer auch nicht erreicht", sagte der NHL-Profi von den Buffalo Sarbres, der seiner herausragenden Rolle auf dem Eis noch nicht gerecht wurde. Hinter der Bande reagierten Nationalspieler wie Eduard Lewandowski dünnhäutig, als sie von Poss lautstark zur Raison gerufen wurden. Diese Kabale seien nicht ungewöhnlich, behauptete Verteidiger Christian Ehrhoff, "beim Hans ging es an der Bande genauso heftig zu".

          Das offensive Konzept droht zu scheitern

          Der als "Alpenvulkan" bekannte Hans Zach war vor sieben Jahren als bislang letzter Bundestrainer mit der Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) abgestiegen. Nach dem Wiederaufstieg zwei Jahre später folgte dreimal der Einzug ins WM-Viertelfinale. Seit Zach, von der öffentlichen Kritik an seiner Defensivtaktik zermürbt, sich im Vorjahr zurückgezogen hat, muß sein Nachfolger auch mit den gestiegenen Ansprüchen zurechtkommen. "Was sollen wir tun", fragte Poss, nachdem sein offensiveres Konzept zu scheitern droht, "sollen wir weinen?" Dabei wäre besonders das Angriffsspiel ein Grund zum Heulen.

          Das von Poss eingeführte und längst umgemodelte "Torpedo-System" zeigt zumeist die Wirkung einer Platzpatrone. In allen Teamstatistiken liegt die DEB-Auswahl mit Aufsteiger Slowenien abgeschlagen am Ende. Das Powerplay funktioniert nicht, weil die Verteidiger den Puck nicht im Angriffsdrittel halten können, weil die Stürmer vor dem gegnerischen Tor umherirren und vergeblich auf Zuspiele warten. "So gewinnt man keinen Blumentopf", sagte Jochen Hecht, der sich und den Seinen "ein Formtief" bescheinigt.

          "Ich bin kein Retter"

          Selbst bei der Abwehrarbeit steht die Mannschaft neben sich und läuft ihren Gegenspielern hinterher. "Wenn man Forechecking spielt", bemängelte Kapitän Hecht, "dann muß man es richtig machen." An vielem mag es in der Mannschaft mangeln, aber nicht an großen Herausforderungen. Zunächst gilt es in Österreich, den vierten Abstieg nach 1964, 1973 und 1998 zu vermeiden; sollte der Klassenverbleib gelingen, warten in Lettland 2006 schon in der Vorrunde die stärksten Gegner. Weil die DEB-Auswahl nach der Niederlage gegen die Schweiz vom achten Weltranglistenplatz voraussichtlich auf Rang zehn abrutschen wird, hat sie doppelt verspielt: bei der kommenden WM nicht mehr gesetzt, droht sie das Privileg zu verlieren, für die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver automatisch qualifiziert zu sein. "Das deutsche Eishockeyvolk muß jetzt zusammenhalten", forderte der Stürmer Tomas Martinec nach der höchsten Niederlage gegen die Schweiz seit vierzig Jahren.

          Hilfe ist aus Amerika gekommen. Christoph Schubert ist nach dem Play-off-Aus mit den unterklassigen Binghamton Senators am Donnerstag zum DEB-Kader gestoßen und soll nun eine Führungsrolle übernehmen. Doch kaum in Wien angekommen, wiegelte der als offensivstark geltende Verteidiger schon ab. "Macht mich nicht zum Messias", sagte Schubert, "ich bin kein Retter." Tatsächlich sollte diese Hauptrolle jemand anderem zufallen. Greg Poss weiß es.

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