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Überraschungen bei WM : Die Eishockey-Welt steht Kopf

  • -Aktualisiert am

Kommt nicht zur WM: Leon Draisaitl braucht nach der nächsten Enttäuschung mit den Edmonton Oilers eine Auszeit. Bild: dpa

Stars wie Leon Draisaitl oder Alexander Owetschkin bleiben der Eishockey-Weltmeisterschaft fern – das weckt ungekannte Begehrlichkeiten der Außenseiter: „Sind zu allem fähig.“

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          Anfang dieser Woche haben sich auch die letzten Hoffnungen auf Superstars bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Lettland zerschlagen. Alexander Owetschkin und Leon Draisaitl werden nicht nach Riga reisen – obwohl sie mit Washington und Edmonton aus den Play-offs der Eliteliga NHL ausgeschieden sind.

          Doch Russlands Torjäger spielte seit Wochen angeschlagen und will sich erholen, Deutschlands „Sportler des Jahres“ scheint nach der nächsten Enttäuschung im Kampf um den Stanley Cup Abstand zu brauchen. Und die beiden Topstürmer sind längst nicht die einzigen Eishockey-Millionäre, die sich die Corona-WM schenken. Von den ersten 80 Spielern der NHL-Scorerliste ist genau einer in Lettland dabei.

          In Amerika als B-Turnier verlacht

          Nun ist eine Eishockey-WM ohnehin nie das Treffen der Besten der Besten. Auch ohne Pandemie sagen viele ab. In Nordamerika interessiert das gern als B-Turnier verlachte Event kaum, die Play-offs der NHL laufen parallel. Wayne Gretzky, der beste Spieler der Geschichte, kam in seinen 21 Profijahren ein einziges Mal. Erst in den vergangenen Jahren gab es ein Umdenken, wer in der NHL ausscheidet, kommt gern. „Andere spielen zu Hause weiter in den Play-offs und werden besser, ich wollte meine Saison auf Top-Niveau verlängern“, sagte Jack Eichel, Kapitän der Buffalo Sabres, 2017 in Köln. Zuvor waren bereits Stars wie Kanadas Volksheld Sidney Crosby dabei, 2018 lief Connor McDavid, die größte Attraktion des Welt-Eishockeys, für Kanada auf.

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          Dieses Jahr gibt es all jene nicht zu sehen. Europas Teams setzen vor allem auf Spieler aus den heimischen Ligen, die Nordamerikaner auf Talente. Die Kanadier haben zwölf Spieler dabei, die 22 Jahre alt oder jünger sind. Prompt standen sie nach drei Spielen ohne Punkt da – darunter Niederlagen gegen Lettland und Deutschland. Auch Schweden, Finnen, Tschechen und Russen verloren schon gegen Dänen, Weißrussen, Kasachen, Schweizer und Slowaken. Die Eishockey-Welt steht Kopf: Die Kleinen jubeln, die Großen schauen ungläubig zu.

          Das weckt ungekannte Begehrlichkeiten. „Auch vermeintliche Außenseiter sind in diesem Jahr zu allem fähig“, sagt der deutsche Verteidiger Marco Nowak. Und meint damit durchaus das eigene Team. Auch in der Schweiz redet man vom Titel, in der Slowakei wird nach drei Auftaktsiegen geträumt, Gastgeber Lettland ist mit sieben Punkten ebenfalls obenauf.

          Dass das nur möglich ist, weil die besten Spieler der Welt fehlen, ist für das Publikum zweitrangig. Eine WM ist eine WM. In Deutschland schalteten am Montag gegen Kanada mehr als eine Million Menschen bei „Sport 1“ ein – fünfmal so viele wie beim Topspiel der Saison der Deutschen Eishockey Liga. Danach waren die sozialen Netzwerke voll mit Jubel-Nachrichten. Dass die Kanadier irgendwas zwischen C- und D-Team auf dem Eis hatten? Egal, Deutschland schlägt das Mutterland des Eishockeys, den Rekordolympiasieger und 26-fachen Weltmeister. Das blieb hängen.

          Auch der Weltverband macht fleißig mit, erzählt über seine Kanäle von immer neuen Rekorden und historischen Überraschungen. Die IIHF wittert ihre Chance, neue Zielgruppen in kleineren Eishockey-Nationen zu erreichen. Das wird auch in Kanada freudig aufgenommen. Die Fachzeitung The Hockey News schrieb: „Wie bei allen Außenseiternationen, die unglaubliche Siege feiern, besteht die Hoffnung, dass es das Interesse junger Kinder weckt, Eishockey spielen zu wollen. Das ist wichtiger, als zu sehen, wie dieselben Teams Jahr für Jahr gewinnen.“

          Die IIHF ist also in der Zwickmühle. Soll ihr Turnier langfristig ernst genommen werden, braucht es zumindest einige der besten Spieler der Welt. Aber dann jubeln stets die Nationen, in denen Eishockey längst Volkssport ist. Regulieren wird die IIHF die Kader aber wohl nicht. Nächstes Jahr in Finnland wird es wieder anders aussehen: mehr Stars, weniger Überraschungen. Das aktuelle Turnier in Lettland ist wie so vieles in Corona-Zeiten eine Ausnahmesituation. Aber vielleicht eine, in der der Sport neue Fans und Aktive gewinnt, die er sonst nicht erreicht hätte.

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