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WM-Niederlage gegen Kasachstan : Ende des deutschen Eishockey-Traumstarts

Nicht durchsetzungsstark genug: Deutschland um Matthias Plachta gegen Kasachstan Bild: dpa

Von kasachischer Power übertrumpft: Deutschland muss mit dem 2:3 die erste Niederlage bei der Eishockey-Weltmeisterschaft einstecken. Die eindrucksvolle Siegesserie ist damit gerissen.

          3 Min.

          Toni Söderholm waren bei der Zusammenstellung seines WM-Kaders vor allem zwei Qualitätsmerkmale wichtig: dass die Spieler unter Hochdruck richtige Entscheidungen treffen. Und dass sie sich von Fehlern, die zwangsläufig kommen werden, nicht verunsichern lassen. Handlungssicherheit und Schnelligkeit, so sagte es der Bundestrainer, machten auf internationalem Niveau den Unterschied aus.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          So gesehen, konnte er mit dem vierten Auftritt seiner Männer bei den Titelkämpfen in Lettland nicht zufrieden sein: Gegen Kasachstan musste sich die erstmals ihre Möglichkeiten nicht zielstrebig verwertende Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes 2:3 (0:0, 2:1, 0:2) geschlagen geben. „Wir hätten viele Situationen cleverer lösen können“, lautete die Kritik des Finnen am Mittwochabend, 48 Stunden nach dem Coup gegen Kanada.

          „Müssen nach vorne schauen“

          Es war die erste Niederlage im vierten Spiel – und nun wird sich zeigen müssen, ob die Mannschaft einer weiteren Erwartungshaltung Söderholms gerecht wird. Er hatte ebenfalls die Maßgabe formuliert, auch bei Rückschlägen den Kopf oben zu behalten. Er verlangte direkt „mehr Zweikampfhärte mit der Scheibe“ fortan und „Effizienz“ im Abschluss. Die Chance auf eine Qualifikation für das Viertelfinale ist jedenfalls nach wie vor hoch. „Wir müssen es abhaken und nach vorne schauen“, konstatierte Marco Nowak, während Marcus Eisenschmid bemängelte, dass „sie gemauert haben“ und er und seine Nebenleute es an Durchsetzungskraft hätten vermissen lassen.

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          Kasachstan gelangen als Aufsteiger zu Beginn des Championats mit Siegen gegen Lettland und Finnland schon Punktgewinne, die aufhorchen ließen. 90 Prozent des Teams spielen in der Heimat üblicherweise für den Klub HK Barys Nur-Sultan, der in der osteuropäisch-asiatisch geprägten KHL antritt; dazu gehören eingebürgerte Kanadier wie Curtis Valk, Darren Dietz oder Jesse Blacker, der in der Saison 2016/2017 für die Nürnberg Ice Tigers auflief. Dass ihre Gegenüber gut miteinander harmonieren, bekamen die Deutschen rasch zu spüren: Ivan Stepanenko tauchte in der zweiten Minute frei vor Torhüter Mathias Niederberger auf und traf bei seinem Abschluss die Latte. Es war ein erstes Warnzeichen für die Deutschen, dass es hier und heute unangenehm werden könnte.

          Auf der anderen Seite setzte Tobias Rieder den Puck aus spitzem Winkel an den Pfosten (7. Minute). Einfach wurde es den Deutschen nicht gemacht, ihre optische Überlegenheit, die sich in 60 Prozent Scheibenbesitz ausdrückte, auch in ein Plus an Torschüssen zu verwandeln. Auf der Handvoll Quadratmeter vor dem kasachischen Schlussmann Nikita Boyarki zogen sich zumeist vier Defensivleute zusammen, die den Slot unnachgiebig und aggressiv behaupteten. Fabio Wagner, Lukas Reichel und Leo Pföderl versuchten es dennoch, sich mal mit List und Tücke oder mit Wucht auf engstem Raum durchzusetzen – und scheiterten dabei jeweils knapp.

          Ungeahndeter Check gegen den Kopf

          Im Mittelabschnitt kamen die Kasachen mit neuer Power zurück, während Reichel, der einen ungeahndeten Check gegen den Kopf hatte einstecken müssen, vorsichtshalber kürzertrat. Durch einen Treffer von Alexander Shin (27.) gerieten die Deutschen in Rückstand. Aber nicht lange. Tom Kühnhackl zog von Linksaußen unhaltbar zum Ausgleich ab (30.). Der Jubel über den sich fast nahtlos anschließenden nächsten Treffer durch Matthias Plachta verhallte zügig, denn die Unparteiischen urteilten nach Videobeweis auf Abseits.

          Brennpunkt deutsches Tor: Goalie Niederberger, Nowak und Brandt unter Druck
          Brennpunkt deutsches Tor: Goalie Niederberger, Nowak und Brandt unter Druck : Bild: Imago

          Auch bei der nächsten aufregenden Szene hatten die Referees das letzte Wort, dem Tor von Eisenschmid, ebenfalls auf Abseits überprüft, gaben sie nach Studium der TV-Bilder statt (35.). Die Reihe umstrittener Schiedsrichter-Entscheidungen setzte sich zum Start ins Schlussdrittel fort. Nach einem Foul Moritz Müllers sprach das finnisch-lettische Unparteiischen-Gespann den Kasachen einen Penalty zu, den Roman Startschenko zum 2:2 verwertete (41.). Als Marcel Brandt mit den Schlittschuhen verkantete und zu Boden ging, nutzte Pavel Akolsin den Freiraum zum 3:2 (56.) – den Vorsprung gaben sie nicht mehr aus der Hand.

          Nach dem vierten Match binnen sechs Tagen geht es nun im Programm zunächst ein klein bisschen weniger anstrengend für die Deutschen weiter, denn am Donnerstag und Freitag stehen keine Pflichtaufgaben an, sodass Söderholm ankündigte, den Profis Gelegenheit zum Durchschnaufen einzuräumen und die Zeit zu nutzen, um aus Unzulänglichkeiten, die sie sich insbesondere defensiv leisteten, die passenden Schlüsse zu ziehen. „Wir wollen den Reset-Knopf drücken“, sagte er.

          Erst am Samstag folgt die Partie gegen Finnland (19.15 Uhr/Sport1). Inzwischen ist auch Dominik Kahun in Riga eingetroffen. Der Stürmer der Edmonton Oilers musste sich in Quarantäne begeben und steht frühestens am Dienstag gegen Lettland zur Verfügung. Das Match gegen Kasachstan verfolgte er in der Einzelisolation im Hotelzimmer.

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