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Eishockey-WM : Der Mann, der niemals müde wird

Munterer Marathonmann: Christian Ehrhoff (l.) gegen Finnland Bild: AFP

NHL-Profi Christian Ehrhoff verstärkt trotz aller Liga-Strapazen die deutsche Eishockey-Auswahl bei der Weltmeisterschaft in Finnland. Seine Mithilfe im Spiel gegen Russland an diesem Sonntag bezeichnet der Marathonmann als Herzensangelegenheit.

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          Eishockey ist eine statistikverliebte Sportart. Gerade in Nordamerika, wo die Besten der Besten spielen, wird die Jagd nach dem Puck mit außergewöhnlicher Akribie analysiert. So ist schon an einigen wenigen der vielen im offiziellen Auftrag der Profiliga NHL erfassten Daten zu erkennen, welche Anstrengungen hinter Christian Ehrhoff liegen. Der Dreißigjährige absolvierte vom 19. Januar bis zum 26. April an 98 Tagen 47 Pflichtpartien für seinen Klub, die Buffalo Sabres. Dabei absolvierte der Verteidiger durchschnittlich pro Spiel 28 Wechsel, stand insgesamt jedes Mal mindestens 23 Minuten auf dem Eis, war ein Ausbund an Zuverlässigkeit, konnte aber bei allem Engagement nicht verhindern, dass der Klub von der Ostküste die Play-offs verpasste.

          Trotz - oder gerade wegen - der Enttäuschung hat Ehrhoff noch nicht genug. Bei der Weltmeisterschaft setzt er seinen Tatendrang fort: „So kann ich versuchen, der Saison für mich ein positives Ende zu geben.“ Als Ehrhoff vor einer Woche von Bundestrainer Pat Cortina den Anruf erhielt, ob er in diesem Frühjahr auch noch das Nationaltrikot tragen könne, sagte der gebürtiger Moerser ohne Zögern zu und verstärkte kurzfristig den dezimierten WM-Kader des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB).

          Nicht die Füße hochgelegt

          Bei den Titelkämpfen in Helsinki wartet an diesem Sonntag (15.15 Uhr, Sport 1) im Duell mit Russland die nächste schwierige Aufgabe auf ihn und seine größtenteils unerfahreneren Mitspieler. Die Auftaktprüfung am Freitag verlief mit dem 3:4 nach Verlängerung gegen Gastgeber Finnland hoffnungsvoll. „Wir konnten erhobenen Haupt das Eis verlassen, gerade kämpferisch hat es gestimmt“, stellte Ehrhoff fest, der durch seinen Schlagschusstreffer zum 2:2 (43. Minute) einen zählbaren Beitrag zum Achtungserfolg leistete.

          Auf Urlaub verspürte der zweifache Familienvater anders als manche Kollegen, die Cortina ebenfalls gerne dabei gehabt hätte, die ihm aber absagten, noch keine Lust. Ehrhoff sagt über sich selbst, er sei „ein glücklicher Mensch, wenn ich Eishockey spielen kann“. Auch während des Streiks in der NHL, als im vergangenen Herbst über Monate der Betrieb ruhte, legte er nicht die Füße hoch, sondern schloss sich zum aktiven Zeitvertreib den Krefeld Pinguinen an; seinen Stammverein brachte Ehrhoff mit acht Toren und 18 Assists in 32 Spielen auf Endrundenkurs in der Deutschen Eishockey Liga. Claude Julien, Chefcoach der Boston Bruins, sagte nach einer Begegnung mit dem Marathonmann beeindruckt: „Der wird niemals müde.“

          Cortina schwärmt in ähnlichen Tönen von dem Routinier, für den er eine gewagte Personalentscheidung traf. Er ernannte Ehrhoff zum Kapitän, obwohl bei ihm und seinen Prioritäten, die er auch künftig auf seinen Arbeitsplatz in Übersee legen muss, nie klar ist, ob und wann er zur Nationalmannschaft kommen kann. Dafür nahm er Michael Wolf, dem langjährigen Mannschaftsführer, die Verantwortung weg. Der Iserlohner trug die Degradierung zum Assistenten mit Fassung: „Natürlich habe ich dem Vorschlag zugestimmt, wenn so ein jahrelanger NHL-Profi seine Führungsqualität noch mehr einbringen soll.“

          Mithilfe als Herzensangelegenheit

          Cortina bezeichnet Ehrhoffs „Arbeitsmoral“ und „seinen absoluten Willen, immer das Beste aus sich rauszuholen“ als Trümpfe; gegen Finnland stand keiner so oft und so lange auf dem Eis wie er - zusammengenommen 29:30 Minuten. Der Bundestrainer setzt darauf, dass Ehrhoff mit seiner Erfahrung die sechs jungen Debütanten in der DEB-Auswahl mitreißt. Bei der Heim-WM 2010 führte der Großverdiener, der in Buffalo bis 2021 vierzig Millionen Dollar erhält, die Deutschen ins Halbfinale. Von so einem Coup wagt dieses Mal niemand zu träumen. Seine Mithilfe bezeichnet Ehrhoff vor allem nach dem Scheitern in der Olympia-Qualifikation als Herzensangelegenheit. Es sei, findet er, „nicht richtig, den DEB oder das deutsche Eishockey zu kritisieren und danach nicht aufzutauchen, um die Dinge zu ändern“.

          Grundsätzlich sieht er Eishockey hierzulande in einer schwierigen Situation. „Es sind strukturelle Dinge, die hinter den Kulissen nicht richtig laufen“, sagt Ehrhoff. „Mit den Möglichkeiten, die wir grundsätzlich in Deutschland haben, müssten wir es besser hin bekommen.“ So aber gilt bei der WM vorerst: „Wir sind froh“, sagt Ehrhoff, „wenn wir hier nichts mit dem Abstieg zu tun bekommen.“

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