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Eishockey-WM : Charlie Chaplin als Mahnung

Neues Selbstwertgefühl: Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft Bild: dpa

Bundestrainer Krupp gibt der Eishockey-Nationalmannschaft ein neues Selbstwertgefühl. Bei der WM in der Slowakei soll sie aber nicht träumen. Zum Auftakt am Freitag (16.15 Uhr) gibt es die Neuauflage des WM-Halbfinals gegen Russland.

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          Im Jahr eins nach dem Wunder hat die Alltagsrealität die schönen Erinnerungen nahezu vollständig verdrängt. Wenn es für die Eishockey-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in der Slowakei (siehe auch: Eishockey-WM 2011: Alle Ergebnisse und Tabellen) von diesem Freitag an ernst wird, ist sie längst wieder in der Wirklichkeit angekommen, der sie im Mai 2010 für 17 spektakuläre Tage ausnahmsweise entrückt war. Der eindrucksvolle WM-Auftakt vor 77.000 Zuschauern beim Weltrekordspiel auf Schalke und der vierte Platz zum Ende einer Abenteuerreise durchs eigene Land gehören zu den Höhepunkten der sechsjährigen Amtszeit von Bundestrainer Uwe Krupp, der nach der Veranstaltung in Bratislava und Košice den Deutschen Eishockey-Bund (DEB) verlässt, um als allgewaltiger General Manager bei den Kölner Haien einen nachhaltigen Aufschwung einzuleiten.

          Wenn er sich zurückzieht, wird eines zurückbleiben: Ein neues Selbstwertgefühl der besten einheimischen Cracks, die den Abschlusstermin unter seiner Regie mit dem Glauben an die eigene Stärke und einer Portion Mut angehen. Vorrangig geht es um den Verbleib im Kreis der 16 Top-Nationen. „Aber wir sind auch gekommen, um die Großen zu ärgern“, kündigte Kapitän Daniel Kreutzer an, während sein Chef vor der letzten Dienstreise im Auftrag des Verbandes deutlicher bemüht war, Wunsch und Wirklichkeit auch rhetorisch in Einklang zu bringen.

          Vor der WM-Ouvertüre gegen Russland am Freitag (16.15 Uhr/ live in Sport 1 und FAZ.NET-Liveticker Eishockey-WM) sagte er: „Unser Fokus liegt auf dem Erreichen der Zwischenrunde. Das ist immer unser Ziel und es wird wieder schwer genug.“ Auch weil die weiteren Gegner in der Vorrunde die Gastgeber Slowakei und die aufstrebende Auswahl Sloweniens sind; wer weiterkommen möchte, muss mindestens Gruppen-Dritter werden, sonst geht es in die Abstiegsrelegation.

          Scheidender Sportdirektor: Franz Reindl

          Mahnende Worte

          Krupp legte während der durch die Play-offs in der Deutschen Eishockey Liga beeinflussten Vorbereitung großen Wert darauf, dass niemand in seinem Team überheblich wird. Der 45-Jährige ist aus Schaden klug geworden. Bei der WM vor zwei Jahren in Bern, als er unter ähnlichen Voraussetzungen seine Zurückhaltung aufgegeben und den Einzug in die Runde der letzten acht Mannschaften als Maßgabe formuliert hatte, rutschte man prompt auf den vorletzten Rang ab.

          Auch deswegen appellierte an seine Mitstreiter, trotz der guten Eindrücke, die sie in den Tests hinterließen, sich nicht von Medaillenträumereien mancher Fans ablenken zu lassen und die Grenzen des Möglichen im Blick zu behalten: „Charlie Chaplin hat mal an einem Charlie-Chaplin-Doppelgänger-Wettbewerb teilgenommen und ist Dritter geworden“, sagte Krupp in einem Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ und fügte die aus seiner Sicht aktuelle Bedeutung dieses Vergleichs an: „Den Erwartungen, die die anderen Leute haben, kannst Du sowieso nicht gerecht werden.“

          Pflichtgefühl wie am ersten Tag

          Weil neben Krupp auch Franz Reindl nach den Titelkämpfen seinen Job als Sportdirektor abgibt und sich auf seine Aufgabe als Generalsekretär beschränkt, muss sich der DEB in Kürze eine komplett neue Sportliche Führung suchen. Der teilweise Rückzug Reindls gilt als Indiz, dass sich Präsident Uwe Harnos mit einem neuen starken Mann so gut wie einig ist, den er im Anschluss an die WM als Führungskraft präsentiert. Beste Aussichten, Krupp und Reindl in Doppelfunktion zu beerben, werden dem früheren Schweizer Nationaltrainer Ralph Krueger eingeräumt, der noch in der NHL bei den Edmonton Oilers als Assistent beschäftigt ist. „Vielleicht suchen wir ja einen Bundestrainer und Sportdirektor in Personalunion“, sagte Harnos vielsagend. Mit der Idee, Krupp trotz seines Wechsels zu den Haien im Nebenjob befristet beim DEB weiterarbeiten zu lassen, wollte sich der Präsident nicht anfreunden.

          Krupp nahm es gelassen und engagierte sich vor der finalen Herausforderung mit dem gleichen Pflichtgefühl wie am ersten Tag. Die bevorstehenden Aufgabe, so der frühere Stanley-Cup-Gewinner, sei zu groß, um auf persönliche Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen: „Wir wollen das deutsche Eishockey wieder gut vertreten, für alles andere ist momentan kein Platz im Kopf.“ Ein wenig Besinnung werde ihn frühestens zum Schluss seiner Abschiedstournee überkommen, mutmaßte er. Schließlich, das habe er in über zwei Jahrzehnten vor und hinter der Bande gelernt, schade es als Sportler nie, ein bisschen das eigene Tun Revue passieren zu lassen, wenn sich ein Karriereabschnitt zu Ende neigt. Krupp hätte garantiert nichts dagegen, wenn er erst in zwei Wochen und nach einer weiteren aufregenden WM die Zeit dafür finden würde.

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