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Eishockey : Wie in Omas alter Wohnung

  • -Aktualisiert am

Die Grizzly Adams Wolfsburg sehnen sich nach dem Umzug in ihre neue Heimat. Doch der Eishockeyklub steht in der DEL vor einer schweren Saison und kämpft gegen den Abstieg.

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          Niemand kann sagen, wie lange der Salon Melitta ("Für Sie & Ihn") schon an auffälliger Stelle im Wolfsburger Eispalast für seine Frisierdienste wirbt. Vielleicht ein kleines Sponsoring aus Oberligazeiten. Es fällt wohl auch gar keinem auf, daß dort überhaupt etwas hängt. Denn der Wolfsburger Eispalast sieht wie Omas alte Wohnung aus, die seit zwanzig Jahren nicht mehr renoviert wurde: Man hat sich an jeden Gegenstand an seinem Ort gewöhnt und fragt nicht mehr, warum er dort steht.

          Es fragt auch keiner der Lokaljournalisten, warum er sich seinen Weg durch die Fans bahnen muß, um dann auf einem orangen Stahlgerüst hoch unterm Dach des Palastes das Spiel anzuschauen. Auf Barhockern. Der Wolfsburger Eispalast ist der größtmöglichste Anachronismus in den Zeiten der topmodernen Event-Arenen: kein Luxus, kein Komfort. Wer in den Drittelpausen Bier oder Wurst holt, hat seinen Platz verloren, so eng ist es.

          „Der Eispalast ist nur noch ein Provisorium“

          Seit die Grizzly Adams Wolfsburg nach den spannenden Play-offs im April gegen Bietigheim und Landshut in die Deutsche Eishockey Liga (DEL) aufgestiegen sind, kommen Woche für Woche die deutschen Eishockey-Spitzenklubs in die 2700 Zuschauer fassende Halle am Allerpark und fühlen sich wie bei einem Testspiel in der Provinz, wenn sie aufs Eis laufen. Am Freitag, beim 4:1 der Kölner Haie in Wolfsburg, reiste Hans Zach in die eigene Vergangenheit. "1986 war ich mit Ratingen mal hier, noch als Spieler. Ich habe mich drauf gefreut, eine neue Halle zu sehen - aber es war die alte." Karl-Heinz Lorenz sieht das alles etwas differenzierter und muß doch grinsen über Zach. Der 53 Jahre alte, für den Spielbetrieb zuständige Manager der Grizzly Adams führt den Verein seit 1996. An einem dicken Bund hängen Schlüssel für alle Türen und Container. Lorenz ist das Mädchen für alles bei den Grizzlys, die in Wolfsburg nach dem Vorgängerverein "der EHC" genannt werden. "Der Eispalast ist nur noch ein Provisorium", sagt Lorenz. Bis Ende 2005 gilt die Ausnahmegenehmigung, die die DEL dem Wolfsburger Verein erteilt hat. Dann soll neben der Volkswagen Arena der Fußballer eine neue Eishalle stehen. 25 Millionen Euro soll sie kosten, mehr als 5000 Personen sollen Platz finden, und dann möchte Lorenz in feinen Logen auch Vips begrüßen können. Denn wirklich viel Geld einnehmen, das können die Grizzly Adams bei ihren Heimspielen nicht. "Aus den Zuschauereinnahmen kommt fast nichts", sagt der für das Controlling zuständige Geschäftsführer Bernd Rumpel.

          Kollege Lorenz will spätestens von 2006 an nicht mehr jede Tür aufschließen und jedes Telefonat annehmen. "Ich habe früher alles gemacht", sagt er, "das soll jetzt langsam weniger werden." Auch wenn es ihm schwerfällt. Zu den Auswärtsspielen der Profis fährt er immer noch mit - im Bus. "Ich muß doch wissen, wie es den Jungs geht." Ein paar Veränderungen sind doch zu sehen rund um den Eispalast. 5000 Euro im Monat läßt es sich Lorenz kosten, 34 Container gemietet zu haben, die auf der Nordseite der kleinen Halle übereinander stehen und Geschäftsstelle, Heimkabine, Fan-Shop und Schiedsrichterraum beherbergen. Eine Forderung der DEL.

          Der Sponsor hatte den Aufstieg befohlen

          Die Vorfreude auf die neue Heimat könnte so schön sein, wenn es nicht diesen Druck gäbe: den Druck des Nicht-Absteigen-Dürfens. Wer würde schon zweitklassiges Eishockey in einer erstklassigen Arena sehen wollen? Fünf Spiele, ein Sieg, das ist die Bilanz des EHC bislang. Die Mannschaft von Trainer Stefan Mikes muß sich an die Schnelligkeit und die taktische Disziplin in der DEL noch gewöhnen. "In der Bundesliga hatten wir drei Topspiele im Monat", sagt der Slowake Mikes, seit sechs Jahren bei den Wolfsburgern, "jetzt in der DEL alle drei Tage." Es werde eine sehr schwere Saison, prophezeit Mikes. Wenn es mehr als schwer wird und die Wolfsburger sich zu weit vom rettenden zwölften Platz entfernen, könnte Hauptsponsor Skoda noch etwas Geld für einen starken Neuen nachschießen, sagt Controller Rumpel. Bisher sind es wohl 3,5 Millionen Euro, die die VW-Tochtergesellschaft gibt. In der Bundesliga galt der EHC als Krösus. Der Sponsor hatte den Aufstieg am Ende eines Dreijahresplanes quasi befohlen. Es hat funktioniert.

          Jetzt schon erstklassig ist die Stimmung in der Halle. 15 Trommler hauen auf die Pauke, daß es später in den Ohren piepst. Das ist ein harter Kern von Fans, der die wechselvolle Geschichte des Eishockeys in Wolfsburg kennt. Zweimal gingen Vereine pleite. Der Name des heutigen Klubs kommt von einer Hobby-Spielgemeinschaft, die Mitte der neunziger Jahre die Jugendteams des insolventen EHC übernahm. Aus dem EHC Wolfsburg wurden die Grizzly Adams. Für die Fans dürfte dasselbe gelten, was auch Karl-Heinz Lorenz sagt, später am Abend, in einem zugigen Zelt, in dem die VIPs verköstigt werden: "Die neue Arena ist das Ziel. Das möchte ich noch erleben." Natürlich in der DEL.

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