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Eishockey : Über Nacht weicht der Trübsinn trotziger Zuversicht

Stärkt seinen Spielern den Rücken: Bundestrainer Hans Zach Bild: AP

Am Morgen danach sah die Welt schon wieder anders aus: Die 1:5-Niederlage der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft in der Vorrunde gegen Tschechien hat dem Ensemble nicht den Mut geraubt.

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          Mit dem Schlaf kam offensichtlich die Zuversicht zurück. Mancher der Nationalspieler sah zwar noch blaß um die Nase und ein wenig müde aus, als er nur wenige Stunden nach der 1:5-Niederlage (0:1, 1:0, 0:4) gegen Tschechien schon wieder zu einer kurzen Trainingseinheit die Schlittschuhe schnüren mußte, doch zumindest die Stimmung hatte sich beim Troß des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) gebessert. Trübsinn und Enttäuschung, die am Vorabend aus einigen Stellungnahmen herauszuhören waren, waren im Laufe der Nacht einer trotzigen Zuversicht gewichen. Selbst Bundestrainer und Berufsoptimist Hans Zach hatte unmittelbar nach dem Spiel zugegeben, daß ihn die abermalige Galavorstellung des Titelanwärters, der mit seinen Männern zum Ende machte, was er wollte, "frustriert" habe. Am Morgen darauf hörte er sich jedoch schon wieder ganz anders an: "Jetzt erst recht", so Zach, sei das Motto der an diesem Samstag für seine Leute beginnenden Zwischenrunde bei dieser Weltmeisterschaft.

          Es war ein munteres Eishockeyfest, das die 18 000 Zuschauer in der vollbesetzten Sazka-Arena erlebt hatten, bei dem sich die Auswahl des DEB als dankbarer Spielgefährte präsentierte, der froh schien, den Hausherren überhaupt kurz die Stirn geboten zu haben. Gut und gerne die zehnfache Ticketmenge hätte man für dieses prestigeträchtige Nachbarschaftsduell verkaufen können, bestätigten später die WM-Organisatoren, und so machten die Schwarzmarkthändler zum Ende der Vorrunde in der Gruppe A ein denkbar gutes Geschäft. Preise von über 250 Euro, soviel wie die Hälfte eines durchschnittlichen tschechischen Monatslohns, wurden in den Straßen rund um die Halle pro Karte verlangt - und erzielt. Die, die das Glück hatten, einen Einlaßschein zu ergattern, sahen eine über weite Strecken einseitige Partie, in der in Reihen des Außenseiters nur Robert Müller über sich hinauswuchs. Der Ersatzmann des geschonten Olaf Kölzig unterstrich, "daß er ein Riesentalent ist, dem eine große Torhüterkarriere bevorsteht", wie Zach lobte. Obwohl sich seine Vorderleute fast ausnahmslos darauf beschränkten, den Angriffswirbel der Tschechen mit allen erdenklichen Mitteln zu stören, bekam der nur 1,72 Meter große Krefelder alle Hände voll zu tun. Das mit 16 NHL-Cracks gespickte Starensemble beeindruckte mit traumwandlerischem Kombinationsspiel, das die deutschen Akteure auch durch hartes Einsteigen an der Bande nicht unterbinden konnten. Ihnen war an diesem Abend die Nebenrolle des Sparringspartners zugedacht - und sie fügten sich, abgesehen von einer starken Phase im Mittelabschnitt, ohne großes Aufbegehren. Denn nach dem Tor des Mannheimers Klaus Kathan, der in der 38. Minute die 1:0-Führung durch Vaclav Prospal (19. Minute) ausgeglichen hatte, kehrten die Tschechen aus der zweiten Pause mit der unmißverständlichen Absicht zurück, die Kräfteverhältnisse sofort wieder zurechtzurücken. Gelegen kamen ihnen dabei die nachlassende Konzentration und Kondition der Deutschen, die erschöpft von ihrer Verteidigungsarbeit sich oft nur noch durch Fouls zu wehren wußten. Als Jochen Molling und Eduard Lewandowski zusammen auf der Strafbank saßen, erzielte Anführer Jaromir Jagr, auf den das Spiel der Tschechen mustergültig zugeschnitten ist, das 2:1 (43.). Mit diesem Treffer verschwanden sämtliche latent vorhandenen Versagensängste beim selbsternannten Turnierfavoriten, und daß lediglich noch Jan Hlavac (44.), Martin Rucinsky und Jan Hejda (beide 54.) gegen einen überforderten Widersacher trafen, war das Verdienst des wackeren Robert Müller, der als einziger seines Teams Kopf und Kragen riskierte, um den Mißerfolg wenigstens in Grenzen zu halten. Er sei "kein Phantast gewesen", sagte Zach, deswegen habe ihn der Lauf der Dinge "nicht überrascht"; vor allem das "wesentlich bessere tschechische Powerplay" habe den Ausschlag gegeben.

          In der Zwischenrunde, die morgen, 20.15 Uhr mit dem nicht minder von alten Rivalitäten überlagerten Duell gegen Österreich beginnt, müssen laut Zach "mindestens zwei Siege her, um das Viertelfinale zu erreichen". Ein schwieriges Unterfangen, wie er ohne Umschweife einräumte, zumal die Seinen nur einen Zähler (dank des 1:1 gegen die Letten) mitnehmen konnten.

          Weitere Mitbewerber sind am Sonntag (20.15 Uhr) Kanada, das nach einem schwachen Start und der Nachnominierung von einer Handvoll NHL-Profis aber immer besser in Fahrt kommt und am Dienstag (16.15) die Schweiz ("genau unsere Kragenweite"). Das Team Austria schätzt Zach, wie viele Beobachter in Prag, als das "stärkste seit langem" ein. Sie hätten einen "gewaltigen Sprung" gemacht, "sind kräftig, laufstark, haben Moral und Mumm". Klingt wie eine Kopie des eigenen, zuletzt bei Weltmeisterschaften erfolgreichen Systems. Eine Vorstellung, die durch Kunststücke auf dem Eis besticht, das haben unlängst die drei Testspielsiege gegen Österreich belegt, steht nicht zu erwarten - dafür wohl ein lebhafter Schlagabtausch. Spannung scheint also garantiert in der Frage, für wen der beiden ewigen Konkurrenten sich der Tag der Arbeit um kurz nach 22 Uhr tatsächlich als Feiertag entpuppt.

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