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Eishockey-Team Eisbären Berlin : Mehr als der Außenposten der Los Angeles Kings

  • -Aktualisiert am

Ein eingespieltes Team: die Eisbären Berlin. Bild: dpa

Bei den Eisbären Berlin hat sich viel verändert, aber nicht der Anspruch. Man will als eigenständiger Klub wahrgenommen werden, trotz Verzahnung mit einem Team aus Amerika. Nun geht es im Playoff-Halbfinale gegen Nürnberg.

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          Klack. Klack. Klack. Stéphane Richer liebt diesen Klang von leeren Eishockey-Arenen. Wenn keine Zuschauer in der Halle sind und jeder Stockschlag hörbar ist, jede Kufe, die sich ins Eis schneidet und Splitter schlägt. Wenn der Schall sich seinen Weg unters Hallendach bahnt und dort oben bricht. „Das hat so was Ursprüngliches, so was Originales. Wie früher in Kanada“, sagt Richer, während er einen dieser Klappsitze in der Arena am Berliner Ostbahnhof herunterdrückt und Platz nimmt, um sich ein morgendliches Training der Eisbären anzusehen. Just in diesem Moment hämmert ein Puck gegen die Plexiglasscheibe und lässt Richer beinahe seinen Kaffee verschütten. Ein kurzer Schreckmoment.

          Davon hatte der Sportdirektor der Eisbären Berlin in dieser Saison wenige zu überstehen. Die Berliner beendeten die Vorrunde in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) auf Platz zwei hinter Meister München und gewannen die erste Runde in den Playoffs gegen Wolfsburg locker mit 4:1 Siegen. Von diesem Donnerstag (19.30 Uhr) an geht es im Halbfinale gegen Nürnberg.

          „Wir sind jetzt dort, wo wir letzte Saison waren. Das war mindestens unser Ziel“, sagt Richer. Vor der Saison hätte ihm ein solcher Satz auf die Füße fallen können. War es doch keineswegs sicher, wohin der Weg der Eisbären führen würde. Schließlich hatte sich Richer darangemacht, im Sommer ein für Berliner Verhältnisse mittelschweres Erbeben auszulösen. Der Kader wurde stark verändert, sieben Spieler kamen, neun gingen. Darunter so verdiente Kräfte wie Laurin Braun, Barry Tallackson und Darin Olver. Alles Spieler, die große Erfolge hatten.

          Stephane Richer (links) hat bei den Eisbären Berlin viel bewegt.

          Sieben Meisterschaften in neun Jahren haben die Eisbären zwischen 2005 und 2013 gewonnen. Sieben. Die vergangene Spielzeit hatte aber gezeigt, dass der Zyklus dieser Generation endgültig vorbei ist. Beim 1:4 gegen den späteren Meister München waren die Berliner chancenlos. So eine Niederlage schneidet sich tief ins Selbstverständnis des stolzen Klubs. Schon zu DDR-Zeiten war man Meisterschaften in Serie gewohnt. Dass Konkurrenten übermächtig daherkommen, passt nicht ins Bild. „Es war an der Zeit, solch einen Schnitt zu tun“, sagt Richer. Dabei hört er sich an wie ein Chirurg, der über eine notwendige Operation spricht. Im Grunde war es ja auch nichts anderes. Neben den Spielern kamen zwei neue Ko-Trainer, ein Kraft-, ein Torwart- und ein Konditionstrainer. „Wir sind jetzt noch effizienter aufgestellt“, sagt Stefan Ustorf, der sich zu Richer auf die Tribüne gesellt hat.

          Ustorf ist seit 14 Jahren bei den Eisbären, früher riefen sie ihn Hooligan von den Rängen, aber mit einem Hooligan hat er nichts mehr gemein. Er trägt blaue Jeans und einen Wollpullover, die Brille im Gesicht verleiht ihm eher das Aussehen eines Hochschullehrers. Inzwischen arbeitet er als Leiter für Spielerentwicklung. Vergangene Saison war er noch Sportdirektor, ehe Richer übernahm.

          Ein eigenständiger Klub

          Ustorf verkörpert Tradition und Gegenwart bei den Eisbären, Richer ist die Moderne. Auch was die Struktur des Klubs angeht, hat sich in den vergangenen Monaten einiges getan. Die Eisbären gehören zur Anschütz-Gruppe, genau wie die Los Angeles Kings aus der nordamerikanischen Profiliga NHL. Zuletzt sind beide Unternehmen deutlich enger zusammengerückt, die Verzahnungen wurden stärker. Luc Robitaille, im operativen Geschäft der führende Kopf der Kings, ist auch Aufsichtsratschef bei den Eisbären. Richers Verpflichtung ist auch stark an diese Personalien geknüpft, mit Robitaille verbindet ihn eine Freundschaft seit Jugendtagen.

          Bei den Eisbären geben sie sich große Mühe, weiterhin als eigenständiger Klub und nicht als europäischer Außenposten der Kings wahrgenommen zu werden, aber vor allem, was die Strukturen angeht, lautet die Vorgabe der Eigentümer aus Übersee, sich an Los Angeles zu orientieren. Das gilt in erster Linie für Bereiche wie Marketing und Ticketverkäufe.

          Sportlich profitieren die Berliner von der Partnerschaft. In der Olympiapause flog der komplette Kader nach Los Angeles, um dort die modernen Trainingseinrichtungen zu benutzen. Sean Backman, der beste Scorer der Berliner in der Hauptrunde, entschied sich hauptsächlich aufgrund der engen Verbindung zu den Kings für die Eisbären, das Gleiche gilt für Ko-Trainer Clement Jodoin, der zuvor lange in der NHL arbeitete, unter anderem zwölf Jahre bei Rekordmeister Montreal Canadiens. „Es hilft natürlich bei Verpflichtungen, wenn du einen Luc Robitaille als Pfand hast“, sagt Richer.

          Die nähere Anbindung an die Kings ist Anschütz’ Antwort auf das Emporkommen der Münchner Eishockeyfiliale von Red Bull. München schickt sich gerade an, seinen dritten Titel nacheinander zu gewinnen. Im anderen Halbfinale trifft der Meister auf die Adler Mannheim, Richers alten Klub. „Alle vier Mannschaften, die im Halbfinale stehen, können den Titel holen“, sagt Ustorf. Dass noch einmal ein Klub sieben Titel nacheinander schafft, glaubt er nicht. „Dafür ist die DEL zu sehr zusammengerückt, alles ist enger geworden als noch zu meiner Zeit.“

          Aufgrund der seit 2013 anhaltenden Durststrecke wären sie bei den Eisbären schon mit einem Titel zufrieden. „Jede Meisterschaft ist wie ein eigenes Buch“, sagt Richer. „Und natürlich wollen wir auch eines schreiben.“ Genug Material dafür ist bei den Eisbären vorhanden.

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