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Deutscher Eishockey-Star : Wie Leon Draisaitl seine Kritiker verstummen ließ

  • -Aktualisiert am

„Ohne meine Mitspieler wäre das nicht möglich gewesen“: Leon Draisaitl ist NHL-Topscorer Bild: AP

Leon Draisaitl spielt seit 2014 bei den Edmonton Oilers. Sein Start war schwierig. Kritiker stuften ihn zunächst als überschätzt und sein Gehalt als maßlos überzogen ein. Nun hat der Eishockey-Star sein Soll übererfüllt.

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          Der Pokal ist ein typisches Prunkstück der besten Eishockey-Liga der Welt. Die Silberschale ganz oben ist kleiner als der mächtige Sockel, der im Laufe der Zeit ständig verlängert wurde. Das rund ein Meter hohe, kantige Trumm nennt sich Art Ross Trophy und geht an den produktivsten Stürmer der regulären Saison. Für die deutschen Eishockey-Profis, die in den vergangenen drei Jahrzehnten in Nordamerika auflaufen konnten, war eine solche Auszeichnung noch nie auch nur in Reichweite.

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          Umso bemerkenswerter war die Nachricht zuletzt, als die NHL offiziell einen Schlussstrich unter die Tabellen in ihren sechs Divisions zog und den ersten, von der Corona-Pandemie zwischenzeitlich gestoppten Teil der Saison für beendet erklärte. Denn dies bedeutete, dass dem erst 24 Jahre alten Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers etwas gelang, was nur wenige Koryphäen geschafft haben: Mit 110 Punkten (43 Tore, 67 Assists) in 71 Spielen lag er 13 Punkte vor seinem Teamkollegen Connor McDavid. „Natürlich ist das eine große Ehre und etwas ganz Besonderes. Aber ohne meine Mitspieler wäre das nicht möglich gewesen“, sagte Draisaitl, der seit 2014 bei den Oilers spielt.

          Seine individuelle Leistung ist schlicht überragend und wird immer wieder von den Fans gefeiert. So wie in diesem Frühjahr, als er in einer Begegnung gleich vier Tore erzielte und unwiderstehlich durch die ratlosen Verteidigungsreihen der Nashville Predators fegte. Draisaitl, dessen von einem gestutzten Vollbart eingerahmtes Gesicht gewöhnlich so gut wie keine Emotionen abstrahlt, öffnete danach sogar einen Spalt ins Innere: „Da muss man nicht lange herumreden“, sagte er. „Wenn man vier Tore schießt, dann fühlst du dich natürlich gut.“

          Selbstbewusst auf den Putz zu hauen kam nicht in Frage, in den Kabinen der NHL sind Narzissmus und Selbstlob verpönt. Obwohl als Söldner auf Zeit zu unfertigen Kadern zusammengewürfelt, sollen sie aus jeder Pore Teamgeist schwitzen und sich für ein großes gemeinsames Ziel – den Stanley Cup – ins Zeug legen. Umso mehr reden andere – Journalisten, Blogger, Podcaster – quer über den Kontinent über Draisaitls „irre Saison“ („Yahoo News“). Das seltene Bild eines deutschen Eishockey-Talents im Rampenlicht des nordamerikanischen Sports schafft jedoch Einordnungsprobleme. Während manche ihn mit Wayne Gretzky vergleichen, weil der einst bei den Oilers Inbegriff des unwiderstehlichen Scheiben-Schützen war, ziehen andere den Würzburger Basketballspieler Dirk Nowitzki heran, der in Dallas zur NBA-Ikone geworden ist.

          Draisaitl ging bereits mit 16 Jahren nach Kanada zum Junioren-Eishockey. Nach zwei Spielzeiten mit Prince Albert in der Western Hockey League verpflichteten ihn 2014 die Oilers. Sein Start dort war schwierig, auch Kritiker stuften ihn eine Weile als überschätzt ein. Sein Vertrag vom Sommer 2017 über acht Jahre und 68 Millionen Dollar wirkte auf Fernsehexperten wie den ehemaligen Profi Ray Ferraro maßlos überzogen: „Ich habe keine Ahnung, warum sie auf 8,5 Millionen eingewilligt haben.“ Die Kritik hat sich gelegt. Mittlerweile gilt die Vereinbarung als echtes Schnäppchen. Denn Draisaitl übererfüllt sein Soll. Seine Reflexe und Reaktionen sind extrem schnell. Sein Positionsspiel ist schwer auszurechnen. Seine Schüsse düpieren Torsteher aus allen möglichen Richtungen.

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