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Deutscher Eishockey-Star : Draisaitl und sein Wunsch nach Wertschätzung

  • -Aktualisiert am

Hat Chancen auf die Auszeichnung als bester Spieler der NHL: Leon Draisaitl Bild: AP

In der NHL hat sich Leon Draisaitl in der Elite etabliert. Das hat ihm vor dem Restart Nominierungen für die wertvollsten Spieler-Auszeichnungen eingebracht. Nur in Deutschland ist der Hype um den Nowitzki des Eishockey noch nicht angekommen.

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          Im nordamerikanischen Sport ist wieder alles beim Alten. Also nicht alles, nach der Corona-Pause geht es mit verkürzten Saisons und ohne Zuschauer weiter, manche Ligen stecken ihre Teams auch in „Bubbles“ (Blasen), in umzäunte Areale, in denen trainiert und gespielt wird, geschlafen und gegessen. Aber die Hierarchie ist dieselbe wie vor der Krise: Schlagzeilen liefern NFL (Football), MLB (Baseball) und NBA (Basketball), wo sich Teams umbenennen oder wegen Corona-Infektionen aussetzen müssen. Oder wo ein Spieler die Blase offiziell wegen einer Beerdigung verlässt und dann im Stripclub landet.

          Das aufregendste Ereignis aus dem Eishockey war ein Wasserschaden in der Halle in Edmonton, aber der ist längst behoben. Auch die jüngsten Corona-Tests der rund 800 NHL-Spieler waren negativ, dem Neustart an diesem Samstag steht nichts im Weg. Gute Nachrichten, aber im Kampf um Aufmerksamkeit wirkt die NHL wieder wie der spießige Onkel, mit dem an Omas Geburtstag niemand reden will. Erst recht, nachdem Donald Trumps Sohn Eric die NHL nun dafür lobte, dass ihre Teams bei der Hymne stehen.

          Als Zeichen gegen Rassismus wird in der weißesten aller Sportligen nämlich nicht wie bei der Konkurrenz gekniet oder #BlackLivesMatter aufs Feld gepinselt, die Teams mischen lediglich durch, als „Zeichen gegen Hass“. Das ist natürlich wohlfeil. Hass und Gewalt sind seit jeher Verkaufsargumente der NHL. Schlägereien sind zwar so selten geworden wie blutüberströmte Trikots und Zahnlücken, intensiv ist es aber immer noch, gerade in den Play-offs. Doch nun befürchten Traditionalisten, die anstehenden könnten etwas zu nett werden. Es fehlen nicht nur die Fans, durch das Zusammenleben in der Bubble dürfte auch die Aggressivität zwischen den Teams zurückgehen.

          Dem 24 Jahre alten Leon Draisaitl würde das entgegenkommen. Seine Hände setzt der Kölner so gut wie nie zum Prügeln ein, er bereitet Tore vor oder schießt sie selbst. Mit 110 Punkten (43 Tore, 67 Vorlagen) wurde er als erster Deutscher Topscorer in der stärksten Eishockeyliga der Welt. Davon habe er „als Kind immer geträumt“, sagte er jüngst. Defensiv ist noch Luft nach oben, aber der Mittelstürmer der Edmonton Oilers hat sich in der Elite etabliert. Auch weil er sich vom genialen Mitspieler Connor McDavid emanzipierte. Das hat ihm Nominierungen eingebracht, für den wertvollsten (von den Journalisten gewählt) und den herausragenden Spieler (den wählen die Eishockeykollegen) der Saison.

          Nationalspieler Leon Draisaitl möchte mehr Wertschätzung aus Deutschland.
          Nationalspieler Leon Draisaitl möchte mehr Wertschätzung aus Deutschland. : Bild: dpa

          Individuelle Preise seien schön, ihm gehe es aber um die Meisterschaft, sagt Draisaitl derzeit stets. Auf die warten die Oilers seit 30 Jahren. Und auch jetzt müsste viel passen, damit es für ein Team ohne große Stars in der Abwehr reicht. Zudem gibt es tiefer besetzte Konkurrenten, Tampa, Boston, St. Louis, Vegas. Vorherzusagen ist ohnehin nichts, die NHL ist durch Maßnahmen wie die strikte Gehaltsobergrenze ausgeglichen wie kaum eine andere Liga – fünf verschiedene Meister in sechs Jahren. Und durch die lange Pause sind die Spieler zwar fit, die Verletzten zurück, aber längst nicht jeder sah zuletzt regelmäßig Eis und konnte fachgerecht trainieren, erst recht nicht die Dutzenden Spieler, die sich mit dem Virus infizierten. Selbst Draisaitl, der gesund und in Kanada blieb, spielte lediglich „mit meinem Hund“, wie er erzählte. Wer also wie in Form ist und die nötige Wettkampfhärte hat? Unklar.

          Zumindest die Play-offs sollten die Oilers aber erreichen, dafür braucht es einen Sieg in der extra eingeführten Qualifikationsrunde. Die wurde nötig, weil wegen des vorzeitigen Abbruchs der Hauptrunde 24 statt 16 Teams in die K.-o.-Phase starten dürfen. Man müsse ja jeden, der noch theoretische Chancen auf einen Play-off-Platz hatte, mitspielen lassen, ließ die NHL verlauten. Dass dadurch die Traditionsteams aus Montreal, Chicago und New York und mit ihnen Millionen Fans und aufgeregte Medien dabei sind, war sicher nur ein glücklicher Zufall in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

          Gespielt wird in Kanada, die Ost-Gruppe in Toronto, die West-Gruppe in Edmonton. Die Infektionszahlen sind deutlich niedriger als in den Vereinigten Staaten. Trotzdem gibt es tägliche Tests und strenge Hygieneregeln. Die Teams wohnen gemeinsam, von Hunderten Sicherheitsleuten abgeschottet, in einem Areal mit Hotels, Eishallen und Fitnessstudios. Und weil das über Monate dauert, gibt es dort auch Bars, Restaurants, Kinos und Sportplätze, in den Hotels Lounge-Bereiche mit Spielkonsolen. Rod Brind’Amour, Trainer der Carolina Hurricanes, freut sich trotzdem vor allem auf die Eishalle, „den einzigen Ort, an dem es sich normal anfühlt“.

          Normal ist auch dort wenig. Zwar versicherte der Washingtoner Stürmer T. J. Oshie, dass „Eishockeyspieler sehr ehrgeizig sind und wir Spaß haben werden“, aber ohne Zuschauer fehlt halt etwas. Die NHL spielt deswegen Musik und zum Spielgeschehen passende Fangeräusche vom Band ein. Und damit keine der 32 Kameras die leeren Sitze einfängt, wurden die unteren Reihen abgedeckt. Alles neutral gestaltet, einen Heimvorteil soll niemand haben, Draisaitls Oilers dürfen nicht mal in ihre angestammte Kabine.

          Der sagt von sich selbst, immer einige Spiele zu brauchen, um in Fahrt zu kommen. Im einzigen Testspiel am Dienstag war davon nichts zu sehen. Draisaitl bereitete ein Tor vor. Richtig spannend wird es aber erst von diesem Samstag an. Dann geht es los mit bis zu zehn Stunden Eishockey pro Tag. Draisaitl und die Oilers spielen um 13 Uhr Ortszeit, also um 21 Uhr in Mitteleuropa (live bei DAZN). Perfekt fürs deutsche Publikum. Also hofft er, dass jemand zusieht. Von der Heimat fühlt sich Draisaitl etwas vernachlässigt. Nicht, dass er häufiger Interviews geben will, aber etwas Wertschätzung für seine Leistung wäre schon nett. Er will nicht nur sich, sondern auch seinen Sport in Deutschland populärer machen. Den Vergleich mit dem Basketballer Dirk Nowitzki scheut er nicht. Damit das deutsche Sportpublikum aber genauer ins ferne Kanada schaut, braucht es ähnliche Erfolge. Am besten die Meisterschaft.

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