https://www.faz.net/-gtl-82aor

Deutscher Eishockey-Bund : Neubeginn oder Insolvenz

Seltenes Bild: Ein deutscher Nationalspieler, in diesem Fall Yasin Ehliz gegen Frankreich, hängt den Gegner ab Bild: dpa

Präsident Reindl versucht, den wirtschaftlich angeschlagenen Deutschen Eishockey-Bund zu sanieren. 2026 sollen Nationalteams wieder um Medaillen spielen. In den Landesverbänden stößt sein Reformkurs aus Skepsis.

          3 Min.

          Das deutsche Eishockey steht vor einem Wochenende, das an vielen Orten Brisanz verspricht: In der Liga tritt das Rennen um den Titel zwischen Mannheim und Ingolstadt in seine entscheidende Phase (viertes Spiel an diesem Freitag um 19.30 Uhr/Liveticker bei FAZ.NET). Parallel absolviert die Nationalmannschaft, die sich wie immer zeitgleich zu den Play-offs und deswegen ohne eine Vielzahl potentieller Auswahlspieler auf ihren Saisonhöhepunkt vorbereiten muss, in Ravensburg einen WM-Test gegen Frankreich. Und auch für die Spitzenfunktionäre dieser sich hierzulande oft so wechselhaft präsentierenden Sportart steht in Frankfurt viel auf dem Spiel.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Franz Reindl, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), will sich dort in einem Hotel unweit des Flughafens auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung Rückendeckung für seine vor zwölf Monaten begonnene Umstrukturierung des Verbands holen. Ob er die Mehrheit der Delegiertenstimmen für seinen Reformkurs erhält, ist nur schwer prognostizierbar. Besonders Kritiker aus den in der Vergangenheit unter Reindls Vorgänger Uwe Harnos machtvollen Landesverbänden in Nordrhein-Westfalen und Bayern, die fortan um Einfluss fürchten, drohen offen damit, ihm die Gefolgschaft zu verweigern.

          Es fehlt an Geld

          Reindl muss vor allem die finanziellen Schwierigkeiten schleunigst in den Griff bekommen. Der DEB ist ein Sanierungsfall. Aktuell fehlen nach Informationen von FAZ.NET in den Budgetplanungen für dieses Jahr 657.000 Euro; Einnahmen von 3,5 Millionen stehen Ausgaben von 4,2 Millionen Euro gegenüber. Der Gewinn der Heim-WM 2010 in Höhe von 1,5 Millionen Euro ist längst ausgegeben, sämtliche Rücklagen sind aufgebraucht, die Verbandszentrale in München könnte beliehen werden, wie aus dem elften und letzten Punkt der Tagesordnung für diesen Samstag hervorgeht. Reindls Stellvertreter, der für die Finanzen zuständige Steuerberater Berthold Wipfler, sprach offen von einer absehbaren Insolvenz: „Spätestens 2017 oder 2018 wäre dann Schluss.“

          „Wir müssen besser werden“: Franz Reindl lässt es an deutlichen Worten nicht mangeln
          „Wir müssen besser werden“: Franz Reindl lässt es an deutlichen Worten nicht mangeln : Bild: dpa

          Auch sportlich sieht der Trend nicht gut aus: Das Männer-Team ist nur noch Dreizehnter der Weltrangliste, verpasste die Qualifikation für Olympia in Sotschi und hat bei der Weltmeisterschaft im kommenden Mai in Prag vor allem einen Auftrag: den Klassenverbleib realisieren. Frauen-Auswahl und U20-Junioren stiegen unlängst jeweils aus A-Gruppe ab.

          „Es geht um die Frage, ob und wie sich Eishockey im Kampf mit anderen Sportarten langfristig behaupten kann. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird uns das nicht gelingen“, sagte Reindl. Er fügte an: „Wir müssen einfach besser werden.“ In etwas mehr als zehn Jahren, so steht in seinem Positionspapier „Powerplay 2026“, sollen alle Nationalteams um Medaillen mitspielen können. Dafür ist Geld notwendig.

          Streichung von Fördergeldern?

          Neben dem schleichenden Imageverlust beunruhigen Reindl auch weitere mögliche Konsequenzen. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, hatte als Gast der vergangenen DEB-Mitgliederversammlung im November festgestellt: „Sportförderung aus staatlichen Geldern ist ein Privileg und keine Selbstverständlichkeit.“ Es klang wie eine unverhohlene Warnung.

          Ohne grundlegende Korrekturen befürchtet Reindl Probleme für den DEB. „Die Drohung schwingt in den Botschaften schon mit“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur und deutete entsprechende Hinweise des DOSB und des Bundesinnenministeriums an.

          Profis wollen zurück – und mehr Mitspracherecht

          Sein Satzungsvorschlag sieht nach mehr als zwei Jahrzehnten der Abstinenz die Wiederaufnahme der Profis in den DEB vor, die Erhebung von Sondergebühren und geringere Zahlungen an die Landesverbände. Die 28 Vereine der erstklassigen DEL und der zweitklassigen DEL 2 erklärten sich schon bereit, fortan rund 200.000 Euro zusätzlich zu ihren Beiträgen aus dem Kooperationsvertrag, der dem DEB derzeit etwas mehr als eine Million Euro einbringt, beizusteuern. Im Gegenzug erwarten sie entsprechende Mitspracherechte.

          René Rudorisch, Geschäftsführer der DEL 2, sagte gegenüber FAZ.NET, dass er Reindls Plan für schlüssig halte und der Präsident deswegen mit der Unterstützung aus seinem Kreis rechnen könne: „Die Profiligen demonstrieren gerade, was man in relativ kurzer Zeit erreichen kann. Gemeinsam haben wir die DEL 2 neu ausgerichtet und erstmals überhaupt die Millionen-Marke im Zuschauer-Bereich geknackt – und zwar deutlich. Eine solche Entwicklung wünschen wir uns auch für die Nationalmannschaft. Denn die ist das Zugpferd unseres Sports. Eine Entscheidung gegen das Konzept von Franz Reindl wäre eine Entscheidung gegen den Sport!“

          Düstere Szenarien

          Insgesamt, so kalkulieren Reindl und seine drei Präsidiumskollegen - Daniel Hopp (Geschäftsführer bei den Adler Mannheim), Marc Hindelang (Fernseh-Journalist bei Sky) sowie Wipfler – sollen künftig jährlich rund 500.000 Euro zusätzlich eingenommen werden, die sie vollständig der Leistungssportförderung zugute kommen lassen wollen. Unter anderem soll die Nachwuchsausbildung aus dem Verantwortungsbereich der Landesverbände herausgelöst und unter dem Dach des DEB mit mehr hauptamtlichen Trainern zentral organisiert werden.

          Die Landesverbände, die auch die Interessen der Eiskunstläufer, Eisschnellläufer, Eisstockschützen oder Curler vertreten, müssten sich vornehmlich nur noch um die Vereine kümmern, in denen die Puck-Jagd auf Amateur- oder Breitensport-Niveau stattfindet; das sind rund 160. Von diesem Schritt verspricht sich Reindl „effizientere Strukturen“ und „mehr internationale Konkurrenzfähigkeit“. Sollten seine Ideen keine Zustimmung finden, malte der 60-Jährige ein düsteres Bild: „Die Bedeutung des deutschen Eishockeys würde weiter rapide sinken und irgendwann würde es in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In einem mobilen Impfzentrum im sächsischen Markkleeberg lässt sich eine Bürgerin am 10. Mai 2021 gegen Covid-19 impfen.

          Repräsentative Studie : Was die Sachsen über Corona denken

          Ist Sachsen ein Land der „Querdenker“? Ja und nein, ergab eine repräsentative Studie. Besonders weit gehen die Meinungen bei Leuten auseinander, die selbst eine Corona-Erkrankung durchgemacht haben.
          Ein Containerschiff läuft aus dem Hafen von Yantian aus

          Hafen von Yantian : Mega-Stau lähmt den Welthandel

          Unternehmen warten jetzt schon wochenlang auf Waren. Nun droht ein noch größerer Engpass als nach dem Stillstand im Suezkanal: Der Verkehr im Containerhafen Yantian in Shenzhen ist zur Hälfte lahmgelegt.
          Der Kiessee: Göttingen ist laut der EU-Umweltagentur EEA die deutsche Stadt mit der besten Luftqualität.

          Rangliste : Wo die Luft am besten ist

          Wie steht es um die Luftqualität in Städten Europas? Diese Frage beantwortet die EU-Umweltagentur mit einer Liste von mehr als 320 Städten. Wo landen die deutschen Vertreter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.