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Eishockey-Präsident Harnos im Gespräch : „Superprodukt wird nicht wahrgenommen“

  • Aktualisiert am

Superprodukt, aber keine Aufmerksamkeit Bild: dpa

Uwe Harnos, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes sieht die Nationalmannschaft auf einem guten Weg. Vor dem Auftakt zur Zwischenrunde gegen Finnland (16.15 Uhr) verlangt er im F.A.Z.-Interview aber Reformbereitschaft von der Liga.

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          Der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, Uwe Harnos, sieht die Nationalmannschaft, die an diesem Freitag (16.15 Uhr / FAZ.NET-Liveticker Eishockey-WM) in der Zwischenrunde auf Finnland trifft, bei der WM auf einem guten Weg. Er verlangt Reformbereitschaft von der Liga, um die Chancen eines langfristigen Erfolgs zu erhöhen, und lässt sich bei der Neubesetzung der Bundestrainerstelle nicht unter Druck setzen.

          Die WM geht mit der Zwischenrunde in ihre Hochphase. Bleibt Ihnen angesichts vieler offener Personalfragen beim Deutschen Eishockey-Bund überhaupt Zeit zum Genießen?

          Die Fragestellung ist falsch. Es ist genau umgekehrt: Ich erlebe hier, insbesondere wenn ich die deutsche Mannschaft sehe, Genuss pur. Sie spielt bislang ein überwältigendes Turnier. Sie ist bei den Siegen in den ersten drei Spielen nicht die glücklichere Mannschaft gewesen, sondern die bessere. Sie haben sich gegen Superstars durchgesetzt und vor allem Tore erzielt, die uns in der Vergangenheit, als wir auch manches Mal durchaus beachtlich mitgemischt haben, in der Endabrechnung gefehlt haben. Es macht einfach nur Spaß unseren Jungs zuzuschauen.

          Kampfeslustig: DEB-Präsident Uwe Harnos
          Kampfeslustig: DEB-Präsident Uwe Harnos : Bild: picture alliance / dpa

          Der Alltag wird aber spätestens, wenn Sie nach der WM heimkehren, anstrengend. Sie suchen einen neuen Bundestrainer als Nachfolger für Uwe Krupp, der zu den Kölner Haien wechselt. Und einen neuen Sportdirektor, weil Franz Reindl nach einem Jahrzehnt dieses Amt abgibt. Klingt nach stressigen Zeiten, oder?

          Warum? Wir werden das alles vernünftig und zu seiner Zeit klären. Unmittelbar nach der Weltmeisterschaft werden wir Entscheidungen bekannt geben. Alles läuft nach Plan.

          Warum nicht jetzt schon, wenn Sie vom Ergebnis, das Sie präsentieren werden, überzeugt sind und Spekulationen, die zwangsläufig aufgekommen sind, ein für allemal verhindern könnten?

          Unser Weg ist der richtige. Das sagt übrigens auch Uwe Krupp. Er kann sich mit seinem Team in Ruhe vorbereiten, nur das zählt für uns im Augenblick.

          Warum soll Krupp seine erfolgreiche Arbeit nicht über den Sommer hinaus fortsetzen? Warum lehnen Sie die Idee eines Doppeljobs, selbst für eine Übergangszeit bis 2012, wenn Ihr Wunschkandidat Ralph Krueger zur Verfügung steht, ab?

          Ich verstehe die Diskussion, aber nicht die Schlussfolgerung. Wir brauchen einen Bundestrainer, der sich 120prozentig in seinen Aufgabe für den Verband engagieren kann. Also bis runter den Jugend- und Juniorenbereich. So hat es Krupp vorgemacht - und auch deswegen stehen wir derzeit so gut da. Wir haben einen Plan fertig. Er sieht vor, dass wir von Krupp eingeschlagenen Weg weitergehen, aber eben nicht um jeden Preis mit Krupp. Das gleiche gilt im Übrigen für den Nachfolger auf dem Sportdirektorposten. Franz Reindl hat zuletzt eine Doppelbelastung zu stemmen gehabt und musste sich auch noch als Generalsekretär um die Abstimmung mit dem Weltverband kümmern. Wir sind 2010 auf den Geschmack gekommen und wollen nicht wieder eine halbe Ewigkeit waren, bis wir wieder eine WM veranstalten dürfen. Am liebsten würden wir schon den Zuschlag für 2017 bekommen. Das ist eine Aufgabe, in die wir viel Energie stecken müssen, deswegen werden wir die Posten des Sportdirektors künftig vom Amt des Generalsekretärs trennen. Das ist eine ganz sachliche und fachliche Herangehensweise. Meinungsverschiedenheiten, die zwischen mir und Reindl kolportiert wurden, gaben nicht den Ausschlag.

          Am 30. April ist der Kooperationsvertrag zischen DEB und Deutscher Eishockey Liga (DEL) nach fünf Jahren ausgelaufen. Warum braucht es ihn überhaupt und warum wurde er trotz monatelangen Verhandlungen noch immer nicht verlängert?

          Durch den Vertrag ist geregelt, dass die DEL, die ja als GmbH ein Zusammenschluss von Gesellschaftern ist, keine wilde Liga ist und international anerkannt wird. Wir sind der Verband mit der Hoheit in Transfer-, Spielregel- und Schiedsrichterfragen, wir sind Mitglied beim Deutschen Olympischen Sportbund und beim Internationalen Eishockey-Verband. Die Nationalmannschaft ist die Spitze des Eisbergs. Wenn wir wollen, dass es mit dem deutschen Eishockey weiter aufwärts geht, sollten wir schleunigst alle Kräfte bündeln und uns wechselseitig richtig verzahnen.

          So neu ist diese Forderung ja nicht. Absichtserklärungen werden regelmäßig verkündet, und im Tagesgeschäft arbeiten DEL und DEB aneinander vorbei: Termine werden nicht abgesprochen, bei Freiräumen für Nationalmannschaftslehrgänge gibt es Schwierigkeiten, über das Ausländerkontingent wird gestritten. Woher rührt Ihr Optimismus, dass es nun zu einer Einigung kommt, hinter der beide Seiten stehen?

          Weil ich mir sicher bin, dass die Partner in der DEL das gleiche Ziel haben wie wir: Wir wollen eine andere Wahrnehmung des Eishockeys ins Deutschland. Und das geht nur zusammen. Zuletzt gab es einen falschen Denksatz: Wer ist länger überlebensfähig ohne den anderen: Wir oder die? Damit kommen wir nicht mehr weiter. Außerdem bin ich nach der Heim-WM 2010 und den bisherigen Ergebnissen in Bratislava der festen Überzeugung, dass auch die DEL-Vertreter verstanden haben, dass der Wert unserer Sportart ganz entscheidend von der Anteilnahme am Werdegang der Nationalmannschaft abhängt.

          Und wenn es nicht zu einer Einigung kommt?

          Dann wäre die DEL vom Internationalen Eishockey-Verband nicht gebilligt und würde tatsächlich als wilde Liga fungieren. Es würde weder Transferkarten noch Schiedsrichter geben. Allen Spielern würde drohen, dass sie bei internationalen Turnieren nicht mehr spielberechtigt sind. Das kann niemand ernsthaft wollen.

          Was sind die Knackpunkte?

          Ganz klar die ungeklärte die Verzahnung - sprich die Durchgängigkeit der Ligen. Oder ganz simpel ausgedrückt: die Auf- und Abstiegsfrage zwischen DEL und Zweiter Bundesliga. Wir brauchen im deutschen Eishockey ein durchgängiges Ligensystem und keine geschlossene Gesellschaft wie sie DEL darstellt. Damit nehmen wir den sportlichen Anreiz. Zur deutschen Sportkultur gehört Auf- und Abstieg. Und die Fans befürworten dies - das ist faktisch belegbar. Außerdem müssen auch die Klubs eine Perspektive haben. Man kann dies zum Beispiel über eine Aufstiegsrunde lösen. Der Sport muss stimmen, dann kann ein Event daraus werden. Wenn ich meine, es geht in einem „Closed Shop“, wie ihn die DEL darstellt, dann geht das perspektivisch kräftig in die Hose.

          Was können Sie der DEL in den Verhandlungen bieten? Aus den Klubs, die den DEB finanziell unterstützen, kommt die Forderung, bei der Nationalmannschaft künftig ein stärkeres Mitspracherecht zu erhalten?

          Es ist richtig, wir bekommen, durch das Abkommen einen sechsstelligen Betrag pro Jahr. Wir sind es aber, die in den Nachwuchsligen, der zweiten Liga und dem Amateurbereich für den Unterbau sorgen, von dem die DEL entscheidend profitiert. In Sachen Nationalmannschaft stehen wir in regem Austausch. Wir glauben aber, dass unser Weg der richtige ist. Das zeigt nicht zuletzt die sportliche Entwicklung der letzten Jahre. Einen Dialog zu suchen, um sich zu verbessern, wird auch von uns befürwortet. Nur das Rad braucht nicht neu erfunden werden. Der DEB trägt die Verantwortung für die Nationalmannschaft - und das muss auch so bleiben.

          Die DEL ist in vielerlei Hinsicht auf ein lokales Ereignis reduziert. Die Live-Spiele der Nationalmannschaft bei der WM haben 1,8 Millionen Zuschauer auf Sport1 gesehen. Potential für eine Renaissance Ihrer Sportart scheint also vorhanden. Wer ruft es ab?

          Fakt ist: Wir haben ein Superprodukt, haben das Eishockey aber zu sehr zerklüftet, dass es nicht mehr richtig wahrgenommen wird und außerdem blockieren wir uns leider zu oft gegenseitig. Wir sollten daraus lernen, wie der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball Liga die Interessenskonflikte, die zwischen Amateuren und Profis zwangsläufig auftreten, gelöst haben. Der Erfolg unserer Nationalmannschaft ist natürlich nicht der alleine Erfolg des DEB. Sondern die DEL-Klubs haben daran ihren gebührenden Anteil, es sind ja ihre Spieler. Nur, wenn wir es gemeinsam angehen und uns zusammen vermarkten, können wir unsere Position hinter König Fußball behaupten. Bei den Zuschauerzahlen sind wir in Deutschland die Nummer zwei, doch das wird kaum registriert. Wir wollen und müssen wieder mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorkommen, das ist eine der Schlüsselfragen für eine gute Zukunft, Eishockey darf in der Saison nicht hinter einer Decoderbox im Pay-TV verschwinden.

          Die Fragen stellte Marc Heinrich.

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