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Eishockey-Notsaison beendet : Nicht nur eitel Sonnenschein

  • -Aktualisiert am

So gelöst saht man ihn noch nie: Berlins Trainer Serge Aubin (l.) läuft mit ausgestreckten Armen jubelnd über das Eis. Bild: dpa

In der Eishockey-Notsaison ging es nur darum, irgendwie durchzukommen – das ist gelungen. Für die kommende Spielzeit werden schon wieder Investitionen geplant, trotz aller Unsicherheit.

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          Am Freitagabend war in Berlin ein seltenes Ereignis zu bestaunen: Serge Aubin lachte. Nun war das auch ein besonderer Abend für den 46 Jahre alten Trainer der Eisbären Berlin. Die hatten gerade das dritte Finalspiel um die deutsche Eishockey-Meisterschaft 2:1 gegen die Grizzlys Wolfsburg gewonnen. Und als Aubin danach den Meisterpokal über das mit Konfetti übersäte Eis trug, da sah der sonst stets ernste Kanadier so glücklich aus wie nie in seinen drei Jahren in Berlin.

          Dass die Eisbären ein würdiger Meister sind, daran besteht kein Zweifel. Schon in der Hauptrunde dominierten sie die Nordgruppe der Deutschen Eishockey Liga (DEL), in den Play-offs lagen sie zwar in jeder Runde 0:1 zurück, gewannen aber sämtliche Spiele, wenn ihnen das Aus drohte. Hinterher erzählte man sich dann die Geschichten des Abends. Die von Eisbären-Kapitän Frank Hördler, der mit acht Titeln nun alleiniger Rekordhalter der DEL ist. Die von Leo Pföderl, dessen Saison-Aus nach einer Knieverletzung bereits verkündet wurde, ehe er zurückkam und am Freitag das Siegtor schoss. Oder die des Wolfsburger Kapitäns Sebastian Furchner, der auch sein sechstes Finale verlor.

          Und dennoch: Für Menschen außerhalb von Berlin und Wolfsburg war das selten aufregend. In den verkürzten Play-offs mit maximal drei Spielen pro Runde konnte sich zwischen den Teams nichts aufbauen. Die Spiele kannten keine dramatischen Wendungen, und natürlich fanden sie ohne Fans statt.

          Hygienekonzept  funktionierte

          Bei der DEL sind sie dennoch glücklich. In der Notsaison ging es nur darum, irgendwie durchzukommen. Von den üblichen knapp 130 Millionen Euro Gesamteinnahmen blieb nur die Hälfte. Und über allem stand die ständige Gefahr von Corona-Ausbrüchen. DEL-Chef Gernot Tripcke sagte schon vor den Play-offs: „Hoffentlich kriegen wir auch die letzten vier Wochen über die Bühne. Danach sind wir auch froh, wenn die Saison vorbei ist.“ Denn wegen der enormen Abhängigkeit von Zuschauereinnahmen gab es im Sommer düstere Untergangsszenarien für die ganze Sportart, der Ligastart wurde zweimal verschoben. Erst als die Spieler nach wochenlangem Streit dem Gehaltsverzicht zustimmten und Staatshilfen flossen, konnte es in leeren Hallen losgehen.

          Die Berliner Eisbären sind verdient Meister geworden
          Die Berliner Eisbären sind verdient Meister geworden : Bild: dpa

          Aber auch nur, weil die Mäzene aushalfen. Und weil sich die Liga ein strenges Hygienekonzept gab. Das funktionierte: Nur eins der 286 Spiele fiel aus, weil ein Team in Quarantäne musste. Das sah in den unteren Ligen anders aus, aber auch bei denen wird es bald Meister geben. DEL und Frauen haben ihre schon gefunden, da könne man „glücklich und stolz sein, dass wir im Eishockey so gut zusammengehalten haben“, sagte Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes.

          Eitel Sonnenschein herrscht dennoch nicht. Der Mannheimer Trainer Pavel Gross wetterte nach seinem Halbfinalaus über die „Unfähigkeit der DEL“, als „einzige Liga auf der ganzen Welt über alle Sportarten“ sei die nicht pünktlich gestartet. Sein Team habe schon Monate vorher mit dem Training begonnen. Die mentale Belastung sei durch das Warten und die Isolation enorm gewesen. Das mag stimmen, aber die Aussagen verwunderten, auch andere Ligen hatten Probleme, und mit einer normalen Saison konnte im Sommer ja niemand rechnen. Zudem sitzt Gross’ Chef in Mannheim, Daniel Hopp, im DEL-Aufsichtsrat, dürfte stets über den Stand der Dinge informiert gewesen sein. Prompt distanzierten sich die Adler von Gross’ Aussagen. Liga-Chef Tripcke ließ über die Eishockey NEWS gar wissen, dass man im Ligabüro Besseres zu tun habe, „als unsere Zeit mit der Kommentierung von Aussagen aus Paralleluniversen zu verschwenden“.

          Ein Kritikpunkt wird aber in Tripckes Sinn gewesen sein: Man dürfte „nicht so naiv sein zu denken“, dass die nächste Saison pünktlich und in vollen Hallen gespielt werde. „Ich hoffe, dass die Liga dann einfach vorbereitet ist“, sagte Gross. Konkret geplant wird allerdings bei den Klubs, die Liga legt nur den Rahmen fest. Das tut sie laut Tripcke: „Wir haben für die Lizenzprüfung Ende Mai auch Vorgaben gemacht, um die Klubs vor sich selber zu schützen.“ Das scheint nötig zu sein. Nach monatelanger Zurückhaltung auf dem Transfermarkt gab es zuletzt diverse Meldungen über neue Verträge. Denn neben dem Titelrennen gibt es nächste Saison noch eine Besonderheit: Der Abstieg wird wieder eingeführt.

          Selbst kleinere Klubs wie Iserlohn holen Nationalspieler. Aus Straubing heißt es, man habe den gleichen Spieleretat wie vor Corona. In Krefeld spricht man gar von der Meisterschaft. Also bei dem Klub, bei dem es in der Vorbereitung einen Spielerstreik wegen Gehaltsstreitigkeiten gab und der abgeschlagen Letzter im Norden wurde. Und beim Süd-Schlusslicht Nürnberg sagt Geschäftsführer Wolfgang Gastner gegenüber der Eishockey NEWS: „Stand heute müssen wir eigentlich ohne Zuschauer planen, ich sage aber, dass wir mit 25 Prozent kalkulieren, weil ich davon ausgehe, dass Zuschauer kommen werden.“ Das mag stimmen, sinkende Fallzahlen und der Fortschritt bei den Impfungen machen Hoffnung. Aber sicher ist in diesen Zeiten nichts. Und selbst wenn: Die Gehälter werden auch vor der nächsten Saison ein Thema sein. Nur ist die Bereitschaft zu einem abermaligen Verzicht bei den Spielern geringer. Dem Eishockey steht wieder ein langer Sommer bevor.

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