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Eishockey : Köln hat eine neue Hai-Society

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Parallel zum wirtschaftlichen Niedergang setzte die sportliche Talfahrt der Haie ein Bild: dpa

Ein florierendes Unternehmen waren die Kölner Haie noch nie. Politik, Prominenz und Publikum versuchen nun, den Eishockeyklub vor der Insolvenz zu bewahren und die Marke am Leben zu erhalten. Die Retter-T-Shirts sind der Renner.

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          Der Komiker Oliver Pocher trägt es, der Fußballstürmer Milivoje Novakovic trägt es, der Kabarettist Dieter Nuhr, der Theaterbesitzer Peter Millowitsch und die Schauspielerin Janine Kunze tragen es auch: das T-Shirt, das dazu beitragen soll, einen der berühmtesten deutschen Eishockeyklubs vor der Insolvenz zu bewahren. „Wir sind Haie“ lautet die Solidaritätsadresse auf der Brust vieler Kölner, ob sie prominent sind oder einfache Fans.

          Das Hemdchen soll nicht nur zum roten Band der Sympathie, sondern auch zu einem Umsatzträger werden. Zehntausend Stück wollen die Kölner Haie absetzen, um mit dem Erlös einen Teil der 500.000 Euro zu erwirtschaften, den der achtmalige deutsche Meister benötigt, um die Liquidität bis zum Saisonende zu sichern. Beim Verkaufsstart bildeten sich vor dem Fanshop lange Schlangen. Um den Verkauf zu fördern, stellt der 1. FC Köln beim Bundesliga-Heimspiel an diesem Samstag gegen Bayern München auf dem Stadiongelände Verkaufsflächen zur Verfügung.

          Auch die Einnahmen einer „Rettet-den-KEC-Party“ im Szenelokal „Wiener Steffie“ fließen den Haien zu. Bei der Suche nach neuen solventen Partnern will die Stadt Köln helfen, auf dass nach dem Stadtarchiv nicht eine weitere vielbeachtete Kölner Institution einstürze. Eine Finanzspritze aus Steuergeldern werde es nicht geben, sagt Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD). „Aber wir werden alles daran setzen, die Palette der Geldgeber zu erweitern.“ Der Klub müsse „erhalten bleiben und weiter das sportliche Bild prägen“. Die Marke dürfe nicht sterben. Rund eine Woche nach dem ersten lauten Hilferuf zeichnet sich eine leichte Linderung der akuten Not ab. Der Patient ist aber noch nicht über den Berg. „Von Entwarnung kann keine Rede sein“, sagt KEC-Geschäftsführer Thomas Eichin. Dank einer „niedrigen sechsstelligen Summe“, die offenbar bereit steht, sieht er aber „Licht am Ende des Tunnels“.

          Hallenmiete und prominentes Personal

          Sportlich befinden die Haie sich im Halbdunkel. Trotz des 1:4 bei Spitzenreiter Eisbären Berlin bleiben die Kölner in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) vorerst Zehnter der Tabelle. Dieser Platz würde gerade noch ausreichen, um die Zwischenrunde zur Qualifikation für das Play-off-Viertelfinale zu erreichen. Nach den Statuten ist die Teilnahme an den Play-offs jedoch nur zulässig, wenn zwei Wochen vor dem Endrundenstart kein Insolvenzverfahren in Gang gesetzt ist. Die Haie schieben ihr Defizit vor allem auf die allgemeine Wirtschaftskrise. Gernot Tripcke, Geschäftsführer der DEL, indes sprach gegenüber dem „Kölner Stadtanzeiger“ von „lokalen und hausgemachten Problemen“.

          Ein florierendes Unternehmen war der Klub mit dem großen Namen und den vielen Titeln schon früher nicht. Immens hohe Aufwendungen für die Hallenmiete und nicht zuletzt die Kosten für reichlich prominentes Personal haben die Einnahmen mehr als aufgefressen. Fast fünfzehn Jahre lang war das Defizit jedoch nicht weiter aufgefallen, weil der Gesellschafter Herrmann Göttsch die Löcher stets diskret stopfte. Inzwischen ist er nur noch einer von mehreren Gesellschaftern der neu gegründeten Sport Holding Cologne, der die Haie gehören.

          Volles Haus beim rheinischen Derby

          Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung soll Göttsch insgesamt etwa dreißig Millionen Euro ausgegeben haben, um den Haien zu ermöglichen, mit Spitzenklubs wie Berlin, Mannheim oder Düsseldorf mitzuhalten, die von großzügigen Geldgebern wie Anschutz, Hopp und Metro alimentiert werden. Zum Ende der Saison 2007/2008 habe der damalige Meisterschaftszweite „erstmals ein Plus erwirtschaftet“, sagt ein KEC-Mitarbeiter. Im folgenden Jahr aber sei der Klub von der Wirtschaftskrise getroffen worden „wie von einem Tsunami“. Inzwischen sollen die Verbindlichkeiten bei 1,5 Millionen Euro liegen.

          Parallel zum wirtschaftlichen Niedergang setzte eine sportliche Talfahrt ein. In der vergangenen Saison verpassten die Haie zum ersten Mal seit Bestehen der DEL den Einzug in die Play-offs. Diese Gefahr besteht nun abermals. Der sportliche Abschwung dürfte die Sanierung erschweren, zumal die Zuschauerzahlen zurückgehen. Lauter Umstände, die sogar die Konkurrenz beunruhigen. „Ich befürchte, dass die Lage bei den Haien dramatisch ist. Wenn ein Standort wie Köln ernsthaft in Gefahr gerät, muss man sich Sorgen um die Liga machen“, sagt Daniel Hopp, Geschäftsführer der Adler Mannheim und Mitglied des DEL-Aufsichtsrates.

          Beim rheinischen Derby gegen die DEG MetroStars aus Düsseldorf steht an diesem Freitagabend zwar ein volles Haus zu erwarten. Aber solche elektrisierenden Begegnungen sind im Massenspielbetrieb der DEL die Ausnahme. Mancher Sympathisant der Haie wird sich die bange Frage stellen, ob sich auch ein Gerichtsvollzieher unter die Besucher mischt, um die Abendkasse zu pfänden. Wenigstens in diesem Punkt gibt Eichin Entwarnung. „So weit sind wir nicht, wir haben keine Verhältnisse wie im Wilden Westen.“

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