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Eishockey in der Wüste : Karthagos Adler laufen Schlittschuh

  • -Aktualisiert am

Im Kampf für seinen Sport: Ihab yed träumt von Olympischen Winterspielen mit Tunesiens Eishockeyteam Bild: Christoph Borgans

Kaum zu glauben: Tunesien hat eine Eishockey- Nationalmannschaft und träumt von den Winterspielen. Wie kam der Wüstenstaat dazu?

          6 Min.

          Ihab Ayed wurde in Courbevoie bei Paris geboren. In einem Krankenhaus 400 Meter Luftlinie von der nächsten Eishalle entfernt und knapp 2000 Kilometer von der Stadt Chebba in Tunesien, wo sein Vater zur Welt kam. So wurde aus Ayed mit vier Jahren ein Schlittschuhläufer, mit fünf ein Eishockeyspieler und jeden Sommer ein „Chez-Nous“.

          „Chez-Nous“ - so nennt man in Tunesien diejenigen, die in Europa leben, jeden Sommer in schicker Kleidung zurückkommen und in den Ferien nicht müde werden, ihren Verwandten vom Leben „chez nous à Paris“ zu erzählen. Sie haben seltsame Sachen im Koffer und kuriose Ideen im Kopf.

          Fürs Eishockey nach Tunesien

          Auch Ayed hat die Sommer seiner Kindheit in Tunesien verbracht, nun ist er 36 Jahre alt und war zum ersten Mal auch im Winter dort. Im Koffer eine schwarze Hartgummischeibe und im Kopf eine Idee, die ihn seit Jahren nicht mehr loslässt: Er will den Tunesiern Eishockey beibringen. Dafür hat er vor einem Jahr seinen gutbezahlten Job als SAP-Berater in Paris gekündigt und ist in das Haus der Familie nach Chebba gezogen.

          Manchmal nimmt Ayed die schwarze Hartgummischeibe und sagt zu jemandem auf der Straße: „Ich geb dir 20 Dinar, wenn du weißt, was das ist!“ Bisher musste er nicht zahlen. Aber Ayed ist überzeugt, dass er das ändern kann. „Als Kind habe ich mich immer gefragt: Wieso kann ich im Sommer nicht Eishockey spielen?“

          1994 dann kam ein Film in die Kinos, der aus dem Kindertraum einen Lebenstraum machte: „Cool Runnings“. Ayed, damals Teenager, saß im Kino und sah, wie auf der Leinwand eine Gruppe jamaikanischer Läufer beschloss, als Bob-Mannschaft bei den Olympischen Spielen anzutreten. Jamaika: Temperaturen um 33 Grad, kein Eis. Tunesien: 32 Grad, kein Eis. Die hatten wohl ein ähnliches Problem wie ich, dachte sich Ayed.

          „Wieso sollte ich es nicht auch schaffen?“ Wie bei den Jamaikanern sind Ayeds Ziel die Olympischen Spiele. Aber einen Unterschied gibt es: Während der Anschieber beim Bobfahren vor allem ein guter Läufer sein muss und es an guten Läufern auf Jamaika nicht mangelt, muss ein guter Eishockeyspieler zuallererst Schlittschuh laufen können. Es war und ist ein Dilemma: Um Kindern Eishockey beizubringen, braucht er eine Eishalle. Um Sponsoren für eine Eishalle zu finden, muss Eishockey populärer werden. Damit Eishockey populärer werden kann, braucht er eine erfolgreiche Nationalmannschaft. Dafür wiederum braucht er tunesische Spieler. Und dafür eigentlich tunesische Kinder, die sich für Eishockey interessierten.

          Kein einziger Eishockeyklub

          Bis heute gibt es in Tunesien keinen Eishockeyklub, keinen Ort, an dem man trainieren könnte. Und doch hat die Nationalmannschaft mittlerweile 45 Spieler. Vor etwa zehn Jahren erhielt Ayed eine Facebook-Nachricht von einem Algerier. Er stellte sich als Präsident der algerischen Eishockey-Nationalmannschaft vor und fragte ihn, ob er auch Algerier sei. Er hatte ihn im Internet in einer Mannschaftsaufstellung entdeckt und gehofft, ihn für das algerische Team zu gewinnen. Von dem Tag an wusste Ayed, wie er vorgehen musste. Er begann, nach Eishockeyspielern zu suchen, deren Namen andeuteten, dass mindestens ein Elternteil aus Tunesien stammt. Jahrelang sah er sich Eishockey-Übertragungen aus aller Welt an, las Spielberichte, durchforstete Spielerlisten bis in die untersten Ligen und die hintersten Winkel der Welt.

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