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Eishockey : Hastige Flucht eines Referees vor den Jägern aus Kurpfalz

Mittendrin im Getümmel, mitten im Zentrum der Kritik: Eishockey-Schiedsrichter Bild: dpa/dpaweb

Die Eishockey-Schiedsrichter stehen in der Kritik - auch weil sie merkwürdige Regeln konsequent befolgen. Vor den Play-off-Finalspielen haben sich DEL und Vereine geeinigt, öffentliche Schelte zu unterlassen.

          Daß im deutschen Eishockey auch abseits der Eisfläche rauhe Sitten herrschen, mußte Willi Schimm am vergangenen Sonntag am eigenen Leibe erfahren. Nach dem vierten Halbfinalspiel zwischen den Mannheimer Adlern und den Frankfurt Lions (1:2) wurde der Schiedsrichter im Stadion Friedrichspark zunächst, so versichern Ohrenzeugen, von Mannheimer Funktionären übel beschimpft, dann mußte er, verfolgt von aufgebrachten Adler-Anhängern, durch den Hinterausgang des Eisstadions zu seinem Auto flüchten. Schimm nahm sich nach eigenen Angaben nicht einmal mehr die Zeit, den Kofferraum zu verschließen, sondern gab Gas, um mit seinen Assistenten den Jägern aus Kurpfalz zu entkommen.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aufgebracht waren Fans und Funktionäre, weil Schimm eine auch von den deutschen Eishockey-Schiedsrichtern ungeliebte Regel umgesetzt hatte, mit deren strenger Auslegung die Zuschauer vor Verletzungen geschützt werden sollen. Weil Andy Delmore den Puck in der Verlängerung über die Plexiglasscheibe geschlenzt hatte, entschied Schimm auf Spielverzögerung und schickte den Adler-Profi für zwei Minuten auf die Strafbank - kurz danach fiel der entscheidende Treffer der Lions in Überzahl. Was folgte, war die in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) üblich gewordene öffentliche Schiedsrichterschelte. "Man sollte die Spieler die Spiele entscheiden lassen, und nicht die Schiedsrichter", beschwerte sich der Mannheimer Trainer Stephane Richer. Die Spiele änderten sich, die Kritik blieb meistens die selbe: Der einzige Unfähige soll der Unparteiische sein. Um diese Stimmungsmache bis auf weiteres zu beenden, vereinbarten Ligenleitung und Klubs am Donnerstag, "das Schiedsrichterthema ab sofort nicht mehr öffentlich zu erörtern", sagte DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke. "Die Kritik hat falsche Dimensionen angenommen." Das klingt nach Maulkorb.

          Geldstrafen gegen öffentlichen Druck

          Insofern kann Roland Aumüller relativ beruhigt in die ersten beiden Begegnungen der an diesem Freitag beginnenden Finalserie "Best of five" zwischen dem DEL-Rekordmeister aus Mannheim und den Eisbären Berlin gehen. Mit dem Berliner Klub, der seit 15 Jahren auf seinen ersten gesamtdeutschen Eishockeytitel wartet, hat es der Ottobrunner Unparteiische bereits im Halbfinale zu tun bekommen; harsche Worte ist er ebenso gewohnt wie seine Kollegen. Man müsse Wege finden, "öffentliche Kritik rigoros zu ahnden", forderte Holger Gerstberger, Schiedsrichterbeauftragter der DEL. Ein Weg: Geldstrafen für gezielte Versuche der Vereine, öffentlich Druck auszuüben.

          Die schon in der Hauptrunde anschwellende Kritik wird in den Play-offs, wenn es um alles oder nichts geht, auf die Spitze getrieben. Vor allem Spieler und Funktionäre mit NHL-Erfahrung messen gerne die deutschen Referees an ihren Kollegen aus der nordamerikanischen Profiliga. Aber Profischiedsrichter wie in Übersee sind hierzulande rar: der derzeit einzige, Petr Chvatal, erreicht in diesem Jahr die Altersgrenze von fünfzig Jahren und scheidet wie seine gleichfalls anerkannten Kollegen Gerhard Lichtnecker und Wolfgang Hellwig aus. Nun müßten die Klubs aktiv werden, um bei den Schiedsrichtern "die Spitze zu verbessern und die Basis zu verbreitern", forderte Tripcke. Noch sind die Vereine wenig geneigt, mehr Geld in die Schiedsrichterfortbildung zu investieren, um baldmöglichst über die auch vom DEL-Chef geforderten "drei bis fünf Profischiedsrichter" zu verfügen.

          Mangelndes Fingerspitzengefühl

          Auch die DEL mußte sich zuletzt mangelndes Fingerspitzengefühl vorwerfen lassen. Im fünften und entscheidenden Halbfinalspiel zwischen Lions und Adlern bot die Liga in Richard Schütz jenen Unparteiischen auf, der bereits die ersten beiden Duelle geleitet hatte. Beide Male unterlagen die Lions, die sich danach wunderten, warum nicht ein unvoreingenommener Schiedsrichter für den Showdown nominiert worden war. "Die haben nicht nachgedacht, wieviel Druck sie mit dieser Entscheidung auf dem Schiedsrichter abladen", sagte Lions-Trainer Rich Chernomaz, obwohl er wie sein scheidender Klubmanager kein Anhänger des Unparteiischen aus Moers ist. Schütz habe zwar "einen Riesenstatus bei der Internationalen Eishockey-Föderation", sagte der zu den DEG MetroStars wechselnde Lance Nethery, "aber er hat keinen guten Stand bei den Klubs." Und erst recht nicht bei den Fans. Nach einigen strittigen Enscheidungen von Schütz witterten sie am Dienstag Manipulation wie im Fußball und skandierten: "Hoyzer, nimm die Maske ab!"

          Mit solchen Verunglimpfungen ignorieren die Fans, daß die Schiedsrichter auch zu ihrer Sicherheit entscheiden. Um die Tribünengäste zu schützen, müssen sie die IIHF-Regel 554c rigide umsetzen, für Spielverzögerung eine Strafe verhängen, wenn ein Profi den Puck über das Eisoval hinausschießt. "Auf Drängen der Versicherungen" werde die Regel strenger interpretiert, erklärte Tripcke. Doch allzu oft sorgen sich die Eishockeyfans mehr um das Wohl ihrer Teams als um das eigene Wehe. Und die Schuld am Scheitern schieben sie dem Schiedsrichter zu.

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