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Eishockey : Die Lions sind dem Zauberberg ganz nah

Alle wollen Karten: Warteschlange aus Löwen-Fans Bild: dpa/dpaweb

Die Frankfurt Lions schicken sich an, die in der DEL in Mode gekommene Sitte fortzusetzen, daß Außenseiter die Meisterschaft erringen. Ihnen fehlt noch ein Sieg gegen die Eisbären Berlin.

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          Die Idee des Sponsors war eine nette, aber keine, die sich dauerhafter Beliebtheit erfreute, sondern schnell ein Fall für den Altpapiercontainer wurde. Goldene Kronen hatte ein Berliner Radiosender für die Fans der Eisbären vor dem Wellblechpalast verteilen lassen. Sie zierte die Botschaft: "Auf geht's nach Davos!" In dem Schweizer Luftkurort findet alljährlich zwischen Heiligabend und Neujahr der "Spengler Cup" statt - ein traditionsreiches Turnier für Eishockeymannschaften aus aller Welt, für das auch der deutsche Meister eine Einladung erhält.

          So, wie es nach drei Play-off-Finalspielen in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) ausschaut, sollten die Berliner Anhänger die Planung ihres kommenden Weihnachtsurlaubs noch einmal aufschieben. Ob ihr Team die Reise in die Alpen antreten wird, ist seit Montag abend durchaus fraglich - der Kopfschmuck aus Pappe fand sich jedenfalls vielfach nach einer an Spannung kaum zu überbietenden Partie achtlos weggeworfen auf den Gehsteigen vor dem Sportforum Hohenschönhausen wieder.

          „Plötzlicher Tod“ in der Nachspielzeit

          Mit 3:4 Toren (1:0, 2:2, 0:1, 0:1) hatten die Eisbären ihr zweites Heimspiel gegen die Frankfurt Lions verloren. Den Hessen, die vor einem Jahr beinahe abgestiegen wären, fehlt in der Serie "Best of five" nur noch ein Erfolg zum erstmaligen Titelgewinn. Das Team von Trainer Rich Chernomaz schickt sich an, die in der DEL in Mode gekommene Sitte fortzusetzen, daß Außenseiter die Meisterschaft erringen. In den beiden vergangenen Runden hatte mit den Krefeld Pinguinen und den Kölner Haien jeweils der Tabellensechste nach der Hauptrunde triumphiert.

          Nach 69 Minuten und 31 Sekunden hatte die Eisbären der "plötzliche Tod" in der Nachspielzeit ereilt. Selten zuvor in der jüngeren Geschichte der Liga traf der im Eishockey gebräuchliche Begriff vom "sudden death" derart treffend zu. Als Martin Reichel den entscheidenden Frankfurter Treffer erzielte, machten sich Entsetzen und Enttäuschung unter den 4500 Berliner Fans breit, Tränen flossen auf den Tribünen. Wird es wieder nichts mit der ersten Meisterschaft seit 1988, als man es in der höchsten Spielklasse der DDR lediglich mit Dynamo Weißwasser zu tun hatte?

          Es scheint tatsächlich so, als ob sich Geschichte wiederholen könnte. Auch 2003 gingen die hoch gehandelten Eisbären als Vorrundenprimus in die Endrunde, scheiterten dann jedoch gegen Krefeld an den eigenen Nerven, nachdem sie seinerzeit ebenfalls die dritte Begegnung verloren hatten, der in den Play-off-Spielen von fast allen Beteiligten eine beinahe schicksalhafte Bedeutung zugemessen wird. Auch bei Pierre Page, dem Coach, wird diese bittere Erkenntnis an seine bislang schwärzeste Stunde in Berliner Diensten am zweiten Osterfeiertag kurz hochgekommen sein. Doch er überwand seine anfängliche Sprachlosigkeit, reagierte zunächst griesgrämig, um dann in vielen Worten an das Potential seiner Mannschaft zu erinnern. "Noch immer haben wir es in der Hand, aus eigener Kraft unseren Traum zu verwirklichen", sagte er, räumte aber auch ein: "Es gibt da ein kleines Problem: Wir brauchen in Frankfurt einen Sieg, da kann ich erzählen, was ich will."

          „Wir schauen nicht zurück, nur nach vorne“

          Aber wenn er seinen Männern den Ernst der Lage vermittelt habe und sie "ihren Job so machen, wie sie es eigentlich können, dann holen wir ein fünftes Spiel heraus und den Heimvorteil zurück". Ein abermaliges psychisches Versagen fürchte er nicht: "Wir schauen nicht zurück, nur nach vorne."

          Rich Chernomaz, seit mehr als zehn Jahren ein Kumpel von Page, seit sich einst die Wege der beiden in der nordamerikanischen Profiliga bei den Calgary Flames kreuzten, fand die Ausgangslage seiner Truppe derweil "wunderbar: Sie stehen unter Druck und müssen, wir können nur gewinnen." Der Vergleich der spielerischen Klasse lasse kein anderes Urteil zu. "Berlin ist von den Namen her besser", sagte Chernomaz, der es "unglaublich" fand, "welche Moral in unserem Team steckt. Damit läßt sich vieles ausgleichen."

          Auch der 34 Jahre alte frühere Nationalspieler Michael Bresagk, der das 3:3 erzielt hatte, sagte, "daß dieser Sieg das Finale noch nicht entschieden hat". Er räumte ein, daß durchaus einiges für einen Husarenstreich des Außenseiters spreche, denn weder im Viertelfinale gegen Köln noch in der Vorschlußrunde gegen Hamburg ließen sich die Lions auf eigenem Eis bezwingen. "Das soll so bleiben", meinte Bresagk.

          Ganz geheuer ist den Lions ihre Glückssträhne jedoch (noch) nicht. Anfragen aus der Frankfurter Stadtverwaltung, wann und wie am Wochenende möglicherweise eine Meisterfeier auf dem Balkon des Rathauses am Römer vonstatten gehen könnte, schob Manager Lance Nethery vorerst auf. "Erst kommt die Arbeit." Und dann vielleicht das große Vergnügen.

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