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Verzicht erwünscht : Ein neues Gehaltssystem im deutschen Eishockey

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Die Deutsche Eishockey-Liga denkt über ihren Saisonstart nach – dann aber sehr wahrscheinlich ohne Zuschauer wie hier im März 2019 in Berlin. Bild: dpa

Die DEL will aus Amerika das sogenannte „Escrow“-System importieren, welches es möglich macht, Spielergehälter teilweise einzufrieren. Dieses Vorgehen hat einen bestimmten Grund – und gefällt längst nicht allen.

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          Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) schaut gern nach Nordamerika. Entdeckt sie dort eine Idee, die sich hierzulande umsetzen lässt, dann macht sie das. Ligastruktur, Spielregeln, Vereinsnamen, Showelemente am Spieltag – vieles kommt ursprünglich aus der NHL. Nun soll ein weiteres Konzept aus der Eliteliga kopiert werden: das „Escrow“-System. Das besagt, dass nur ein Teil der Spielergehälter garantiert ausbezahlt wird. In der NHL stehen den Aktiven 50 Prozent bestimmter Liga-Einnahmen zu. Aber weil vorher niemand weiß, wie viel die Liga exakt verdienen wird, müssen die Spieler rund 15 Prozent ihres Gehalts in einen Topf einzahlen. Erst nach dem Jahresabschluss wird entschieden, wie viel daraus an sie fließt und wie viel zurück an die Teambesitzer.

          In der DEL (Jahresumsatz etwa 130 Millionen Euro) soll es nun ähnlich laufen. Dort sollen sogar 25 Prozent der Spielergehälter eingefroren werden. Ist die Hauptrunde 2020/21 abgerechnet, wird sie mit der aus der Vorsaison verglichen. Und nur wenn die Einnahmen über 75 Prozent des Vorjahres liegen, bekommen die Spieler weiteres Geld. Das Konzept hat der Aufsichtsrat der Liga erarbeitet, um die Einnahmeausfälle im Fall eines späteren Saisonstarts abzufedern.

          „Das werden viele Klubs brauchen“

          Noch plant die DEL mit dem 18. September. Doch in Berlin sind Großveranstaltungen wegen der Corona-Pandemie bereits bis zum 24. Oktober untersagt, die Saison könnte verschoben oder gar verkürzt werden. Die 26 Heimspiele bilden aber das wirtschaftliche Fundament der Klubs, die laut DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke „60 bis 70 Prozent“ ihrer Einnahmen am Spieltag verdienen. Also soll an den Gehältern gedreht werden. Die machten rund zwei Drittel der Ausgaben aus, sagt der Ligaboss, der nicht davon ausgeht, „dass wir ungeschoren durch die Krise kommen und die Erlöse gleich bleiben“. Also sollen die Spieler vorerst verzichten. „Das werden viele Klubs brauchen, um einen geordneten Haushaltsplan aufstellen zu können“, sagt Tripcke. Und den braucht es schnell, die Lizenzunterlagen müssen bis 24. Mai eingereicht werden. Ein „fairer Schlüssel“ sei die 75/25-Regel, sagt Tripcke: „Wenn es besser wird, kriegen sie ja 100 Prozent. Kein Gesellschafter macht deswegen mehr Dividende. Was reinkommt, geht raus, das bleibt auch so.“

          Natürlich brauchen die Klubs aber die Zustimmung jedes Spielers. Und noch gibt es „großen Diskussionsbedarf“, sagt Klaus Hille, der rund 40 DEL-Spieler als Berater vertritt. Die und ihre Kollegen seien „bereit zu verzichten“, sagt Hille. „Aber die Klubs haben eine sehr unterschiedliche Einnahmestruktur, das spiegeln die 25 Prozent nicht wider.“ Nicht jeder Klub ist darauf angewiesen, die Gehälter zu reduzieren. Und dennoch verlangt es die DEL für die Lizenzierung. „Sie können es ja steuern und hinterher alles auszahlen. Aber das Signal wäre fatal, jetzt schon zu sagen, bei uns sind 100 Prozent garantiert“, sagt DEL-Chef Tripcke, „es geht um Solidarität.“

          Das gefällt nicht jedem Spieler. Ein weiterer Kritikpunkt: Zum Konzept gehört auch die Bereitschaft, so lange in Kurzarbeit zu gehen, solange die Saison nicht beginnt. Aber das kann Monate dauern. Und die Gehälter sollen angeblich auf maximal 2900 Euro netto pro Monat gedeckelt werden. Was bei manchem Topspieler Einbußen von mehr als 70 Prozent wären. Für Spieler, die im Herbst ihrer Karriere sind und für eine Zukunft ohne Eishockey investieren, ein harter Schlag. Zur konkreten Zahl gibt es von der Ligaseite keine Auskunft, „aber über das Thema Kurzarbeitergeld wurde mit den Klubs gesprochen“, heißt es von der DEL.

          Die Spieler haben nun eine Interessengemeinschaft (IG) gegründet. Eine klassische Gewerkschaft ist das nicht. Versuche, eine solche zu gründen, scheiterten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder. Die Krise hat jetzt aber dafür gesorgt, dass sich die Eishockeyprofis organisieren, 80 Spieler sind nach wenigen Wochen dabei. Eine treibende Kraft ist Moritz Müller. Der Kölner war bei der Weltmeisterschaft 2019 Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Die IG will nicht nur über Gehälter in die Krise reden, sondern grundsätzliche Veränderungen. Sie will wie Athletenvertreter in anderen Sportarten oder Verbänden künftig mit am Tisch sitzen. „Ein Sport kann doch nur davon profitieren, wenn die, die das Produkt herstellen, wissen, was los ist“, sagt Müller. Das Vorbild ist klar: die starke Spielergewerkschaft NHLPA in Nordamerika.

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