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Einbein-Sportler Tom Belz : „Alles ist gut, so wie es ist“

  • -Aktualisiert am

„Ich will nicht, dass andere Menschen entscheiden, was ich kann und was nicht“: Tom Belz erkundet das selbst. Bild: Privat

Unmöglich? Gibt es nicht für Tom Belz. Eine Prothese wollte er nicht. Dabei hat der Krebs ihm ein Bein genommen – aber nicht seinen Mut, seine Energie. Und auch nicht den Sport.

          5 Min.

          Es war der Tag, als Boris Becker die Kinderkrebsstation der Frankfurter Uniklinik besuchte. An diesem Tag, 22 Jahre ist es her, wurde Tom Belz dort stationär aufgenommen. Er war acht Jahre alt. Diagnose: Knochenkrebs. Ein halbes Jahr Chemotherapie folgte. Und dann die Nachricht: Wir müssen dein linkes Bein amputieren, wir können es nicht retten.

          Ich war ein ganz normaler Junge, lebhaft, offen, frech. Wenn man hinfällt, dann steht man gleich wieder auf, so wurde ich erzogen. Ich habe nie daran gedacht, aufzugeben. Die Nachricht der Amputation aber war ein Schlag ins Gesicht. Nicht nur, weil ich danach nur noch ein Bein haben würde, sondern weil ich schon so viel durchgemacht hatte bis dahin, so viel investiert, so viele Therapien, so viele Tränen. Als ich aufwachte nach der Amputation, war der ganze Körper ein einziger brennender Schmerz.

          Ein weiteres Jahr musste Tom Belz auf der Kinderkrebsstation bleiben. Viele, sagt er heute, beschrieben eine solche Zeit als ganz fürchterlich. Er nicht. Für ihn seien diese anderthalb Jahre eine schwere Zeit gewesen, aber auch eine Zeit, an der er gewachsen sei, wie auch seine Familie. Für die Eltern, glaubt er, sei das alles schlimmer als für das erkrankte Kind. Sie litten selbst – und sie müssten die Leiden ihres Kindes begleiten.

          Die erste Prothese bekam er mit neuneinhalb. In der Reha lernte er damit gehen. Aber er spürte, das war nichts für ihn, weil er sich in seinem Kopf nicht behindert fühlte. Er wollte keine Prothese.

          Den Menschen in die Augen zu sehen, ist wichtig für Tom Belz. Bilderstrecke

          In die Schule ging er zunächst dreimal die Woche mit Prothese und zweimal ohne, und dann hat er mit seinen Eltern so lange verhandelt, bis die Prothese nur noch in der Ecke lag. Er wollte auch nie ein Rad mit drei Rädern, er wollte ein ganz normales Fahrrad. Er wollte normal schwimmen und kein Gestell dafür haben. Er wollte keinen Lift für die Badewanne, er wollte selbst hineinklettern. Und weil es so schwierig ist, allen begreiflich zu machen, dass man so vieles hinkriegt, wenn man will, begann er mit den Jahren, ihnen zu zeigen, was er kann, was möglich ist, und eines der wichtigsten Mittel dabei war der Sport.

          Ich habe meine Behinderung nie als Behinderung gesehen. Ich habe nie akzeptiert, dass andere Menschen mir Steine in den Weg legen mit dem Argument, Tom, du bist behindert, du kannst das nicht! Ich will nicht, dass andere Menschen entscheiden, was ich kann und was nicht. Ich will das selbst entscheiden. Ich will es ausprobieren.

          Mit vierzehn spielte er Fußball im Verein. Im Mittelfeld. Auf Krücken. Er war schnell, er konnte schießen, hatte aber ein Handikap, wie er sagt, einen echten Nachteil: Nicht das fehlende Bein, sondern eine Regel, denn wenn er den Ball mit den Krücken berührte, hieß das: Handspiel. Eineinhalb Jahre kickte er, dann ging er lieber im Rollstuhl in die Halfpipe mit den Skaterjungs. Und spielte Schlagzeug in einer Garagenband. Als er wieder in die Schule ging, nahm ihn ein Freund, für den er ein ganz normaler Junge war, mit nach Hause, hatte aber vergessen, seinen Eltern zu sagen, dass der Gast nur ein Bein hat. Die Eltern sind aus allen Wolken gefallen. Alle wollten ihm Gutes tun.

          Die Mutter nahm ihm den Ranzen ab, wollte ihm den Schuh ausziehen, es gab keine Distanz mehr, alle haben ihn angefasst und wollten machen und tun und helfen und bemitleiden, der Vater wollte ihn die Treppe hochtragen ins Kinderzimmer. Für Tom Belz war es ein Schlüsselerlebnis. Er beschloss, so etwas nie wieder erleben zu wollen. Er begann, den Menschen ihre Angst zu nehmen, ihre Scheu, diese Fixierung auf die Behinderung, die er selbst nicht kannte. Er wollte, dass sie ihm wieder in die Augen sehen, und nicht in Richtung des fehlenden Beines. Er beschloss, sich nie mehr auf seine Behinderung reduzieren zu lassen. Klar, auf dem Papier stehe: 80 Prozent Behinderung, oder 100 Prozent. Aber dass ihm deshalb jemand ins Gesicht sage: „Tom, du kannst das nicht!“, das lasse er nicht mehr zu.

          Im Leben hat jeder sein Päckchen zu tragen, der eine ein größeres, der andere ein kleineres. So habe ich auch den Krebs gesehen. Ich habe kein Problem, wenn die Leute sehen, dass ich nur ein Bein habe. Ich mag es nicht verstecken, ich will keine Prothese, ich hole die Leute lieber in ihrem Erschrecken ab und zeige ihnen: Alles ist gut, so wie es ist.

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