https://www.faz.net/-gtl-8bjv4

Angst vor Kopfverletzungen : „Lasst Kinder nicht Football spielen“

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

Schon lange wird vor Langzeitschäden beim knallharten Gladiatoren-Kampf American Football gewarnt. Jetzt greift ein Film mit Will Smith das brisante Thema auf: „Concussion“. Gehirnerschütterungen.

          3 Min.

          Will Smith ist verrückt nach Football. Der amerikanische Schauspieler flog jede Woche von China nach Los Angeles, nur um seinen Sohn, einen talentierten Wide Receiver, in Spielen seiner Schulmannschaft anzufeuern. Aber für den Leinwand-Star, Film-Produzenten und Rapper war das vor ein paar Jahren eine Selbstverständlichkeit. Der Mann, der komische Rollen genauso ernst nimmt wie die schwierige Aufgabe, den Boxer Muhammad Ali glaubwürdig ins Kino zu bringen, pendelte zehn Wochen lang. Dann war der Film „Karate Kid“ abgedreht.

          Smith gibt heute zu, dass seine grenzenlose Begeisterung sehr viel mit Unwissen zu tun hatte. Doch diese Defizite konnte er nun abarbeiten bei den Dreharbeiten zu seinem jüngsten Projekt, das mit dem deutschen Filmtitel „Erschütternde Wahrheit“ bereits einiges andeutet. Und mit dem Originaltitel ganz unromantisch auf den Punkt bringt, was den Aktiven beim knallharten Gladiatoren-Getümmel auf dem Rasen droht: „Concussion“. Gehirnerschütterungen, oft nicht akut diagnostiziert, die massive Langzeitschäden heraufbeschwören.

          Auch Will Smith kennt das zentrale Dilemma, aber weigert sich, ganz Fan, klar Position zu beziehen: „Es ist absolut eine der schönsten, poetischsten und stärksten Sportarten, aber auf der anderen Seite gibt es ein Risiko. Zumindest potentiell.“

          Der Mann, den Smith im Film porträtiert, geht längst einen ganzen Schritt weiter. Dr. Bennet Omalu, ein aus Nigeria stammender Neuropathologe, der 2002 als Erster bei der Obduktion eines ehemaligen Football-Profis der Pittsburgh Steelers in dessen Gehirn die enormen Langzeitschäden entdeckte, die dessen massive Persönlichkeitsveränderungen und sein Absinken in Armut und soziales Elend erklärten, warnte neulich in einem Meinungsbeitrag in der „New York Times“ unmissverständlich: „Lasst Kinder nicht Football spielen.“ Es gebe doch schließlich auch Gesetze, die dafür sorgen, dass jungen Menschen Alkohol und Zigaretten vorenthalten werden, schrieb Omalu.

          Hauptdarsteller im Leben und im Film: Dr. Bennet Omalu (l.) und Will Smith
          Hauptdarsteller im Leben und im Film: Dr. Bennet Omalu (l.) und Will Smith : Bild: AP

          Studien an heranwachsenden Footballspielern zeigten, dass die Gehirnzellen in Mitleidenschaft gezogen werden und die Schläge nach mehreren aktiven Jahren „zu irreversiblen Schäden führen, die wir Chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) nennen, eine Krankheit, die ich zum ersten Mal 2002 diagnostiziert habe“.

          CTE war schon damals kein wirklich neuer Befund. Das wurde bereits bei Boxern festgestellt und hieß in der Medizin offiziell Dementia pugilistica. Was Omalu, der heute als Rechtsmediziner und Professor für Pathologie in Kalifornien arbeitet, entdeckte, ist, dass ähnliche Gesundheitsschäden bei der Massensportart Football an der Tagesordnung sind. Und er fand noch etwas anderes heraus: dass sich die Verantwortlichen und - überraschenderweise - auch Ärzte weigern, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Im Gegenteil. In der Realität, nun erstmals im Film nach Hollywood-Manier auf dramatische Weise dokumentiert, sind die Gegenkräfte beharrlich und beinahe unüberwindbar.

          Vorab viel Aufsehen und Gesprächsstoff

          Vor allem die National Football League (NFL), mit einem Jahresumsatz von zehn Milliarden Dollar die erfolgreichste Sportliga der Welt, bemühte sich jahrelang gezielt, den wissenschaftlichen Wert von Omalus Arbeit zu diskreditieren. Noch heute leugnen viele Mediziner, dass sich Sportler in sogenannten Kontaktsportarten wie etwa Rugby oder Eishockey Gedanken über die Langzeitrisiken machen müssen. „Gehirnerschütterungen sind behandelbar“, lautete die Aussage eines Treffens von Fachleuten im Oktober in Pittsburgh, das komplett von der NFL finanziert wurde. Gleichzeitig erklärte sich die Liga allerdings vor kurzem notgedrungen bereit, bis zu 700 Millionen Dollar zu bezahlen, um eine außergerichtliche Einigung mit mehreren tausend ehemaligen Profis zu erzielen, die einen Prozess angestrengt hatten. Ihr Argument: Die NFL wusste mehr über die Risiken, aber bemühte sich aktiv darum, sie zu verschleiern.

          Und genau darum geht auch in dem Film, der am 25. Dezember in die amerikanischen Kinos kam und am 7. Januar Premiere in Deutschland haben wird, und der schon vorab für viel Aufsehen und Gesprächsstoff sorgte. Peter Landesman, der das Drehbuch schrieb und Regie führte, bekam dabei Schützenhilfe von einem erfahrenen Hollywood-Regisseur: Ridley Scott. Der suchte nach einem Leinwand-Stoff, nachdem er sich mit dem Schicksal der beiden ehemaligen NFL-Spieler Junior Seau und Dave Duerson beschäftigt hatte. Die beiden hatten sich das Leben genommen. Bei der Obduktion wurde der Verdacht auf CTE bestätigt.

          Todesfälle gehören zum Spektakel

          „Concussion“ verzichtet allerdings auf eine komplexe Darstellung des Problems. Stattdessen schnitzt der Film mit Blick auf die schlechten Erfahrungen von Omalu und die letzten Jahre im Leben von „Iron Mike“ Webster, dem ersten offiziell bestätigten Fall, aus dem Ausgangsmaterial eine gröbere Geschichte. Wohl auch deshalb wirkt das Resultat auf Kritiker Richard Roeper von der „Chicago Sun-Times“ „ernüchternd und macht manchmal wütend“. Mit der „monolithischen NFL als dem Hauptbösewicht“. Und mit Omalu als dem Guten.

          Die Zukunft der Football-Liga ist übrigens, abgesehen von einem gewissen Imageschaden, nicht unmittelbar bedroht. Todesfälle und schwere Verletzungen gehörten schon immer zum Spektakel dazu und sind womöglich sogar einer der Gründe für die anhaltende Begeisterung für das Spiel.

          Die eigentliche Gefahr für die Liga geht von Eltern aus, die ihren minderjährigen Söhnen nicht mehr erlauben, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Und von Schulen, die angesichts teurer Schadensersatzprozesse nicht mehr das Geld haben, die nach wie vor höchst zuschauerträchtigen Spiele ihrer Schüler zu organisieren. Denn sollte das Grundgerüst wegknicken, das aus zwei Millionen jungen Aktiven besteht, wird die Profiliga nicht mehr im gleichen Maß wie bisher auf die für sie kostenlose Jugendarbeit zurückgreifen können. Experten sind sich einig: „Von dort droht die größte Gefahr.“

          Weitere Themen

          Hrubesch hilft sofort

          Furioses 5:2 des Hamburger SV : Hrubesch hilft sofort

          Anfassen, sprechen, aufmuntern, die Schulter anbieten: Hrubeschs Teambuilding läuft auf dem Trainingsplatz, und es funktioniert. Für den Moment feiert der HSV seinen Horst.

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock am Montag im ZDF

          Annalena Baerbock : Masterstudium ohne Bachelorabschluss

          Sie wird als Völkerrechtlerin bezeichnet, ist aber keine Volljuristin. Einen Bachelorabschluss hat Annalena Baerbock nicht, aber Vordiplom und Master. Dennoch: Alles ging mit rechten Dingen zu.
          Polizisten 2005 während Unruhen in der Banlieue Clichy-sous-Bois nördlich von Paris. Vorausgegangen war der Tod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei durch einen Stromschlag in einer Trafostation ums Leben kamen.

          Verrohung in Frankreich : „Die Republik zerlegt sich“

          Ehemalige französische Generäle warnen vor islamischen „Horden in der Banlieue“ und einem Bürgerkrieg. Der Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet erklärt im Interview, was in seinem Land im Argen liegt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.