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Ein Hengst mit besonderer Geschichte : Barbaro zieht Amerika in seinen Bann

  • -Aktualisiert am

Barbaro trägt Jockey Edgar Prado zum Sieg beim Kentucky Derby Bild:

Dreifacher Beinbruch - auch für den Sieger des Kentucky Derbys in der Regel das Todesurteil. Amerika nahm Anteil an der Leidensgeschichte des Hengstes Barbaro. Zum Dank für die wundersame Heilung steht der Patient jetzt „lächelnd“ auf der Wiese.

          Es ist eine leichte Übung, dem derzeit berühmtesten Pferd in Amerika ein paar gute Wünsche zu schicken. Man muss nämlich nur auf die Website der tierärztlichen Fakultät der Universität von Pennsylvania gehen und auf ein Foto klicken, dann kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Von dem Angebot haben seit Juni Tausende Pferdeflüsterer Gebrauch gemacht.

          Ein Teil, weil sie wahrscheinlich naiv genug sind zu glauben, dass die Betreiber der Internetseite tatsächlich tun, was sie im Kleingedruckten versprechen, und dem Hengst die Grüße ausrichten. Ein anderer Teil hat vermutlich nur das Bedürfnis, seine Zeilen auf der elektronischen Pinnwand wiederzufinden - neben all den anderen Botschaften, die den Mut und den Willen und den „unzähmbaren Geist“ eines Hengstes preisen, der im Frühsommer 2006 die Öffentlichkeit gleich zweimal in seinen Bann geschlagen hatte.

          Schwerer Beinbruch an drei Stellen

          Zuerst beim Kentucky Derby in Louisville, als er mit einem Vorsprung von sechseinhalb Längen das gesamte Teilnehmerfeld stehenließ. Und dann zwei Wochen später, beim nächsten Renntermin in Baltimore, als er kurz nach dem Start einen schweren Beinbruch an drei Stellen der rechten Hinterhand erlitt, der normalerweise dazu führt, dass ein Pferd eingeschläfert wird.

          Barbaros Behandlungsraum

          Doch seine Besitzer wollten das Unmögliche möglich machen und transportierten den Vollblüter zu Dr. Dean Richardson in die angesehene Universitätsklinik in den kleinen Ort Kennett Square im Bundesstaat Pennsylvania. Dort wurden die Brüche mit insgesamt 27 Schrauben und einer Platte geflickt. Innerhalb weniger Wochen wurde das Tier zu einem Medienstar der besonderen Art. Und sein Name - Barbaro - wurde zum Begriff.

          Blumengebinde für Barbaro aus der ganzen Welt

          Die Sympathien und das Interesse ebben nicht ab. Wer in diesen Tagen auf der Route 926 an der Klinik vorbeifährt, sieht schon am Eingangstor die Hinterlassenschaften von Barbaro-Anhängern, ihre schriftlichen Wünsche. Einige erklären standfest, dass ihre Gebete geholfen haben. Andere haben den aufmunternden Spruch angebracht: „Wachse, Huf, wachse.“ Denn Dr. Richardson hatte sich nicht nur um die gebrochene linke Hinterhand kümmern müssen, sondern war gezwungen gewesen, irgendwann das Horn der rechten fast komplett wegzuoperieren. Die hatte eine pferdetypische Komplikation erlitten und war von einer Entzündung der Huflederhaut befallen worden.

          Menschen aus der ganzen Welt bestellen im örtlichen Blumenladen Gebinde für Barbaro und lassen sie genauso ins Hospital liefern wie Geschenkkörbe mit Lebensmitteln für die Angestellten des Hospitals. Der „Barbaro Fund“, eine Stiftung, die von einem anonymen Spender ins Leben gerufen wurde, ist nach Angaben einer Kliniksprecherin bereits auf 1,2 Millionen Dollar angewachsen. Die Mittel sollen für medizinische Geräte und Arzneimittel verwendet werden.

          „Es sah aus, als ob er für die Kamera lächelte“

          Der Chirurg ist durch seine Arbeit zu einem regelmäßigen Gast von populären Fernsehsendungen geworden. Das letzte Bulletin vor Weihnachten gab er im Morgenprogramm von ABC ab. Es zeigte, wie sehr sich die Beziehung zum Vierbeiner vermenschlicht hat: „Er ist ein großartiger Patient gewesen, nicht nur ein guter“, sagte der Tiermediziner, der zwischendurch vergleichsweise skeptische Prognosen gegeben hatte. Nun deutete er erstmals an, dass Barbaro beste Chancen hat, schon bald seine ersten Spaziergänge draußen in freier Luft zu machen. „Was er an medizinischer Versorgung braucht, ist nur noch bescheiden.“

          Ein Reporter der Nachrichtenagentur Associated Press sah vor wenigen Tagen eine Videoaufnahme des Pferdes, das an seinem gebrochenen Bein ohne Gips und Bandagen auskomme und an seinem Hufrehe-Fuß eine stützende Manschette trage, und schrieb: „Es sah so aus, als ob er für die Kamera lächelte.“

          Neue Lebensphase als Vererber

          Eigentümer Roy Jackson denkt denn auch darüber nach, den Hengst in seinen alten Stall in West Grove/Pennsylvania zurückzubringen. Sollte Barbaro sich komplett erholen, wird seiner nächsten Lebensphase als Vererber nichts mehr im Wege stehen. Zwar waren die Jacksons für den Fall des Falles bestens versichert. Doch amerikanische Experten schätzen, dass der Hengst, der in seiner kurzen Karriere kein einziges Rennen verloren hatte, als Beschäler ein Vielfaches der Versicherungssumme erwirtschaften wird.

          „Solch ein Pferd sieht man nur einmal im Leben“, meinte letztes Jahr sein Trainer Michael Matz, der einst als Springreiter Medaillen für die Vereinigten Staaten errungen hatte. „Es geht nicht ums Geld“, sagt Gretchen Jackson, der Barbaro zusammen mit ihrem Ehemann Roy gehört. „Und es geht nicht ums Rampenlicht.“ Die Rettungsaktion im Operationssaal illustriere vielmehr „die Schönheit und die Integrität“, die ihrer Meinung nach im von Traditionspflege geprägten amerikanischen Turfsport nach wie vor existieren.

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