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Snooker-Tempel in Berlin : Ein bisschen Woodstock – mit Butler

Fast schon virtuos: Mark Selby in höchster Konzentration Bild: Imago

Im Berliner Tempodrom loben alle Beteiligten den deutschen Snooker-Tempel. Ein Shootingstar der Szene ist hierzulande bislang jedoch nicht in Sicht. Das Finale bestreiten folglich zwei Briten.

          3 Min.

          Kurz bevor sich die Zuschauer im Berliner Tempodrom erhoben und einem ihrer Helden huldigten, hatte Lukas Kleckers sein Smartphone in Position gebracht. Von hoch oben auf der Tribüne filmte er, wie weit unten an einem riesigen grünen Tisch, außerhalb der Aufmerksamkeit der anderen Kameras, der Waliser Judd Trump ein Maximum Break vollendete: mit dem finalen von 36 Stößen versenkte er die letzte der 21 Kugeln, die schwarze, und erreichte 147 Punkte.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auf dem Video wird nicht viel zu erkennen sein. Aber die Aufnahme ist Kleckers Beweis dafür, dass er dabei war beim 113. Maximum der seit 1982 aufgezeichneten Turniergeschichte. Und sie ist eine Erinnerung, vielleicht sogar eine Mahnung, dass selbst herausragende, bejubelte Leistungen nicht ausreichend sein können. Trump jedenfalls, der ehemalige Weltranglistenerste, unterlag trotz des zweiten Maximums seiner Karriere im Viertelfinale des German Masters dem Weltmeister und späteren Sieger Mark Selby.

          Schönste und größte Station der Profi-Tour

          „Wenn es irgendwo da draußen eine bessere Snooker-Halle gibt“, tweetete Shaun Murphy, der gegen Selby im Finale verlor, und stellte ein Foto vom Inneren des Tempodroms dazu, „lasst es mich wissen.“ Der Masters-Sieger, ehemalige Weltmeister und UK-Champion schwärmt von dem „Tempel“ Snooker-Deutschlands. Mit zweieinhalbtausend Plätzen, die an den vier Tagen dieses fünften German Masters fast durchgehend besetzt waren, ist das Tempodrom nicht nur die schönste, sondern auch die größte Station der Profi-Tour. Zur Weltmeisterschaft jedes Jahr in Sheffield kann nicht einmal ein Viertel davon ins Crucible Theatre kommen.

          Das andächtige deutsche Publikum, ihr Ernst und ihre Begeisterung haben Murphy eingenommen. „Die Leute sind nicht zum Jux hier“, freute er sich. „Das sind Snooker-Fans durch und durch. Man spürt diese Atmosphäre, man hört es, man schmeckt es. Deine Sinne stehen in Flammen.“ Für Barry Hearn, den Präsident des Weltverbandes, ist Berlin gar „das Woodstock des Snooker“. Allerdings ein Woodstock ohne, sagen wir: Jimi Hendrix. „Das ist das Letzte, was noch fehlt“, urteilt Murphy. „Wäre nett, wenn sich ein Top-Spieler aus Deutschland entwickeln würde.“

          Diese Rolle ist Kleckers zugedacht, einem Achtzehnjährigen aus Essen, der die 147 im Vereinsabzeichen auf der Brust seiner schwarzen Weste führt, aber im richtigen Snooker-Leben noch nicht erreicht hat. Um den besten deutschen Spieler irgendwann auf ihrer Bühne, dem Fernsehbildschirm, sehen zu können, legen Fans und Gönner zusammen und ermöglichen ihm Weiterbildung an der Star Snooker Academy in Sheffield. In den nächsten zwei Jahren will Kleckers herausfinden, ob er dem Snooker eine Perspektive eröffnet und Snooker ihm.

          Mit Fingerspitzengefühl: Shaun Murphy nutzt im Finale gegen Selby ein Hilfsmittel
          Mit Fingerspitzengefühl: Shaun Murphy nutzt im Finale gegen Selby ein Hilfsmittel : Bild: Imago

          „Das einzige, was ich investieren kann“, sagt er, „ist Zeit.“ Bei fünf bis acht Stunden Training am Tag und einem aufgeschobenen Maschinenbau-Studium ahnt man, dass da jemand seine Jugend opfert. Die Aussichten sind nicht wirklich vielversprechend. Gewiss, der Weltmeister bekommt gut eine Viertelmillion Euro Preisgeld und Werbeverträge obendrein. Doch die intensive Reisetätigkeit des Gewerbes lässt lediglich die besten fünfzig der 130 Tour-Profis auf ihre Kosten kommen. Diesmal war Kleckers Gast des Fernsehsenders Eurosport in Berlin. „Die Leute hätten schon gern einen deutschen Spieler“, glaubt er. „Aber der Großteil von ihnen kommt wegen Ronnie O’Sullivan.“ Der Superstar des Snooker war in Berlin nur bis zum Viertelfinale dabei. Im Viertelfinale scheiterte er an Murphy.

          Eurosport hat Snooker mit bis zu einer Million Zuschauer pro Übertragung zu einem Faktor der Fernsehunterhaltung in Deutschland gemacht. Das Publikum dieses Sports, dessen Reiz sich in entspannter Langwierigkeit entwickelt, ist keines wie einst in Woodstock. Viele Zuschauer haben ihr Wohnzimmer-Gefühl mitgebracht ins Tempodrom. Mit Transistorradios hören sie den deutschen Eurosport-Kommentar. Die Stimme von Rolf Kalb im Ohr, lassen sie sich, wie an der Hand von Vater oder Mutter, durch die langwierigen Verteidigungsschlachten leiten zu den Höhepunkten des Spiels.

          Auch beim Jubel zurückhaltend: Mark Selby freut sich anscheinend nur innerlich über seine neue Trophäe
          Auch beim Jubel zurückhaltend: Mark Selby freut sich anscheinend nur innerlich über seine neue Trophäe : Bild: Imago

          „Von Boom kann keine Rede sein“, sagt Michael John, der Präsident der Deutschen Billard-Union. Er relativiert die Begeisterung für die Quote. Nur fünf Prozent seiner 30.000 Verbandsmitglieder spielen Snooker und machen es, wie Skispringen und Bobfahren, zu einem Phänomen der Passivität. Und doch brachte es ein Deutscher ins Finale am Sonntag: Marcel Echardt. Von den sieben Schiedsrichtern mit A-Lizenz, die es auf der Welt gibt, ist der 25-jährige einer. Wie er in Smoking und mit weißen Handschuhen Bälle plaziert und den Spielern assistiert, wirkt er wie ein Butler.

          „Ich bin Teil des Snooker-Zirkus“, sagt er. Zum maximum break an seinem Tisch nahm er Gratulationen entgegen. Vier weitere Schiedsrichter aus Deutschland haben es an die Tische der Profis geschafft; die Münchnerin Maike Kessler leitete in Berlin ein Halbfinale. Wenn sie von Ahnungslosen gefragt wird, was denn nur Snooker sei, erwidert sie: „Das grüne Feld bei Eurosport.“

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