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Eichlers Wochenschau : Pädagoge im Ring, Rhetoriker am Ball

Anthony Joshua (links) und Éric Molina: Der mit der Mütze ist eigentlich ein Sonderpädagoge. Bild: Reuters

Vom Boxring zurück auf die Schulbank – für den Schwergewichtler Éric Molina ist das keine Bestrafung. Außerdem: Das Einmaleins der modernen Fußballrhetorik.

          Es ist eine völlig andere Welt, aus der Éric Molina an diesem Samstag nach England kommt, um Weltmeister im Schwergewicht zu werden. Sie könnte ihm aber bekannt vorkommen. Vor ein paar Tagen hat dort einer seiner Vorkämpfer, Dereck Chisora, den Gegner mit einem Tisch beworfen. Ein anderer Boxer, David Haye, ging bei einem Pressetermin auf seinen nächsten Gegner los und drohte, ihn „ins Hospital zu schicken“ – nachdem in den Wochen zuvor ein Boxer gestorben und zwei ins Koma geschlagen worden sind.

          Chapeau – wir ziehen den Hut!

          Bevor Éric Molina also in den Ring steigen wird, als Vertreter für den großen Wladimir Klitschko und krasser Außenseiter gegen dessen würdigen Nachfolger Anthony Joshua, hat er genug Gelegenheit, auch all die großen, großmäuligen Kinder zu studieren, die vielen Schaum- und Schulhofschläger im Mannesalter, die ihr Geld mit Boxen verdienen. Er tut das mit geübtem Blick. Molina ist von Beruf Sonderpädagoge. Bis vor ein paar Monaten arbeitete er mit behinderten oder verhaltensgestörten Kindern. „Das bleibt meine Bestimmung“, sagt der Amerikaner. „Ich liebe es, diesen Kindern zu helfen. Denn sie sind Außenseiter in ihrem Leben, so wie ich ein Außenseiter bin in dem, was ich tue.“ Nach der Auszeit im Ring, dem Ausflug in die Welt verhaltensauffälliger Erwachsener, will er in seine Schule zurückkehren.

          Attaque – hier wird angegriffen!

          Nicht nur mit Fäusten, auch mit Füßen sprechen nicht alle dieselbe Sprache. Seit Markus Gisdol Deutschstunden in den Hamburger Trainingsplan aufgenommen hat, scheint man ihn aber besser zu verstehen. In der Sprache der Tabelle, die jeder Fußballer von Geburt an versteht, ist der HSV nur noch Vorletzter. Zum Glück kann Fußball auch ganz ohne Grammatik funktionieren, selbst bei Muttersprachlern wie dem früheren HSV-Heros Horst Hrubesch: „Manni Flanke, ich Kopf, Tor“. Oder beim Brasilianer Ailton, genannt Toni: „Toni Tor. Alles gut.“

          Als ein anderer Bremer Fanliebling Trainer wurde, Viktor Skripnik, stellte dessen Berater den kargen Wortschatz des Ukrainers sogar als Vorteil dar: „Da fallen unwichtige Hauptsätze weg, und es kommt das Wesentliche.“ Aber kommt es auf das Wesentliche im öffentlichen Reden wirklich an? Oder vielmehr, es zu verschleiern? Daran scheiterte Skripnik. Dafür muss man viele Füllwörter kennen und ausstreuen über Sätze und ihren Sinn. So wie im folgenden, verfasst im Frühjahr 2014, kurz bevor seinem Urheber der WM-Triumph glückte: „Wir werden die Spieler sozusagen natürlich auch ein Stück weit in Anführungsstrichen überwachen.“ Erste Übung für die HSV-Nachhilfestunde: Zerlegen Sie den Satz in seine Bestandteile und setzen ihn beliebig neu zusammen. Wie oft geht das, ohne einen Sinn zuzulassen? Ein guter Einstieg in moderne Fußballrhetorik.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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