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Berlin ist entthront : Kiels Handballer holen vierten EHF-Pokal-Sieg

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Kiels Domagoj Duvnjak wirft auf das Tor. Bild: dpa

Die lange Abschiedstour macht Handballtrainer Alfred Gislason zu schaffen – das zeigt sich auch bei den Huldigungen nach dem EHF-Cup-Sieg des THW Kiel. Doch die Freude ist groß.

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          Die lange Abschiedstour durch die deutschen Handballhallen hatte Alfred Gislason zuletzt ganz schön mitgenommen. „Überall ist es das letzte Mal, jeder sagt noch etwas Nettes zu mir, und ich soll auch noch etwas sagen“, sagte Gislason, „langsam reicht es.“ Es sollte nicht undankbar wirken oder genervt, was der Trainer des THW Kiel sagte, aber es deutete an, wie schwer es ihm fällt, die Nebengeräusche seiner letzten Spiele als Kieler Coach emotional einzuordnen. Am liebsten würde Gislason auch in seiner elften Saison beim THW nur das tun, was er immer tat: den nächsten Gegner analysieren, die Mannschaft einstellen, sein eigenes Coaching vorbereiten.

          Doch so leicht ist das eben nicht, wenn einer geht, der sich in seiner langen Karriere ligaweit keine Feinde geschaffen hat, sondern überall gerngesehener Gast ist. Der Respekt vor seiner Leistung ist selbst bei der ärgsten Konkurrenz ausgeprägt. Das liegt auch daran, dass Gislason in seiner nüchternen Art die Hitze und Erregung des Handballspiels mit dem Abpfiff ablegt und dem Gegner die Hand reicht. Handball ist für ihn ein Spiel, das man nicht auf Nebenschauplätzen mit Sticheleien oder Anschuldigungen füllen sollte, sondern in den 60 Minuten Spielzeit.

          Das Team hat sich rechtzeitig zusammengerissen

          Man muss seinen Rückzug aus der Bundesliga nicht überhöhen. Gislason durfte die besten Kader der Liga trainieren, der THW Kiel gibt viel mehr Geld für Handball aus als der große Rest. Trotzdem gab es magere Jahre. Die vergangenen drei Spielzeiten verliefen enttäuschend für die Norddeutschen, und einmal stand Gislason gar auf der Kippe, weil der Handball seiner planlos zusammengestellten und von Verletzungen gebeutelten Mannschaft im Spätsommer 2017 einfach zu schlecht war. Damals war es seinen menschlichen Qualitäten zu verdanken, dass er bleiben durfte, weniger seinen Fähigkeiten als Handballlehrer: So einen „feinen Kerl“ feuert man nicht bei der erstbesten Gelegenheit.

          Feuchtfröhliche Pokalparty: Kiel gewinnt gegen Berlin im Finale des Final Four.

          Doch rechtzeitig zum „Tschüs“ von Gislason hat sich das rundum stark besetzte und entsprechend teure Team zusammengerissen und ist drauf und dran, Gislason den perfekten Abschied zu schenken. Am Samstagabend gewann der THW vor ausverkauftem Haus den EHF-Pokal. Die Kieler siegten im Finale 26:22 über die Füchse Berlin. Es war der 20. Titel der Ära Gislason. Damit ist die Saison schon drei Spieltage vor Schluss eine erfolgreiche für den THW, hatte er doch Anfang April den SC Magdeburg im nationalen Pokalfinale besiegt. Ein Double ist es also schon, und das „kleine“ Triple kann es noch werden, sollte die SG Flensburg-Handewitt ihren Zwei-Punkte-Vorsprung in der Bundesliga in den verbleibenden drei Spielen noch hergeben.

          Normalerweise erlebt Gislason große Siege des THW nicht ausgelassen jubelnd, sondern erleichtert. „Den größten Druck mache ich mir selbst“, hat er mal gesagt, und insofern pustet Gislason nach gewonnenen Spielen nur rasch durch: Aufgabe erfüllt. Was kommt als Nächstes? Auch die Vorbereitung eines Spiels gegen den Tabellenletzten der Bundesliga ist für den 59 Jahre alten Nord-Isländer eine ernsthafte Angelegenheit mit langem DVD-Studium. Mit großem Arbeits-ethos ausgestattet, hat Gislason selbst manchmal beklagt, dass er nicht loslassen könne.

          Eine Respektsperson bis zum Schluss

          Das aber wiederum war auch sein größtes Werk in diesem letzten THW-Jahr: Er hat den Fokus auf jedes einzelne Spiel gelegt, nicht lockergelassen, die Spieler genervt. Gislason war keine lahme Ente – eine Respektsperson bis zum Schluss. Auch deshalb sind die Fußstapfen groß, in die Filip Jicha steigt. Es war ein kluger Schachzug des THW, Jicha als Assistenten eine einjährige Lehre beim großen Coach zu verschaffen. Den Stress der Suche eines Nachfolgers haben sich die Kieler so erspart. Ob der Novize Jicha als Alleinverantwortlicher die mit Stars durchsetzte Mannschaft erfolgreich führen wird, bleibt abzuwarten.

          Im Sommer 1999 hatte Gislason den SC Magdeburg als EHF-Pokalsieger übernommen, er machte aus dem Team den deutschen Meister und Champions-League-Sieger. Das gleiche gelang ihm in Kiel. Am Samstagabend feierte ihn das Publikum in der Ostseehalle mit „Alfred, Alfred“-Sprechchören. „Das waren bewegende Momente“, sagte Gislason, „auch wenn ich das als Nordlicht nicht so zeigen kann. Ich habe versucht, mich zu verstecken. Aber das ging nicht.“

          Im großen Jubel verblasste, dass der europäische Titel zwar schön, aber auch relativ wertlos ist. Durch die Gruppenphase war der THW sozusagen spaziert, die Spiele am Wochenende gegen Holstebro und die Berliner waren zwar intensiv, aber nur in Teilen spannend. Ein Stück der Wahrheit über Gislason ist auch, dass der THW Kiel den Anschluss an die europäische Spitze, bestehend aus den Teams von Skopje, Veszprem und Barcelona, verloren hat. Mit Jicha und spätestens 2020 mit Starspieler Sander Sagosen soll auch in der Champions League wieder angegriffen werden. Gislason wird das nicht mehr kümmern. Nach einer halbjährigen Pause vom Handball will er als Trainer eines Nationalteams weitermachen.

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