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Turnfest in Berlin : Rolle vorwärts statt Doppelsalto

  • -Aktualisiert am

Anstrengende Wochen für Lukas Dauser. Bild: dpa

Sebastian Faust war Trainer von Sebastian Dauser und Philipp Herder. Nun steigt er trotz großer Erfolge als Turntrainer aus und wird Grundschullehrer – dafür hat nicht jeder Verständnis.

          Für Lukas Dauser ist es eine verdammt anstrengende Woche: Er ist das Gesicht dieses Deutschen Turnfestes, steht bei etlichen Pressekonferenzen Rede und Antwort, gibt Autogrammstunden und bemüht sich, zwischendurch noch ein wenig zu trainieren. Am Montag ist der Unterhachinger, der seit Jahren in Berlin trainiert, zum ersten Mal deutscher Mehrkampfmeister geworden, knapp vor seinem Trainingskollegen Philipp Herder. Für Sebastian Faust ist es eher eine ruhige Woche, denn die Berliner Schulen haben außerplanmäßig eine Woche Ferien, weil die Turnfestteilnehmer die Schulen brauchen. Faust ist seit Schuljahresbeginn als Quereinsteiger an einer Berliner Grundschule tätig, vorher war er Turntrainer – und zwar der von Dauser und Philipp Herder.

          „Turnen ist halt schon so dein Leben“, sagt er über sich. Faust war selbst Turner im Nationalkader, in Halle, wo er noch während des Sportstudiums seinen ersten Trainervertrag unterschrieben hat. Er hatte von den Olympischen Spielen geträumt, es 2003 bis zur Universiade gebracht und schnell die „Passion als Trainer gefunden“. Von Halle ging es in die Schweiz: Fünf Jahre lang arbeitete der Mitdreißiger als Cheftrainer im Kanton Schaffhausen, seine Turner gewannen internationale Medaillen im Juniorenbereich. 2011 kam sein Sohn auf die Welt, 2013 seine Tochter.

          Philipp Herder mit seinem ehemaligen Trainer Sebastian Faust. Bilderstrecke

          Im gleichen Jahr wechselte Faust nach Berlin, angestellt beim Landessportbund. Seine Turner wurden immer besser: Dauser und Herder standen im Aufgebot des deutschen Teams bei den Spielen in Rio, Dauser gewann bei der EM im April Silber am Barren. Rund hundert Tage im Jahr sei er damals unterwegs gewesen, sagt Faust, zwischen Trainingslagern, Lehrgängen und Wettkämpfen. Im vergangenen Frühjahr hat er entschieden auszusteigen. „Das war auch eine persönliche Entscheidung: Die Kinder sind klein, und die Familie ist mir in dem Moment wichtiger.“

          Dauser hat drei Jahre bei Faust trainiert. Er habe ihm besonders geholfen, „wenn es mal nicht so gut lief im Training“, sagt er rückblickend, er habe gewusst, sie zu motivieren. In schweren Situationen erinnere er sich jetzt an Fausts Worte zurück, das baue ihn auf. Die beiden stehen weiterhin in gutem Kontakt. Cheftrainer Andreas Hirsch sagte zum Ausstieg von Faust: „Der hat vor den Olympischen Spielen tschüs gesagt, ade und Grundschullehrer.“

          Auf die Frage, ob der Verband ihn versucht habe zu halten: „Das ist eine familiäre Entscheidung von ihm gewesen, kleine Kinder, unstete Situation zu Hause, im Sinne von Vater oft nicht da, und da kann man halt schlecht was machen.“ „Ja, natürlich, da muss du nicht drüber nachdenken“, sagt Faust lachend auf die Frage, ob er unter anderen finanziellen Vorzeichen vielleicht weitergemacht hätte, „nehmen wir mal an, wenn du das Doppelte verdienst, dann kannst du eben sagen, wir können uns eine Nanny leisten. Aber das sind Wunschgedanken.“

          Seine Frau ist ebenfalls voll im Beruf und verdient mehr als die „ungefähr 3000 bis 3500 Euro brutto“, die Faust für seine Trainertätigkeit pro Monat bekommen hat. Faust hat nicht um eine Gehaltserhöhung gebeten, der Verband hat auch keine angeboten. Für ihn ist es grundsätzlich kein Lebensmodell, dass nur die Männer arbeiten gehen, mal abgesehen davon, dass er mit seinem Gehalt seine vierköpfige Familie nicht hätte ernähren können. Das sehen einige Turnbrüder anders. Er habe doch gewusst, worauf er sich beim Trainerjob einlasse, war einer der Kommentare auf seinen Rückzug. „Wenn da jemand meint, dass ich ein Weichei bin, dann kann er das gerne tun“, sagt Faust über das, was noch so kursierte.

          Offen ins Gesicht gesagt hat ihm das Weichei wohlgemerkt niemand. Seine beiden Turner könnten die Entscheidung gut nachvollziehen, erzählt Faust. Mit Blick auf die Motive des zweiten Berliner Trainers, der ebenfalls im vergangenen Jahr in den Schuldienst wechselte, sagte Cheftrainer Hirsch: „Ja gut, der hat eine Lehrerin, das ist halt Scheiße. Eine Lehrerin als Frau, die hat Ferien und will nicht allein wegfahren.“

          Faust wird als fertiger Grundschullehrer mehr Geld verdienen als als Trainer von Olympiateilnehmern. Er wird regelmäßig Ferien haben, samstags nicht mehr arbeiten und an Feiertagen auch nicht. Er macht niemandem aus der Turnszene einen Vorwurf. Aber er ist überzeugt, „dass der Trainerberuf aufgewertet werden muss“. Diejenigen, die sich in den vergangenen zehn Jahren im Turnen dafür entschieden haben, kann er an einer Hand abzählen. Anstatt Doppelsalti in der Holmengasse mit Dauser übt er jetzt Rollen vorwärts mit Grundschulkindern und nimmt es als neue Herausforderung. Dauser wird am Mittwoch und Donnerstag bei den Gerätfinals der deutschen Meisterschaften wohl noch den ein oder anderen Titel gewinnen. Sein neuer Trainer heißt übrigens Robert Hirsch, er ist der Sohn des Bundestrainers.

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