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Boxtrainer Eddie Bolger : Das irische Experiment

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Artem Harutyunyan (rechts) wird einer der Sportler von Eddie Bolger Bild: AFP

Cheftrainer Eddie Bolger soll den schlafenden Boxriesen Deutschland wecken. Eine solche Herausforderung ist er schonmal eingegangen – und das durchaus erfolgreich.

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          Bis vor wenigen Wochen war Eddie Bolger noch ein High Performance Coach. So nannte sich seine Position als einer von drei Trainern der Boxelite Irlands. Seit dem 1. März ist er offiziell Cheftrainer der deutschen Amateurboxer am Olympiastützpunkt Rhein-Main-Neckar in Heidelberg. Voller Stolz haben ihn die maßgeblichen Männer des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV) an dessen neuer Wirkungsstätte präsentiert. So wie sonst nur Medaillengewinner aus den eigenen Reihen. Beim DBV wähnen sie sich mit dieser Verpflichtung schon auf der Gewinnerseite.

          Bolger war einst in den leichten Gewichtsklassen unterwegs, als er selbst noch boxte. Es werden so um die hundert Kämpfe zusammengekommen sein, rund 30 davon für die irischen Farben. Danach ist er Übungsleiter geworden. Erst der U12, seit 2010 für Spitzenleute. Dem Verband von der Insel gelang genau das, was der DBV anstrebt: Aus wenig viel zu machen. Große Erfolge trotz überschaubarer Ressourcen. Von den letzten Weltmeisterschaften kehrte Michael Conlan als Titelträger heim, mit Joe Ward haben sie einen Europameister in ihren Reihen, und für die Olympischen Spiele qualifizierten sich sogar acht Athleten. Dafür, dass sie alle mit leeren Händen aus Rio heimkehrten, hat Bolger eine Erklärung, die auch die Deutschen zur Genüge kennen. „Einige Ergebnisse waren nicht nachvollziehbar.“

          Eddie Bolger (2.v.r.) war 2016 in Rio noch für Irland am Ring

          Beim Blick zurück ist der DBV in Rio so gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen, weil Artem Harutyunyan sich und damit auch dem Fachverband eine Bronzemedaille beschert hat. Damit ist die Zielvereinbarung (ein bis drei Medaillen) mit dem Deutschen Olympischen Sportbund gerade so erfüllt worden. Ohne Bronze hätte man sich das vermeintliche Goldstück Bolger nicht leisten können. Sportdirektor Michael Müller, in Personalunion auch Generalsekretär des DBV, verspricht sich von Bolgers „Blick von außen Leistungssteigerungen für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio“. Präsident Jürgen Kyas preschte mit der Hochrechnung vor, dort eine bis zwei Medaillen mehr als in Rio abgreifen zu können.

          Bolger, von dem sich Kyas „frischen Wind“ erhofft, hörte ungerührt zu. Vorgänger in Bolgers Position war Harry Kappell. Zum promovierten Sportwissenschaftler erscheint der irische Praktiker wie ein Gegenentwurf. „Boxen ist ganz einfach“, sprach Bolger bei seiner Vorstellung, referierte dann in kurzen, knappen Sätzen über Taktik und Technik, Disziplin und Konsequenz. Natürlich, er wird sich an seinen Erfolgen messen lassen müssen. „Ich kenne sie gut“, sagte er über die in der Mehrzahl jungen deutschen Boxer. Er habe „einige Angebote gehabt, aber nicht wirklich gezögert“, eine Herausforderung einzugehen, die jener ähnelt, als die Iren in ihrem Verband 2003 auf neue Strukturen und Trainer bauten und die Saat später aufging.

          Bolgers Vertrag? „Ein gutes Paket“, materiell vergleichbar mit dem in der Heimat, sagt er, so, als sei das Geld nachrangig. Deutschland sei „eine Superpower, eine schlafender Riese des olympischen Boxens“. Und Bolger der Prinz, der ihn wachküsst? Bis Weihnachten will er leidlich Deutsch lernen. Wahrscheinlicher ist, dass die Kaderboxer Fortschritte in Englisch machen. In Blöcken von sechs bis acht Wochen wird Bolger auf dem Kontinent sein, übers Wochenende zur Familie fliegen. Vom Flughafen Dublin bis zu seinem Haus sind es gerade einmal anderthalb Autostunden. Ein ähnliches Arbeitsmodell praktiziert Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm. Der muss allerdings über den Atlantik fliegen, um Anhang und Job unter einen Hut zu kriegen. Für Bolger ist die Abwesenheit von daheim nichts Neues. 2016 sei er sieben Monate des Jahres aushäusig gewesen – ohnehin sei er, wenn erforderlich, 24 Stunden am Tag für das Boxen und die Boxer da.

          In Heidelberg hat der Lenkungsausschuss des DBV, zu dem jetzt auch Bolger zählt, mit der Analyse der Qualität von Athleten und Trainern begonnen. Die Weltmeisterschaft in Hamburg (25.8. bis 2.9.) gilt als „Durchgangsstation“, Etappe oder Endstation für Athleten auf dem Weg nach Tokio. Die irischen Fighter sind dafür bekannt und gefürchtet, im Ring ihr letztes Hemd zu geben. Vielleicht muss man dafür auf der Grünen Insel geboren sein. Aber der Versuch, mit einem irischen Trainer zugleich eine Prise oder gar eine ganze Ladung irischer Mentalität zu importieren, ist ein reizvolles Experiment.

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