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Eberhard Gienger : Der Rumturner

  • -Aktualisiert am

Schöner Nebenjob: Eberhard Gienger mit Mikkeline Kierkgaard bei „Stars on Ice” Bild: ddp

Er ist Turner, Promi, Luftakrobat, Bundestagsabgeordneter - und DOSB-Vizepräsident. In dieser Funktion soll Eberhard Gienger zum Aufschwung des deutschen Sports beitragen. Doch ist er auch „brutal“ genug für die Aufgabe?

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          Eberhard Gienger ist mißtrauisch. Er möchte eigentlich nicht reden. Schon gar nicht über Doping. Es seien genügend „gehässige“ Artikel formuliert worden über einen, den die Autoren, sagt Gienger, doch „gar nicht kannten“: Eberhard Gienger hatte im Frühjahr im Gespräch mit dieser Zeitung über eine Anabolika-Einnahme nach einer Verletzung vor mehr als dreißig Jahren parliert und mit seiner Einschätzung Entrüstung ausgelöst (Siehe auch: Eberhard Gienger: Habe Anabolika genommen).

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Er fühlt sich mißverstanden. Dabei hört ihm der Sport mehr denn je zu. Denn Gienger ist nicht mehr nur Turner, Promi, Luftakrobat und Bundestagsabgeordneter. Vor sieben Monaten wählte ihn der organisierte deutsche Sport zum Vizepräsidenten für Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Nun soll Gienger entscheiden, wie die vierzehnjährige Talfahrt der Sommersportarten gestoppt werden kann. An diesem Samstag wird auf der ersten Mitgliederversammlung des DOSB in Weimar das Konzept für den Aufschwung vorgelegt.

          Punktlandungen „... in Ihrem Garten zum Geburtstag“

          Es ist der Abgabetermin für die erste Arbeit Giengers im vielleicht schwierigsten Job des deutschen Spitzensports. Denn der Schwabe nahm als eine Art ehrenamtlicher Aufsichtsratsvorsitzender der hauptamtlichen Leistungssportplaner die Rolle des „Vordenkers“ an. „Ja“, sagt Gienger zur Beschreibung, „so ist es.“ Zum Ende des zweistündigen Gesprächs fügt er hinzu: „Und ich kann es.“

          Große Aufgaben im DOSB: Präsident Thomas Bach, Gienger und Leistungssportdirektor Bernhard Schwank

          Gienger kann viel. Er ist Weltmeister am Reck geworden, unzählige Male deutscher Meister; er ist, wie sie im Deutschen Turnerbund sagen, „eine Ikone“ des Kunstturnens. Wo er steht und geht, verbreitet Gienger das Gefühl, der Sport kenne keine Altersgrenze, könne ein lebenslanges Spiel sein. Gienger hat einfach weitergeturnt nach dem Karriereende, das Programm um Luftnummern erweitert. Auf der Homepage seiner Firma „Eberhard Gienger pro-motion GmbH“ verspricht der Fallschirmspringer Volksnähe und Punktlandungen „... in Ihrem Garten zum Geburtstag“. Davon kann man bestens leben.

          „Keine Sorge, so weit wird es nicht kommen“

          Gienger war längst ein gemachter Mann, als man ihn - „an einem Volkstrauertag“ - aufforderte, in die Politik zu gehen: „Keine Sorge, so weit wird es nicht kommen.“ Aber den netten, pünktlichen „Ebse“, wie ihn Freund und auch Feind in Weimar rufen, mögen sie alle. Was der CDU nicht verborgen blieb. Und so ist Gienger, wenn auch nicht aus heiterem Himmel, so doch heiter im Bundestag gelandet: „Ich sehe die Politik als Herausforderung, als spannendes Feld, das kann man gestalten.“

          Ein Sportstar im Sportausschuß. Da kommt ein Mann aus der Praxis, der weiß, wovon er redet. „Ich bringe vielleicht mehr Wissen mit als andere“, sagt Gienger. Bisher aber, behaupten Kollegen anderer Fraktionen, behält er den Erfahrungsvorsprung für sich: „Es gibt keine einzige sportpolitische Aktion von ihm in den vergangenen vier Jahren. Er sagt nichts.“

          „Der hat alle Voraussetzungen für seine Aufgabe“

          Vergebliches Warten auf den Gienger-Salto der Sportpolitik? Gienger verliert an Schwung, verändert die Tonfarbe, er wird leiser: „Nein, das hat mit dieser Kritik nichts zu tun. Ich versuche, mich selber zu analysieren, meine Arbeit.“ Es rattert. Das Analyseergebnis animiert zu Widerspruch: „Aber wir stellen doch gerade ein Konzept zum Spitzensport auf die Beine, das, wie ich glaube, sehr erfolgreich sein wird.“ Gienger wirkt wie ein Vorbild für alle geplagten Eltern von Kindern mit schlechter Haltung bei Tisch. Zwei Stunden sitzt er kerzengerade.

          „Der Eberhard“, sagt sein Berater, der Leistungssportexperte Eduard Friedrich, „ist geradeaus. Das sieht man an seiner Haltung. Der hat alle Voraussetzungen für seine Aufgabe. Ich bin mir nur nicht sicher, ob er brutal genug ist für diesen Job.“ Noch hält sich Gienger zurück: „Ich bin Neuling. Ich höre gerne zu und bilde mir dann meine Meinung.“ Aber ein Leistungssportchef darf nicht nur zuhören. Wenn seit 1992 die Medaillen-Ausbeute bei Sommerspielen von 82 kontinuierlich auf 48 gefallen ist, dann sind, sagt Friedrich, personelle Veränderungen nötig. „Was haben die denn gemacht?“

          Kritik? „Ich habe was für den Sport getan“

          Gegenfrage: Was muß Gienger tun? Leute rauswerfen? „Ich bin harmoniebedürftig“, sagt Gienger. „Nicht brutal genug? Vielleicht ist das meine Schwäche. Gestatten Sie mir eine Lernphase, ich glaube, ich habe die nötige Härte.“ An Disziplin mangelt es nicht. Morgens um sieben stand er in Berlin-Hohenschönhausen auf der Eisfläche und lernte: daß zu dieser Tageszeit „unheimlich viele Kinder“ Kati Witt nacheifern. Daß lukrative Nebenjobs knallharte Arbeit sein und trotz manch guter Erfahrung in einem Fiasko enden können.

          Weil Gienger zwei Sportausschußsitzungen vorzeitig verließ, um sich bei der Pro-Sieben-Show „Stars on Ice“ live aufs Eis zu wagen, rief ihm ein Sportfunktionär gehässig hinterher: „Der Arme muß heute abend eislaufen, und wir dürfen ein Konzept gegen Doping ausarbeiten.“ Gienger wehrt sich: „Ich habe was für den Sport getan. Ein Teil des Honorars wird gespendet.“ Und warum hat er das nicht gleich gesagt? „Das war mir nicht so wichtig.“

          Sind nun plötzlich alle DOSB-Richtlinien falsch?

          Über die Lücken im Nachwuchsförderkonzept des deutschen Sports hat Gienger im Sportausschuß auch nicht gesprochen. Er mußte mit Ende des Vortrags seines Leistungssportdirektors im DOSB, Bernhard Schwank, die Sachen packen: für die Eis-Tour. Die bundesweite Empörung in Sport und Politik über den „Paradigmenwechsel“ (Schwank) vernahm er anderntags, als die Kämpfer für die Eliteschulen Alarm schlugen und Chaos in der Leistungssportsteuerung vermuteten.

          Soll alles falsch sein, was der DOSB längst als Richtlinie formuliert hat und nun in Weimar nochmals bekräftigen wird? Gienger schüttelt den Kopf. Er widerspricht der Darstellung, Schwank habe den Sportpolitikern, die wissen wollen, was mit den Steuergeldern gemacht wird, eine Systemkritik der Nachwuchsförderung vorgelegt. „Es ging um Details. Man muß doch mal spinnen dürfen und nicht gleich alles für bare Münze nehmen.“

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