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Dwain Chambers : Der schnelle Anfänger

  • -Aktualisiert am

Mehr als nur ein PR-Gag? Dwain Chambers plant die Flucht nach vorne Bild:

Geschwindigkeit zählt - auch im American Football. Das spricht für Dwain Chambers. Seine Bestzeit über 100 Meter liegt bei 9,87 Sekunden. Chambers, der gedopte Sprinter, spielt nun in der NFL Europa Football. Aber er hat ein Problem: Er kann nicht fangen.

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          Geschwindigkeit zählt - auch im American Football. In dieser Beziehung hat Dwain Chambers eine ganze Menge zu bieten. Seine Bestzeit über 100 Meter liegt bei 9,87 Sekunden; 2002 wurde der Brite in München Europa-Meister über diese Distanz. Ein Jahr später war er aber aus dem Rennen. Ein Dopingtest im Trainingsquartier in der Sportschule der Universität Saarbrücken überführte ihn der Einnahme des verbotenen Steroids THG.

          Zwei Jahre war Chambers gesperrt; alle Titel und Rekorde wurden ihm aberkannt. Der Sieg mit der EM-Sprintstaffel und die WM-Bronzemedaille von 2003 waren dahin. Genauso wie 230.000 Dollar Preisgeld, die an den Internationalen Leichtathletikverband zurückzuzahlen waren. Der Comeback-Versuch im vergangenen Jahr hinterließ gemischte Gefühle: Freude über den Staffelsieg bei der EM in Göteborg, aber auch der Eindruck, dass „die Leidenschaft fehlte“, waren prägend.

          Doppelpack der Promi-Spieler

          Nun spielt Chambers Football - vielleicht auch der Schulden wegen, an denen er noch immer zu knabbern hat. Mit den Hamburg Sea Devils startet er am kommenden Samstag in der NFL Europa, mit einem Heimspiel gegen die Centurions aus Köln. Chambers hat als Footballspieler zwei Vorzüge. Der erste: Er ist verdammt schnell. „Ich habe noch nie einen Footballspieler so schnell sprinten sehen“, hat Jack Bicknell über den flinken Briten gesagt.

          Der prominente „National”
          Der prominente „National” : Bild: dpa

          Bicknell war noch bis vor drei Wochen Cheftrainer der Sea Devils. Doch kurz vor dem Saisonstart gab der dienstälteste Trainer der NFL Europa auf. Bicknell ist 69 Jahre alt, und die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich gesundheitliche Gründe bei der Entscheidung maßgeblich waren, ist groß. Zu schaffen gemacht hat Bicknell aber auch etwas, was der zweite Vorteil ist, den der ehemalige Sprinter und Doper Chambers zu den Sea Devils brachte: seine Prominenz.

          Denzel Washingtons Sohn gibt den Running Back

          Das Medieninteresse war schon während des Trainigslagers der NFL Europa in Tampa im amerikanischen Bundesstaat Florida so groß, dass die Klubführung auf Wunsch von Bicknell keine Einzelinterviews mit Chambers mehr genehmigte. Das Verbot erstreckte sich auch auf einen jungen Mann namens John David Washington, der einen überaus prominenten Vater hat: den amerikanischen Schauspieler und Oscar-Preisträger Denzel Washington. Der 22 Jahre alte Washington junior versucht sich als Running Back bei den Hamburgern.

          Es war schon in Tampa während der Vorbereitungen auf die Saison offensichtlich, dass Bicknell an dem Doppelpack der Promi-Spieler schwer zu tragen hatte. Die ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf diese beiden. Der große Rest des Teams war fast nur Staffage. „Eine messerscharfe Balance“ nennt Kathrin Platz, die Geschäftsführerin der Sea Devils, die Herausforderung, die Mannschaft nicht zugunsten des Marketings aus dem Gleichgewicht geraten zu lassen.

          Karriere mit Helm und Schulterpolstern

          Einen Mann wie Chambers, der bei den Sea Devils als Wide Receiver die Pässe der Quarterbacks fangen soll, in den Kader aufzunehmen, ist ein gewagtes Experiment. Nicht weil Chambers vor vier Jahren des Dopings überführt worden war. Der 28 Jahre alte Engländer gibt sich geläutert, gesteht seinen Fehler offen ein. „Eine armselige Entscheidung“ nennt er den Griff zu unerlaubten Medikamenten.

          Es gibt zahlreiche Kurzstreckendoper: Justin Gatlin, Tim Montgomery, Dennis Mitchell, Ben Johnson. Und Chambers ist nicht der Einzige, den es zum Football zog. Auch Gatlin strebte eine Karriere mit Helm und Schulterpolstern an und versuchte sich bei Trainingstests beim NFL-Klub Houston Texans. Doch Gatlin hat einen Vorteil: Er ist Amerikaner, hat den Sport auf dem College gelernt und selbst betrieben.

          „Er lässt den Ball immer fallen“

          Headcoach Bicknell versuchte erst gar nicht, Ausflüchte zu finden: „Dwains größter Nachteil ist, dass er noch nie zuvor Football gespielt hat.“ Chambers läuft zwar wie der Teufel, kann aber etwas nicht, was ein Wide Receiver dringend in seinem Repertoire braucht: fangen. „Er lässt den Ball immer fallen“, sagte Bicknell, der sich sichtlich schwertat, Argumente für diesen Football-Neuling zu finden.

          Dass im Team jene Profis, die eine jahrelange, zumeist knallharte Ausbildung in den gnadenlosen Footballcamps der Universitäten hinter sich haben, wenig davon angetan sind, wenn sie nun von einem schnellen Anfänger einfach abgehängt werden, liegt nahe. In Hamburg ist für Chambers von der Liga deshalb extra ein Platz als sogenannter „National“, wie die nichtamerikanischen Spieler genannt werden, reserviert worden. Normalerweise ist die Anzahl der Nationals pro Team auf acht limitiert. Hamburg hat wegen Chambers neun.

          Wie mit einem Formel-1-Auto bei einer Rallye

          Nun muss sich Chambers nach einem fünfwöchigen Crashkurs in Sachen Football darauf einstellen, während eines Spieles schon einmal heftigsten Körperkontakt mit den schweren Jungs der gegnerischen Abwehr zu haben. Es ist sicher eine berechtigte Frage, ob der Brite einen solchen Frontalzusammenstoß ohne das Gefühl, hier fehl am Platz zu sein, überstehen wird. Im Trainingslager von Tampa suchte der einstige Sprinter sein Heil noch meist in der Flucht nach vorne. Er hoffe, den Abwehrhünen auch künftig „einfach davonlaufen“ zu können, sagte Chambers. Doch einen einstigen Star der Tartanbahn in dieser Vollkontakt-Sportart den ultraharten Tackles auszusetzen ist etwa so ähnlich, wie mit einem Formel-1-Auto bei einer Rallye zu starten.

          Dwain Chambers geht das Risiko ein. Nach vorne schauen, an die Familie und den kleinen Sohn Skye denken - all das verbindet er mit dem Football. Die Vergangenheit und die Sache mit dem Doping würde er gerne abschütteln. Aber damit ist es fast wie mit den zahlreichen Tätowierungen, die seine Arme und Schultern bedecken. Mehr als zwanzig sind es. Und Chambers ist es klar: „Sie waren alle ein Fehler.“

          Deutschland gegen Holland

          NFL Europa? Das klingt reichlich übertrieben. Sechs American-Football-Teams versuchen vom 14. April an, das Finale um den World Bowl am 23. Juni in Frankfurt zu erreichen. Fünf Mannschaften kommen aus Deutschland: Berlin Thunder, Frankfurt Galaxy, Hamburg Sea Devils, Cologne Centurions und Rhein Fire Düsseldorf. Die europäische Flagge halten allein die Amsterdam Admirals hoch.

          Das war einmal anders. Die Liga wurde 1991 als World League of American Football gegründet. Einst wurde in Barcelona, Glasgow und London gespielt, anfangs mischten auch amerikanische Teams mit. Die Welt-Liga ist geschrumpft, die wenig rentablen Standorte in Europa wurden geschlossen. Überhaupt entwickelte sich der Ableger der nordamerikanischen National Football League nicht wie geplant. Von Expansion ist vorerst keine Rede mehr.

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