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„Keine Luftschlösser bauen“ : Deutscher Schwimm-Verband im Dauertief

  • -Aktualisiert am

Stemmt sich bei der WM in Südkorea gegen die Krise: Sarah Köhler Bild: dpa

Trotz einiger weniger Erfolge bei der Schwimm-WM in Südkorea: Der Deutsche Schwimmverband sucht verzweifelt nach einem Weg aus der Krise. Die Verantwortlichen streiten sich – oder treten direkt zurück.

          Auch vor der Weltmeisterschaft in Gwangju, Südkorea, sind die Erinnerungen an 2009 wieder glänzend. Vier Einzeltitel, vier Weltrekorde, vier Silber- und eine Bronzemedaille brachten deutsche Beckenschwimmer von der WM in Rom mit. Die Zukunft sollte strahlend werden. Sie wurde es nicht. Drei Jahre später reiste der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) von den Olympischen Spielen aus London ab, erstmals ohne Medaillen. Doch die Krise ist älter. 2000 in Sydney gab es drei olympische Bronzemedaillen. Je zwölf Medaillen wie in Barcelona 1992 und Atlanta 1996 – so viele gab es bei allen folgenden Spielen zusammen nicht mehr. Einzelne Erfolge kaschieren das seit gut 20 Jahren anhaltende Dauertief nicht.

          Das Schwimmen steht wie keine andere für eine große Sportart, die abgestürzt ist und vergeblich den Weg aus der Krise sucht. Konzepte wurden ausprobiert, verworfen, stets begleitet von öffentlich geführten Auseinandersetzungen. Und alle Olympiaden wieder werden die Verantwortlichen am Beckenrand ausgetauscht. Zuletzt traf es Henning Lambertz. Der Rückzug des Chef-Bundestrainers Ende 2018 steht exemplarisch dafür, was im DSV schiefläuft.

          Starrsinnige Egos

          Lambertz, zuvor am Bundesstützpunkt in Essen, war 2013 angetreten, um das deutsche Schwimmen zurück in die Weltspitze zu führen. Seine Konzepte klangen frisch und modern, auch viele seiner späteren Kritiker waren überzeugt. Die DSV-Führung erhoffte sich von der Besetzung aus den eigenen Reihen mehr Miteinander, mehr Ruhe, weniger Kompetenzgerangel. Nach abermals medaillenlosen Spielen in Rio de Janeiro 2016 bildete sich ein Lager, das konstant gegen den immer einsameren Lambertz argumentierte. Er sei ignorant, beratungsresistent, kontrollsüchtig, seine Reformpläne nicht zielführend, zu doktrinär.

          Ratlos: Was auch immer Thomas Kurschilgen versucht, der DSV befindet sich im Sinkflug.

          All das flog dem DSV wie so oft zum Saisonhöhepunkt um die Ohren. Bei der WM 2017 platzte Lagenschwimmer Philip Heintz der Kragen. Er fühlte sich von Lambertz und seinen Methoden um eine Medaille gebracht. DSV-Präsidentin war seit 2016 Gabi Dörries. Sie versuchte, die starrsinnigen Egos zu einem Burgfrieden im Sinne der Athleten zu bewegen. Vergangenes Jahr stimmten die Ergebnisse bei der EM in Glasgow, die Laune schien gut. Lambertz war seinen Kritikern weit entgegengekommen, hatte den einzelnen Trainer-Athleten-Gespanne sehr viel mehr Freiheiten zugestanden.

          Der Schein trog. Vergangenen Dezember trat Lambertz zurück – angeblich aus privaten Gründen. Ein Feigenblatt. Wie aus beiden Lagern zu hören ist, war es so, dass die Demission früher eingeleitet wurde. Im sogenannten Team Tokio, das Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen seit Amtsantritt im September 2018 als zentrale Veränderung forciert hat, sollte Lambertz nur noch als Trainer des früheren Weltmeisters Marco Koch integriert sein. Der 48-Jährige, mittlerweile hauptamtlich im Schuldienst tätig, versucht Koch zurück in die Weltspitze zu bringen. Lambertz, ein Freund klarer Hierarchien, sollte nicht mehr das letzte Wort haben. Den Titel des Chef-Bundestrainers hätte er pro forma behalten können.

          Unterschiedliche Vorstellungen

          Dass das mit dem so machtbewussten Lambertz nicht zu machen sein würde, musste allen Beteiligten klar sein. Als Dörries, seine wichtigste Verbündete, infolge eines Streits um eine Beitragserhöhung zurücktrat, erreichte Lambertz tags darauf eine Aufhebungsvereinbarung, goldener Handschlags und offizielle Sprachregelung inklusive. Kurschilgen verweist in Südkorea weiter auf eine „immense mentale Beanspruchung“ bei Lambertz. Der habe „ständig“ überlegt, ob er bis 2020 weitermachen würde. Es habe aber auch unterschiedliche Vorstellungen über die Entwicklung bis 2020 gegeben. „Ich muss als Chef-Bundestrainer in der Lage sein, die kompetentesten Personen in ein Team zu integrieren, das die größtmögliche Leistung und damit den größtmöglichen Erfolg beim Höhepunkt ermöglichen. Wenn man dazu nicht gewillt ist, dann hat man ein Problem, zumindest mit mir“, sagt Kurschilgen. „In der Summe ist man dann übereingekommen, die Zusammenarbeit nicht mehr bis 2020 fortzuführen.“

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