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Dressurreiten : Kappe unten – Reiter obenauf

  • -Aktualisiert am

Bestnote: Isabell Werth brilliert in Aachen mit ihrer Fuchsstute Bella Rose und gewinnt auch den Quervergleich mit Sönke Rothenberger. Bild: dpa

Sönke Rothenberger steckt seinen Claim wieder ab, Helen Langehanenberg wird Opfer von Arbeitsverweigerung. Und Isabell Werth brilliert mit ihrem vierbeinigen Supermodel.

          Schön, mal so ganz entspannt einen Dressur-Nationenpreis zu verfolgen, bei dem sich andere mit dem Messer zwischen den Zähnen um die besten Plätze streiten. Sönke Rothenberger wusste das zu schätzen – mal ein Päuschen vom permanenten Kampf um perfekte Lektionen. Und er hatte allen Grund, die Arme zu verschränken und die Szenerie auf sich wirken zu lassen, obwohl er natürlich auch selbst zu den fünf Konkurrenten gehört, die sich um vier Plätze in der deutschen Mannschaft bei den Europameisterschaften im August in Rotterdam bemühen. Am Donnerstag aber, als das deutsche Quartett sich beim CHIO in Aachen im Viereck produzierte, war Rothenberger schon fertig.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Das sind die Vorteile der Nachteile: Der hoch aufgeschossene Student aus Bad Homburg hatte es versäumt, sich bei den deutschen Meisterschaften vor einem Monat in Balve für die Aachener Mannschaft zu qualifizieren. Nicht etwa, weil sein Wallach Cosmo gepatzt hätte. Nein, das Pferd hatte Bauchweh. Mit den ersten Anzeichen einer Kolik wurde es in die Klinik gebracht und fehlte bei den Prüfungen. Als Folge wurden Rothenberger und sein Pferd von Bundestrainerin Monica Theodorescu für Aachen in die – natürlich ebenfalls hochklassigen – Rahmenwettbewerbe versetzt und waren schon am Vorabend dran mit ihrem Grand Prix. Und der gelang nach Wunsch, er erreichte die Top-Note von 81,37 Prozentpunkten. Weit mehr als die halbe Miete, das wusste er. Am Donnerstag im Nationen-Grand-Prix ging es also um Teil 1 der Frage: Wen wird Rothenberger aus der Equipe verdrängen? Teil 2 folgt am Samstag im Grand Prix Special, mit dem der Nationenpreis entscheiden wird.

          Nach der ersten Teilprüfung am Donnerstag liegt die deutsche Mannschaft wie erwartet in Führung. Die Spannung, ob das Gastgeber-Team auch dieses Jahr auf dem ersten Platz landen würde, hielt sich in Grenzen, denn das geschieht geradezu notorisch. Erst recht, wenn Isabell Werth mit ihrer Fuchsstute Bella Rose am Start ist, die auch diesmal brillierte: Mit 82,738 Prozentpunkten war sie die einzige, die Rothenberger im Quervergleich übertraf. Und dabei fand sie sogar noch Zeit, während der Prüfung einen Knopf an ihrer Jacke zu schließen. Mit der Meisterin und ihrem vierbeinigen Supermodel kann man für Rotterdam schon rechnen, sofern nichts Gravierendes passiert. Auch Dorothee Schneider mit dem genialen Wallach Showtime empfahl sich nachdrücklich (80,609), ebenso wie Jessica von Bredow-Werndl, die mit der dynamischen Stute Daleera 79,00 Prozentpunkte erzielte. An die interne Konkurrenz dürfe man in dieser Situation nicht denken, sagte sie. „Klappe halten und mein Bestes geben“ – das sei ihr Motto.

          Gekniffen war eine andere: Helen Langehanenberg, die mit ihrem schon siebzehnjährigen Hengst Damsey noch im April beim Weltcup-Finale in Göteborg eine fulminante Vorstellung gegeben hatte. „Er hatte keine Arbeitseinstellung heute“, sagte Monica Theodorescu. Die Reiterin konnte sich in seinem Sattel noch so abmühen: Damsey hatte einfach keine Lust, Piaffen vorzuführen. Er stellte sich dreimal hin und ließ es sein. Im Training am Morgen hatte er noch so getan, als könnte er kein Wässerchen trüben. Erst kurz vor der Prüfung zeigte er Tendenzen, die Führungsrolle zu übernehmen. „Er hat sie verhungern lassen“, sagte die erfahrene Trainerin Theodorescu, selbst Mannschafts-Olympiasiegerin. „Das ist ein ganz blödes Gefühl, wenn einen ein Pferd so hängen lässt.“ So seien Hengste eben manchmal. Die schmerzhafte Konsequenz der Arbeitsverweigerung: Ganze 71,239 Punkte. Damit sind die beiden mit großem Abstand Schlusslicht bei Halbzeit des deutschen Rennens. Die Mannschaft sei noch nicht Thema, beschwichtigte die Bundestrainerin, darüber werde erst am Samstag nach dem Special diskutiert. Doch in Helen Langehanenberg dürfte der Zweifel nagen.

          Ganz anders Rothenberger: „Cosmo ist das einzige Pferd, das seit den Olympischen Spielen in Rio in jeder Mannschaft mitgelaufen ist“, sagt er, „wenn ich also an uns zweifeln würde, wäre das wohl verkehrt.“ Zumal er sich und das Pferd beim erfolgreichen ersten Auftritt noch gebremst hatte. „Ich habe gewusst, dass ich mich zeigen muss. Ich wollte probieren, eine fehlerfreie Aufgabe zu zeigen und deshalb nicht das letzte Risiko nehmen.“ Das tat er dann erst hinterher. Siegesgewiss riss er nach dem Halten die Faust in die Höhe – der Claim war nach langer Abwesenheit wieder abgesteckt. Dann wollte er den Helm zum Grüßen abnehmen, Applaus brandete los, Cosmo machte einen überraschenden Satz zur Seite und die Kopfbedeckung landete auf dem Boden. „Die ganze Energie kam aus ihm heraus.“ Ein Helfer musste den Helm aufheben, während das Pferd lustig weiterbockte. „Lieber die Kappe unten als ich“, sagte Rothenberger trocken.

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