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Dressur : Rath hat Totilas perfekt im Griff

  • -Aktualisiert am

„Rollkur“ bei Totilas - und die Besitzer Ann-Kathrin Linsenhoff (im Foto dritte von links) sowie Paul Schockenmöhle (vierter von links) schauen zu Bild: Julia Rau

Glanz im Viereck, Bedenkliches auf dem Abreiteplatz - der Dressurreiter zeigt harte Hand und wird als Doppelsieger umjubelt. Britin Charlotte Dujardin mit Special-Weltrekord.

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          Die Teilnehmerfelder hatten olympische Qualitäten, das Ambiente mit einem „englischen Dorf“ wirkte olympisch, auch das Motto „Horses and Dreams meets Great Britain“ ließ keinen Zweifel zu: Das Reitturnier auf dem Hof Kasselmann in Hagen am Teutoburger Wald sollte diesmal weit mehr sein als irgendeine Station dieser Saison.

          Für die Dressur war es das dann auch - aus deutscher Sicht zählte vor allem die strahlende Rückkehr von Totilas, dem schwarzen Weltmeister-Hengst aus den Niederlanden, der seit Ende 2010 im Besitz von Paul Schockemöhle und Ann-Kathrin Linsenhoff ist und von Matthias Alexander Rath geritten wird. Als gefeierte Doppelsieger reisten Rath und Totilas aus Hagen ab.

          Eklar bei der Hengstschau in Vechta

          Acht Monate lang, seit der Europameisterschaft nämlich, war das Paar bei keinem Turnier mehr zu sehen gewesen, es gab Verletzungen, über die Belastung von Totilas als Deckhengst im permanenten Einsatz wurde spekuliert, und bei der Hengstschau in Vechta zu Jahresbeginn hatte Rath sein Pferd überhaupt nicht im Griff gehabt. Dann planten Matthias Alexander Rath und sein Vater und Trainer Klaus-Martin Rath auch noch, mit dem früheren holländischen Totilas-Trainer Sjef Janssen zusammenzuarbeiten.

          Das Engagement kam nicht zustande; an den Raths blieb der Vorwurf hängen, hilf- und ratlos zu sein und sich in der Not auf den als brachial geltenden Weg Janssens (Stichwort Rollkur) einlassen zu wollen.

          Im Viereck präsentierte sich das Paar am Samstag und am Sonntag erfreulich - und das unter einem ungeheuren Erwartungsdruck, der sich in der langen Pause aufgebaut hatte. Es war wieder so wie vor Jahresfrist, als Rath sein Turnier-Debüt auf dem Millionen-Pferd erlebte und ihm viele nicht zutrauten, dieses Pferd beherrschen zu können.

          Ein flüssiger Ritt

          Der 27 Jahre alte Kronberger gab eine sportlich überzeugende Antwort: Er stellte den zwölfjährigen Rapphengst am Wochenende so gut wie noch nie in einer Prüfung vor, seit er Totilas im Beritt hat. 83,809 Prozentpunkte im Grand Prix als Kürqualifikation waren der Lohn für einen flüssigen, unangestrengt wirkenden Ritt, der viele Höhepunkte aufwies und belegte, dass Rath mit Totilas in den vergangenen Monaten intensiv gearbeitet hat.

          Die Britin Laura Bechtolsheimer kam mit dem 17 Jahre alten Wallach Mistral Hojris trotz der hohen Punktzahl von 82,745 nur auf Rang zwei. Die Wechsel von Totilas waren glänzend, die Schritt-Tour wirkte verbessert, das Angaloppieren aus der Passage beeindruckte, auch die Piaffe gelang, die früher eine leichte Rückwärtstendenz hatte. Jetzt zeigte Totilas dabei, wie es sein soll, eine leichte Vorwärtsbewegung. Matthias Alexander Rath machte eine Siegerfaust, am Viereck spielten sich bei seinem Vater sowie den Totilas-Besitzern ausgelassene Jubelszenen ab.

          In der Kür am Sonntag, mit neu komponierter, an Michael Jacksons Hits angelehnter Musik, brillierte das Duo mit 88,075 Prozentpunkten, wieder vor Laura Bechtolsheimer (87,600). Rath hatte Totilas perfekt im Griff.

          Rath wendet die „Rollkur“ an

          Zum Gesamteindruck aber gehörten auch die Bilder vom Abreiteplatz, auf dem Rath den Kopf seines Pferdes deutlich hinter die Senkrechte Richtung Brust brachte, der Hals von Totilas wurde überaus stark eingerollt. Das war Hyperflexion, zu Deutsch Rollkur; Ziel ist, dass sich das Tier dem Reiter unterwirft.

          Sieger in Hagen: Matthias Alexander Rath und Totilas Bilderstrecke
          Sieger in Hagen: Matthias Alexander Rath und Totilas :

          Als „Low Deep Round“ (LDR) wird eine vorgeblich „nicht-aggressive“ Variante dieser Methode verteidigt, gerade auch von Sjef Janssen. Über viele Minuten wurde Totilas zunächst so abgeritten. Das Geschehen auf dem Abreiteplatz fließt nicht in die Wertung der Richter ein, ist aber öffentlich. Gerade unabhängige Beobachter kommen zu einem zwiespältigen Urteil nach diesem Turnier: Glanz im Viereck, Bedenkliches auf dem Abreiteplatz. Klaus-Martin Rath sagte der „Reiter Revue“: „Dieses Pferd ist sechs Jahre in dieser Art ausgebildet worden. Wenn man so ein Pferd übernimmt, versucht man erst, es in der eigenen Reitweise zu arbeiten, merkt aber schnell, dass dies nicht so einfach funktioniert. Deshalb versuchen wir, uns auf das Pferd einzustellen.“

          Dujardin überlegene Siegerin im Grand Prix Special

          Mit der Zeit könnten und sollten die Phasen des LDR-Reitens kürzer werden, so Rath senior. Der Trainer habe, heißt es im Internet, den „Totilas-Code geknackt“. Gelingt so bei den Olympischen Spielen, was bei der EM 2011 noch Wunschtraum blieb, der goldene Triumph nämlich?

          Die Britin Charlotte Dujardin lieferte das andere große Dressur-Thema des Wochenendes. Sie zeigte mit dem zehnjährigen braunen Wallach Valegro, dass bei den Spielen in London die Reiter aus dem Gastgeberland die Messlatte sein werden. Die Mannschafts-Europameisterin gewann am Freitag den Grand Prix (81,426 Prozentpunkte) und den Grand Prix Special am Sonntag überlegen (88,022).

          Das war das beste Resultat in der Special-Prüfung, die für die Olympischen Spiele neu konzipiert worden ist und erst seit Beginn des Jahres geritten wird. Das bislang beste Special-Ergebnis hatte der Niederländer Edward Gal 2010 in Aachen, mit 86,458 Prozentpunkten erreicht - im Sattel von Totilas.

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