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Rekordspringerin Gierisch : Links, links, rechts

Das Glück der Dreispringerin: Sprungbein gewechselt, Rekord gesprungen Bild: Picture-Alliance

Ihre Bauchmuskeln sind kein Resultat von Photoshop: Dreispringerin Kristin Gierisch arbeitet hart für ihren Erfolg, verlässt die Komfortzone – und schreibt Geschichte mit drei Sprüngen.

          3 Min.

          Manchmal übertrifft die reale Welt doch noch die virtuelle: „kiri.1459“ nennt Dreispringerin Kristin Gierisch ihren Instagram-Account – zusammengesetzt aus Spitzname und Bestweite in Zentimetern. Seit Anfang Juni müsste sie den zweiten Teil eigentlich in 1461 umbenennen. 14,61 Meter weit war die 28-Jährige beim Springermeeting in Garbsen gesprungen: nicht nur persönliche Bestleistung, sondern auch deutscher Rekord. „Ja, müsste ich ändern“, sagt die Springerin über die markante Zahl – um dann lässig anzufügen: „Schaun wir doch mal, was die Saison noch bringt.“ Zwar erreichte sie nach der nationalen Hallenbestleistung nun auch den Freiluftspitzenwert, doch das Ende der Sprunggrube sieht Gierisch damit noch lange nicht erreicht. „Ich würde sagen, dass der Sprung ganz in Ordnung war“, sagt die Rekordhalterin. „Der perfekte Sprung war es noch nicht.“ Eine 70 oder 80 hinter dem Komma kann sie sich vorstellen, womöglich schon an diesem Donnerstagabend beim Diamond League Meeting in Oslo.

          Kristin Gierisch, geboren in Zwickau, als Leichtathletin aktiv in Chemnitz, beschreibt sich als „risikobereite Frau“. Wenn sie den Eindruck gewinnt, ein Wagnis könne sich lohnen, ist sie bereit, es einzugehen. „Niemand schreibt Geschichte aus der Komfortzone heraus“, sagt die selbstbewusste Sächsin; auch um zu beschreiben, warum sie sich so eine komplizierte Disziplin wie Dreisprung gewählt hat. Eigentlich wollte sie Weitspringerin werden – und das Talent brachte sie auch mit. Doch die Disziplin erschien ihr bald „zu langweilig“. Ein Anlauf, ein Sprung, fertig. „Mir hat irgendwas gefehlt.“

          Als größere Herausforderung entpuppte sich der Dreisprung. Schon in der Grundschule war Kristin einst für die Leichtathletik entdeckt worden – überraschenderweise von ihrer Mathe-Lehrerin. Und womöglich stammt daher ihre Begeisterungsfähigkeit für knifflige Aufgaben. Der Drei-Satz mit 35, 40 Metern Anlauf ist eine motorisch höchst anspruchsvolle Disziplin. „Die Herausforderung ist, drei perfekte Sprünge aneinanderzureihen“, sagt die Könnerin. Hop, Step, Jump. Und dabei keine Energie nach oben verpulvern, sondern schön in die Horizontale zielen und vorankommen. „Das ist die Kunst“, schwärmt Gierisch. In Garbsen war sie mit 9,41 Metern pro Sekunde Tempo am Balken gemessen worden. Viel schneller geht nicht. Aber womöglich weiter, immer weiter, so ihr Anspruch.

          Stolz auf ihre großen Sprünge: 14,61 Meter sind deutscher Rekord Bilderstrecke

          Ihren ersten internationalen Titel hatte die siebenmalige deutsche Meisterin bei der Hallen-EM in Belgrad 2017 gewonnen. Ein Jahr zuvor war sie schon Zweite bei der Hallen-WM in Portland gewesen. Doch das größte Aufsehen erlangte sie bei der famosen Heim-EM im vergangenen Sommer in Berlin. Da gelang ihr vor begeisterungsfähigem Publikum eine persönliche Bestleistung, damals 14,45 Meter, und mit einer Silbermedaille dekoriert der Sprung aufs Siegerpodest. An diesem Tag habe sie schon ein bisschen „Geschichte geschrieben“, sagt sie – als erste Deutsche, die bei einer Freiluftmeisterschaft eine Medaille „in meiner Disziplin“ gewonnen hatte.

          Berlin bedeutete aber nicht nur Höhepunkt ihrer bisherigen Laufbahn, die EM stellte auch einen Wendepunkt dar. Die stets fröhlich auftretende, aber auch sehr reflektierte Sportlerin merkte, dass sie ihre Technik ausgereizt hatte – und entschied sich in Absprache mit ihrem langjährigen Trainer Harry Marusch, das Sprungbein zu wechseln. Statt „rechts – rechts – links“ sattelte sie um auf „links – links – rechts“. Eine nicht unerhebliche Veränderung, und das mit 28. „Außer mir macht das sonst niemand“, war sie sich des Risikos bewusst.

          Gleichwohl erkannte sie den Wechsel als einzige Chance, noch einmal einen Kick zu bekommen, und verließ sich auf ihrer ausgezeichnete Ausbildung. „Wir haben nie einseitig trainiert“, lobt die Sportlerin ihren Trainer, mit dem sie so vertraut ist, dass sie ihn als „zweiten Vater“ bezeichnet. Schon immer gehörten Sprünge mit dem „anderen“ Bein zum Übungsalltag, stets wurden beide Gehirnhälften angesteuert, um flexibel zu bleiben. „Wenn Stereotype drücken, einfach mal brechen“, nennt die Polizeimeisterin eine ihrer Maximen, die nicht nur in der Sprunggrube zum Erfolg führen können.

          Damit sie ihre schwierige Disziplin meistern kann, überlässt die 1,78 Meter große und 59 Kilo leichte Kristin Gierisch nicht viel dem Zufall. Physiotherapie und Ernährungsberatung sind wichtige Bausteine. Und vor allem Fitnesstraining. „Ich habe einen extremen Bewegungsdrang“, sagt Kristin Gierisch. Ihr Eifer kann dazu führen, dass sie auch abends zwischen neun und elf noch im Fitnessstudio anzutreffen ist. Das Resultat spricht für sich: Ihre nicht nur auf Instagrambildern ausgeprägten Bauchmuskeln sind kein Erfolg von Photoshop, sondern Resultat harten Trainings und guter Genetik: „Die sind echt“, sagt sie lachend. Aber eine stabile Mitte ist die Basis, damit der Körper aushält, was der Kopf vorgibt.

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