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Dopingverdacht : Freispruch für Dimitrij Ovtcharov

  • -Aktualisiert am

Suspendierung aufgehoben: Tischtennis-Nationalspieler Dimitrij Ovtcharov Bild: dpa

Der Deutsche Tischtennis-Bund stellt das Verfahren gegen seinen Nationalspieler trotz einer positiven Doping-Probe ein. Der Verband beruft sich auf die Bewertung deutscher Doping-Fahnder. Sie sind überzeugt, dass er in China kontaminiertes Fleisch aß.

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          Dimitrij Ovtcharov darf ab sofort wieder Tischtennis spielen. Das Präsidium des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) entschied einstimmig, die Suspendierung des 22 Jahre alten Nationalspielers aufzuheben. Zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Sports zogen somit positive A- und B-Proben kein Disziplinarverfahren wegen Dopings nach sich.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          DTTB-Präsident Thomas Weikert begründete die Entscheidung mit den Ermittlungsergebnissen, der überzeugenden Indizienkette und den Einschätzungen der Experten Wilhelm Schänzer und Detlef Thieme, beide jeweils Leiter der deutschen Anti-Doping-Labore in Köln und Kreischa: „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit liegt im Fall Ovtcharov kein schuldhafter Verstoß gegen die Anti-Doping-Ordnung vor.“

          Der Verband folgte damit der Darstellung des Sportlers und dessen Rechtsbeistandes, die gefundene Substanz Clenbuterol durch verunreinigte Nahrungsmittel während der Teilnahme an den China Open in der Nähe von Schanghai zu sich genommen zu haben. Clenbuterol wird in der Tiermast eingesetzt. Gegen den Freispruch können die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) und die Weltorganisation (Wada) noch Einspruch einlegen. „Wir werden die Entscheidungsbegründung genauestens und schnellstmöglich prüfen und die Wada über den Stand der Dinge informieren“, sagte Nada-Sprecher Berthold Mertes.

          „Dann müsste das schon ein Selbstmörder sein“

          Vor allem zwei Tatsachen wertete das DTTB-Präsidium als Entlastung für Ovtcharov. Zum einen das Ergebnis einer freiwilligen Haarprobe, die der 22 Jahre alte Hamelner nachträglich abgab. Hätte Ovtcharov regelmäßig Clenbuterol seinem Körper zugeführt, wäre das in den Haaren nachweisbar gewesen. Es fand sich jedoch nicht der kleinste Hinweis. Die Substanz, die fettverbrennend und muskelbildend wirkt, wird unter Dopern in sogenannten Kuren über mehrere Wochen verwendet.

          Vor allem unter Kraft- und Ausdauersportlern sowie bei Bodybuildern ist das Mittel beliebt. Muskelaufbau ist im Tischtennis sekundär, Gewichtsprobleme hat Ovtcharov nicht. Sein Gewicht pendelt nachweisbar seit Jahren um etwa 78 Kilogramm. Die Nebenwirkungen indes sind für Tischtennisspieler besonders schädlich. Der als Doping-Fahnder bekannte Molekularbiologe Werner Franke sagte: „Die häufigste Nebenwirkung von Clenbuterol-Doping ist unkontrolliertes Gliederzittern. Wenn ein Tischtennisspieler Clenbuterol zum Doping nehmen würde, müsste das schon ein Selbstmörder sein.“

          Als zweiten großen Entlastungspunkt sah das DTTB-Präsidium das Untersuchungsergebnis von vier weiteren Nationalspielern an, die ebenfalls an den China Open teilgenommen hatten. Zwar fiel ihre offizielle Doping-Probe am 24. August negativ aus. Aber eine von der Nada in Auftrag gegebene zweite Analyse der Probe mit verfeinerten Messmethoden ergab auch bei ihnen minimale Befunde von Clenbuterol. Dass ihre Werte deutlich niedriger ausfielen als Ovtcharovs und nicht doping-relevant sind, kann damit erklärt werden, dass ihre Probe einen Tag nach Ovtcharovs Überprüfung genommen wurden. Das Clenbuterol war dann schon fast abgebaut.

          „Es ist ein Freispruch erster Klasse“

          Diese Analyseergebnisse bewerteten Schänzer und Thieme so: „Aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren zahlreiche Berichte über den illegalen Einsatz von Clenbuterol in der Tiermast in China bekannt und problematisiert wurden, ist die Annahme, dass bei allen Athleten eine Aufnahme von Clenbuterol in niedriger Menge über kontaminierte Nahrungsmittel erfolgte, die aus unserer Sicht wahrscheinlichste Befunderklärung.“

          Gegen diese Einschätzung mochte sich das Verbandspräsidium nicht stellen: „Eine Verurteilung von Dimitrij Ovtcharov sähe ich angesichts der Indizienlage und der Expertenanalysen als großes Unrecht an“, sagte DTTB-Ehrenpräsident Hans Wilhelm Gäb. „Es ist ein Freispruch erster Klasse, weil durch die Experten feststeht, dass die Aufnahme von Clenbuterol unverschuldet erfolgte“, erklärte DTTB-Präsident Thomas Weikert.

          „Ich werde in China kein Stück Fleisch mehr essen“

          Rekord-Europameister Timo Boll reagierte erleichtert. „Ich freue mich für meine gesamte Sportart. Ich habe immer an die Unschuld von Dimi geglaubt.“ Bundestrainer Jörg Roßkopf sagte: „Der Albtraum ist vorbei. Ich hoffe, dass Dimitrij auch sportlich jetzt schnell wieder in die Spur findet.“ Roßkopf will Ovtcharov beim World Cup Ende Oktober in Magdeburg erstmals wieder einsetzen - auch wenn das Verfahren den vierfachen Team-Europameister psychisch stark belastet hat.

          Ovtcharov war zu Tränen gerührt, als ihm am Freitagmorgen die Entscheidung mitgeteilt wurde: „Meine Freude ist fast noch größer als der Schock über die positiven Kontrollen. Noch einen Monat länger und meine Karriere wäre zerstört gewesen.“ Eine Lehre aus den vergangenen Wochen will der Olympia- und WM-Zweite auf jeden Fall ziehen: „Ich werde in China bestimmt kein einziges Stück Fleisch mehr essen.“

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